Nach Ansicht der Krankenkassen ist die Versorgung mit Apotheken nicht gefährdet – anders als Pharmazeuten behaupten. Nahezu jeder Einwohner könne innerhalb kürzester Zeit eine Apotheke erreichen, schreibt der GKV-Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in einer internen Bewertung zu einem neuen Apothekengutachten, die der F.A.Z. vorliegt. „In Deutschland besteht ein gutes und solides Netz an Apotheken“, heißt es in der Einschätzung. „Gleichzeitig ist die Onlineversorgung über Versandapotheken durch das elektronische Rezept einfacher geworden.“ Der Kassenverband widerspricht damit der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, dass das „Apothekensterben immer dramatischere Dimensionen“ annehme und Gefahren für die Medikamentenbereitstellung berge. Laut ABDA ist die Zahl der Betriebe 2025 netto um 440 oder fast drei Prozent auf rund 16.600 Standorte gefallen. Das sei der niedrigste Stand seit fast 50 Jahren. Patienten müssen länger zur nächsten Apotheke laufen Immer mehr Menschen müssten immer weitere Wege zurücklegen, warnte ABDA-Präsident Thomas Preis. „Das ist eine gefährliche Entwicklung, denn die Resilienz unserer Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung wird mit jeder Apothekenschließung weiter geschwächt“, sagte er. „Die Versorgung durch ausreichend viele Apotheken gehört zur Daseinsvorsorge der Menschen in unserem Land.“ Die ABDA verweist auf das Marktforschungsunternehmens IQVIA, wonach durch die vielen Betriebsaufgaben zwischen 2018 und 2023 mehr als zwei Millionen Personen längere Wege bis zur nächsten Apotheke zurücklegen müssten. „Daran zeigt sich, dass die sinkende Apothekenzahl zu einer Verschlechterung der Versorgung der Bevölkerung führt.“ Der GKV-Spitzenverband stellt diesen Zusammenhang jetzt infrage und beruft sich auf ein neues Gutachten zu Apothekerstandorten und zur Vergütung von Apotheken, das er beim Berliner IGES-Institut in Auftrag gegeben hat. Anlass ist ein Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums von Nina Warken (CDU) zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung. Nach der ersten Lesung im Bundestag vergangenen Freitag kommt die Novelle an diesem Mittwoch in den Gesundheitsausschuss. Die IGES-Studie bestätigt, dass die Zahl der Apotheken zwischen 2022 und 2025 um zwölf Prozent oder 2310 Betriebe gesunken sei. Die Erreichbarkeit mit dem Auto in einem Radius von sechs Kilometern sei aber nur um 0,6 Prozentpunkte zurückgegangen. Entfernung zwischen Arztpraxis und Apotheke entscheidend Daher gelte: „Nahezu jeder Bundesbürger (99,9 Prozent) erreicht im Jahr 2025 mit dem Auto in maximal 15 Minuten eine Apotheke.“ Und wie sieht es ohne Fahrzeug aus? Die Fußläufigkeit innerhalb von 15 Minuten habe sich zwar um 2,1 Punkte verschlechtert, so das IGES. Seit 2020 habe die Zahl der Fußgänger, welche die Apotheke innerhalb einer Viertelstunde nicht erreichen konnten, um 1,7 Millionen Personen zugenommen. Dennoch schafften es 2025 fast 42 Prozent der Bevölkerung, in dieser Zeit zu Fuß anzukommen. Ein international gebräuchlicher Maßstab für „Versorgungssicherheit“ ist dem Institut zufolge eine Entfernung bis zu fünf Kilometern. So definiert, sei die Versorgungssicherheit mit Apothekenleistungen nach wie vor für mehr als 90 Prozent der Einwohner in Deutschland gegeben. Hinzu komme, dass für verschreibungspflichtige Arzneien die Entfernung zur Apotheke vom Arzt aus wichtiger sei als von zu Hause aus. Hier zeigt die Auswertung, dass von zwei Dritteln der Praxen aus eine Apotheke höchstens zehn Minuten zu Fuß entfernt liegt. Mit dem Auto klappt es in weit mehr als 90 Prozent der Fälle in fünf Minuten. „Von den Arztstandorten aus ist die Erreichbarkeit von Apotheken somit deutlich besser als von Wohnorten“, resümieren die Autoren. Insgesamt sei festzuhalten, dass sich die Situation „trotz erheblicher Standortverluste“ in den vergangenen Jahren „nur für einen geringen Anteil der Bevölkerung verschlechtert“ habe: „Das Niveau der Erreichbarkeit mit Auto und zu Fuß ist ähnlich wie im Jahr 2020.“ Höheres Honorar steht nicht in Gesetzentwurf Interessant ist auch, dass es auf dem Land keine überproportionale Zahl an Betriebsaufgaben gebe, die meisten Standorte schlössen in Ober- und Mittelzentren. Der Rückgang liege vor allem am Wettbewerb untereinander: Wo (zu) viele Apotheken stünden, gebe es mehr Aufgaben. Die höchste Zahl sei zwischen 2020 und 2025 in Bremen zu beobachten gewesen. Eine große Rolle in der derzeit debattierten Apothekenreform spielt die Vergütung. Die Pharmazeuten pochen auf die Zusage aus dem Koalitionsvertrag, dass das seit Jahren konstante Fixum je Packung von 8,35 Euro auf 9,50 Euro erhöht wird. Auch Warken will das, die Anhebung steht aber nicht in ihrer Novelle. Der GKV-Spitzenverband macht in dem internen Papier zum IGES-Gutachten einen anderen Vorschlag: „Es braucht in der Summe keine höhere Vergütung, aber das Honorar (...) muss besser verteilt werden.“ Der variable Teil sei zu deckeln. Beim Fixbetrag sollten absatzstarke Apotheken weniger und absatzschwächere mehr je Packung erhalten: „Undifferenzierte Vergütungsanhebungen mit der Gießkanne wären der falsche Weg.“ ABDA-Präsident Preis sieht das völlig anders. „Nach 13 Jahren ohne Erhöhung des Honorars müssen alle Apotheken in Deutschland dringend wirtschaftlich stabilisiert werden“, sagte er am Dienstag der F.A.Z. „Es wäre grundsätzlich falsch und gefährlich für die Versorgung, wenn man die Apotheken mit unterschiedlich hohen Honoraren vergüten würde.“ Nur die Preisbindung sichere die Patientenversorgung flächendeckend und vor dem Hintergrund der knappen Ressourcen. „Ebenso gefährlich wäre es, wenn man den flexiblen Teil der Apothekenvergütung deckelte“, warnte Preis. Gerade bei hochpreisigen Arzneimitteln seien der Einkauf und die Lagerhaltung für die Apotheken sehr kostenintensiv.
