In Kuba gehen die Lichter aus. Zuletzt verdunkelte sich das Land am Wochenende. Es ist nicht nur die Beleuchtung: Auch Klimaanlagen und Heizstrahler bleiben aus – ausgerechnet in einem Moment, in dem Teile der Insel zum ersten Mal seit Beginn systematischer Temperaturaufzeichnungen Frost erleben. Die Kubaner kennen Stromausfälle. Altersschwache Leitungen reißen, Kraftwerke stellen immer wieder den Betrieb ein – oft mangels Ersatzteilen. Doch diesmal ist es anders: Die Vereinigten Staaten haben Kuba fast vollständig von Öllieferungen abgeschnitten. Venezuela, der wichtigste Lieferant, stellte seine Exporte nach Kuba ein, nachdem die USA die Führung in Caracas entmachtet haben und die Ausfuhren kontrollieren. Mexiko, der zweitgrößte Handelspartner des karibischen Inselstaats, beugte sich dem Druck aus Washington: Es stoppte seine Tanker, nachdem Präsident Donald Trump mit Zöllen gedroht hatte. Die Hoffnung, dass andere Länder einspringen, verflüchtigt sich. Algerien und Russland liefern seit dem vergangenen Jahr keine nennenswerten Mengen mehr. Im Januar scheint Kuba eine einmalige Tankerladung Öl in Togo gekauft zu haben. Die Ladung verließ Lomé und sollte Anfang Februar eintreffen, änderte unterwegs jedoch ihren Kurs in Richtung Dominikanische Republik – offenbar auf amerikanischen Druck. Fidel Castro wäre 2026 hundert Jahre alt geworden Die Prognosefirma Kpler schätzt, dass die Ölvorräte des Landes noch für etwa drei Wochen reichen, schrieb die „Financial Times“ kürzlich. Andere Fachleute geben Kuba etwas länger. Der Mangel trifft das Land doppelt: Nicht nur der Verkehr hängt vom Treibstoff ab, sondern auch die Stromversorgung. Mit Schweröl erzeugt Kuba rund 80 Prozent seines Stroms. Das ist nicht nur eine der schmutzigsten und ineffizientesten Methoden der Stromgewinnung, es macht das Land auch anfällig für geopolitische Erschütterungen. Mitte der Neunzigerjahre stoppte Russland die Lieferungen, jetzt fällt Venezuela aus. Kuba deckt mit eigener Förderung nur etwa 30 bis 40 Prozent seines Bedarfs. Und selbst diese Mengen sinken. Ohne zusätzliche Lieferungen scheint der Kollaps kaum zu vermeiden – und dies ausgerechnet im Jubiläumsjahr: Fidel Castro wäre 2026 hundert Jahre alt geworden. Die kubanische Regierung sieht sich gezwungen, die Ausgabe drakonisch zu rationieren. Der staatliche Mischkonzern CIMEX, der Im- und Exporte, den Tourismus sowie das Bankgeschäft kontrolliert, teilte mit, dass der Verkauf von Kraftstoff in kubanischen Pesos sowie der Verkauf von Diesel in US-Dollar auf unbestimmte Zeit verschoben werde. Seit Samstag sollen bestimmte Verkaufsstellen, die US-Dollar akzeptieren, eine Verkaufsplattform betreiben. Tankkunden dürfen nicht mehr als 20 Liter erhalten. Die kubanische Regierung teilte außerdem mit, dass internationale Fluggesellschaften ihre Maschinen nicht länger in Kuba betanken können: Die Kerosinvorräte gehen zur Neige. Der Betankungsstopp gilt vorerst für einen Monat. Im ganzen Land sind mehrstündige Stromausfälle die Regel, warnt das Auswärtige Amt. Der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen, leidet ohnehin schwer. Im vergangenen Jahr verzeichnete Kuba nur 1,9 Millionen internationale Touristen. In den besseren Jahren kurz vor der Pandemie waren es zwischen vier und fünf Millionen. Vor allem Kanadier, Russen und im Ausland lebende Kubaner bleiben weg – abgeschreckt durch Stromausfälle, wachsende Kriminalität und entsprechende Reisewarnungen. Mehrere Fluggesellschaften haben deshalb ihren Flugverkehr nach Kuba reduziert oder ganz eingestellt. „Wahrscheinlich die tiefste Krise ihrer Geschichte“ Die Schweizer Botschaft in Havanna veröffentlichte im vorigen Oktober einen Bericht zur wirtschaftlichen Lage, den sie mit diesem Satz begann: „Die kubanische Wirtschaft erlebt derzeit wahrscheinlich die tiefste Krise ihrer Geschichte, geprägt von einer Kombination zahlreicher externer und interner Faktoren.“ Der generelle Mangel an Rohstoffen und Vorleistungen reduziere die gesamtwirtschaftliche Leistung um 30 bis 50 Prozent. Gleichzeitig sinke die Produktivität wegen des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften. Das Land erlebt eine Auswanderungswelle junger Menschen. Hunderttausende verlassen jedes Jahr die Insel. Zurück bleiben die Alten. Der Agrarsektor – für die Ernährungssicherheit zentral – steckt seit Jahren im Sinkflug, schreiben die Schweizer Analysten. Die Produktion reiche nicht mehr. Rund 55 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche liegen brach. Es fehlt an allem, was Landwirtschaft braucht: Dünger, Pflanzenschutz, Maschinen, Treibstoff. Stand Juni 2025 muss Kuba 70 bis 80 Prozent der Lebensmittel für den eigenen Bedarf importieren. Hunger ist inzwischen ein vertrautes Phänomen: Das amerikanische Landwirtschaftsministerium kam schon im Jahr 2023 zu dem Ergebnis, dass 1,4 Millionen Menschen – 13 Prozent der Kubaner – unterernährt sind, während knapp 40 Prozent keinen verlässlichen Zugang zu ausreichenden Mengen sicherer und nährstoffreicher Nahrung haben. Inzwischen bringen selbst amerikanische Hilfsorganisationen Linsen und andere haltbare Lebensmittel nach Kuba. Die kubanische Führung signalisierte der Trump-Regierung Verhandlungsbereitschaft ohne Vorbedingungen. Möglicherweise wird schon verhandelt: Das spanische Medium ABC Internacional berichtet, die Gespräche würden von Alejandro Castro Espín geführt, dem Sohn Raúls und Neffen Fidels. Er soll demnach in Mexiko mit der CIA in Kontakt stehen. Zur Debatte stehe eine Öffnung der kubanischen Wirtschaft für amerikanische Investoren – wenn im Gegenzug das Regime nicht gestürzt wird.
