Zwei Klaviere warten in seinem Dienstzimmer im Staatstheater. Ansonsten sieht es dort noch etwas kahl aus. Für Inneneinrichtung hat Paul Taubitz, als Erster Kapellmeister und Stellvertreter des Generalmusikdirektors Leo McFall in dieser Spielzeit neu in Wiesbaden, momentan keine Zeit. Er hat nicht nur mit Wiederaufnahmen und Neuproduktionen alle Hände voll zu tun, sondern ist auch zuhause sehr gefragt. Erst kürzlich ist der junge Dirigent, 1993 in Kiel geboren, Vater geworden. Unübersehbar aber ist der Taktstock, um den sich das Gespräch zunächst dreht. Ist er nicht auch ein Symbol für fragwürdig gewordene Machtausübung am Dirigentenpult? „Ich finde gar nicht“, sagt Paul Taubitz zu so einer symbolischen Aufladung des Holzstückchens. Ja, in gewissem Sinn sei sein Beruf unzeitgemäß. Aber mit der Macht verhalte es sich doch eher umgekehrt: „Wenn das Orchester nicht möchte, kann man so viel wedeln wie man will, dann hat man wenig Macht.“ Als junger Dirigent, der es im Orchestergraben mit einem erfahrenen Kollektiv zu tun hat, versuche er, „eher eine moderierende Art und Weise des Dirigierens“ zu finden. Ohne Taktstock habe er das Gefühl, „dass ich meine Klarheit verliere.“ Mit ihm könne er die Zeichengebung auf einen bestimmten Punkt konzentrieren. Und im Opernbetrieb sorge der Stab auf dem Dirigentenmonitor für bessere Sichtbarkeit bei Chor oder Bühnenmusik. Jeder von uns musste Klavier spielen“ Das Musiktheater wurde dem Dirigenten in die Wiege gelegt: Sein Vater war 40 Jahre Soloklarinettist am Theater Kiel, seine Mutter freischaffende Sängerin. „Jeder von uns musste Klavier spielen“, sagt Taubitz über die „Grundausbildung“ der sechs Kinder. Als Sechsjähriger fasste er den kühnen Plan, Klassensprecher und Solotrompeter der Berliner Philharmoniker zu werden, studierte dann aber doch Klavier und schließlich Dirigieren, früh gefördert und bestärkt von Kiels ehemaligem Generalmusikdirektor Georg Fritzsch. „Es hat mir sehr gefehlt, mit anderen Menschen zu musizieren“, sagt Taubitz über die Einsamkeit am Klavier bei einem täglichen Pensum von acht Stunden. An Münchens Musikhochschule zählte Marcus Bosch, einst ebenfalls Kapellmeister in Wiesbaden, zu seinen Lehrern. Von seinem Vorgänger Chin-Chao Lin hat Taubitz das Stäbchen übernommen, das nun nicht zur Ruhe kommt. Er hat die Wiederaufnahme von „Freischütz“ geleitet und freut sich in dieser Spielzeit unter anderem auf die Premiere der Oper „Die Vögel“ von Walter Braunfels im März. Besonders aufwendig ist gerade die Probenarbeit für „Alles Liebe!“. Bei der Operette handelt es sich nicht um Standard-Repertoire, sondern eine veritable Uraufführung. „Schon Wahnsinn, was da abgefeuert wird“, war sein Eindruck nach dem ersten Durchlauf: „Tolle Verwandlungen, Choreografien noch und nöcher, viele große Chorszenen. Die wollen natürlich alle gut geprobt werden.“ „Alles Liebe!“, ein Werk der Komponistin Misha Cvijović und des Librettisten Philipp Amelungsen, wird als „queere Landoperette“ angekündigt. Der Entwurf wurde mit dem Preis der Rheinhold Otto Mayer-Stiftung ausgezeichnet. Das Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro wird, so die der Förderung deutschsprachiger Bühnenwerke verpflichtete Stiftung auf ihrer Homepage, in Form eines Stückauftrags über das Staatstheater vergeben. Außerdem gibt es 15.000 Euro Zuschuss zu den Produktionskosten. Die Uraufführung wird am 5. und 6. Dezember von einem Symposium begleitet: „Operette für das 21. Jahrhundert“. Es ist in Studio, Wartburg und Großem Haus bei zumeist freiem Eintritt jedermann zugänglich. Ausgrenzung als Thema Die Handlung von „Alles Liebe!“ scheint direkt aus dem diversen Leben gegriffen zu sein. Einem insolventen Dorf im schönen Hessenland winken viele Fördermillionen für Vielfalt, aber „besorgte Bürger“ sind nicht so begeistert von der Regenbogenflagge am Rathaus. „Ich finde es sehr spannend, ein solches Stück zu spielen“, sagt Taubitz: „Das wichtigste Thema ist die Ausgrenzung von Minderheiten.“ Der Dirigent konnte schon einige Erfahrung mit den Klassikern des Genres sammeln. Als Assistent in Rostock war er sehr begeistert von Eduard Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“. Dort hat er auch seine erste Oper dirigiert: „La Traviata“. In Heidelberg war er als Zweiter Kapellmeister für „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár verantwortlich, „eine meiner Lieblingsoperetten“. Am Theater Plauen-Zwickau, zum Ersten Kapellmeister aufgestiegen, folgte „Die Fledermaus“. Taubitz nimmt allerorten einen „großen Durst“ nach dieser Gattung wahr und freut sich, eine Novität aus der Taufe heben zu können. Misha Cvijović habe „sehr viele verschiedene Stile in die Operette hineinkomponiert“. Es gebe schöne, „operettige“ Nummern, wie man sie von der Gattung erwarte. Aber auch ein Kontrastprogramm mit „musicalartigen Funky-Nummern“ und Anklängen an Minimal-Music, „die das Stück ins Heute holen“. Auf der Bühne schaut dieses Heute übrigens, wie bei einem Probenbesuch im Großen Haus zu sehen ist, schon viel heimeliger aus als das Dienstzimmer von Paul Taubitz. Fachwerk und hessisches Mittelgebirgsgrün bestimmen das Bild. Die Handlung betont die Menschlichkeit im Miteinander. Auch das könnte gut in die Vorweihnachtszeit passen.
