Als Ludwig Erhard im November 1964 das neue „Wohn- und Empfangsgebäude des deutschen Bundeskanzlers“ bezieht, ist der flachgedeckte Bau weniger Adresse als Haltung. Der von bodentiefen Glasflächen gerahmte Pavillon tritt unter den mächtigen Pappeln und Platanen so sehr zurück, als wolle er die große Geste mit allen Mitteln vermeiden. Stünde er an der kalifornischen Pazifikküste und nicht hier am winterlichen Rhein, er ließe sich mühelos für ein Mid-Century-Ferienhaus halten: auskragendes Dach, leichte Konstruktion, Architektur als beiläufige Selbstverständlichkeit. Diese nordamerikanische Gelassenheit ist dem behäbig-konservativ auftretenden Bauherrn durchaus willkommen. Wenn die junge Bundesrepublik auffallen sollte, dann, so Erhards Credo, bitte durch Unauffälligkeit. Ein demonstrativer Gegenentwurf zur NS-Architektur „Die Architektur sollte vermitteln: Das ist die neue junge Bundesrepublik. Modern, bescheiden, transparent, weltoffen“, sagt Miriam Aline Schwarz, die beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung für die Liegenschaft zuständig ist. Der Kanzlerbungalow war ein demonstrativer Gegenentwurf zu den hypertrophen Machtgesten der NS-Architektur, ein freundlicher Bau aus zwei quadratischen, eingeschossigen Atriumhäusern, die gemeinsam eine leicht versetzte Acht bilden. Das größere Quadrat beherbergte die repräsentativen Räume, das kleinere die privaten. Die Böden waren aus römischem Travertin, die Wände aus Palisander, die Decken mit brasilianischer Kiefer abgehängt, dazu Möbel von Herman Miller. Mit dem Entwurf hatte Ludwig Erhard seinen Lieblingsarchitekten Sep Ruf betraut, der nicht nur Erhards Nachbar am Tegernsee war, sondern auch dessen privates Wohnhaus gebaut hatte. Offiziell beauftragt wurde Ruf erst am Tag von Konrad Adenauers Rücktritt, doch schon am nächsten Morgen rückten die Planierraupen an. „Ludwigslust“ und „Palais Schaumbad“ Als durchgestochen wurde, dass sich die Kosten für Bau und Ausstattung auf 2,6 Millionen Mark belaufen würden – hatte nicht gerade Erhard zum „Maßhalten“ aufgefordert? –, regte sich Widerstand in der Presse. Stein des Anstoßes war auch ein kleiner Pool, der dem Haus die Beinamen „Ludwigslust“ und „Palais Schaumbad“ einbrachte – eine Anlehnung an das benachbarte Palais Schaumburg, des Kanzlers Dienstsitz. Als der Bau schließlich vollendet war, erschien er den geladenen Medienvertretern wiederum zu bescheiden. Der „Spiegel“ sprach von einem „Hilton für Anfänger“. Doch den Vater des deutschen Wirtschaftswunders focht das nicht an. Bei der Einweihung ließ sich Erhard demonstrativ in ein weißes Ledersofa fallen, paffte seine Zigarre und erklärte: „Sie lernen mich besser kennen, wenn Sie dieses Haus ansehen, als wenn Sie mich eine politische Rede halten hören.“ Adenauer befürchtete, der Bungalow brenne nicht einmal In konservativen Kreisen provozierte dieses Bekenntnis zur Moderne beträchtliche Unruhe, widersprach es doch jeder gängigen Vorstellung staatlicher Würde. Konrad Adenauer, Erhards Vorgänger, reagierte mit der ihm eigenen Schärfe: Er fürchte, der Bungalow brenne nicht einmal. „Da kann kein Mensch drin wohnen“, sagte er. „Wer das gebaut hat, verdient zehn Jahre.“ Auch Erhards Nachfolger Kurt Georg Kiesinger las die filigrane Architektur weniger als Ausdruck ihrer Zeit denn als Angriff auf die schwäbische Seele und machte sich sogleich daran, sie vor laufenden Kameras mit Häkeldeckchen, Stilmöbeln und antiker Kunst zu bändigen. Der Bungalow sei ein „scheußliches Gehäuse“, urteilte er. Die von ihm beauftragte Innenarchitektin Helga Witzemann strich die getäfelten Wände weiß, tapezierte Stahlstützen mit Raufaser und unterhängte die Holzdecken mit Gipsplatten. Architekt Sep Ruf teilte sie per Brief mit, dem Ehepaar Kiesinger missfalle vor allem der private Teil. Nicht zuletzt wegen der Raumgröße, „besser gesagt ‚Raumkleine‘“. Dass im privaten Bereich des Bungalows Zustände wie im sozialen Wohnungsbau herrschten – kleine Räume, niedrige Decken, enge Flure –, lag nicht zuletzt an der Kostendiskussion, in deren Zuge die bewilligten Mittel um rund eine halbe Million Mark gekürzt wurden. Ruf strich deshalb vor allem die Privaträume zusammen. Für eine Familie mit Kindern erwies sich das Haus damit als kaum geeignet. Willy Brandt blieb lieber in seiner Dienstvilla Willy Brandt zog 1969 deshalb erst gar nicht ein und blieb in seiner früheren Dienstvilla auf dem Venusberg wohnen. Möglich machte das ein amtsärztlicher Bescheid, dass seine Lunge das feuchte Klima am Rhein nicht vertrage. Stattdessen brachte Brandt, wie viele Kanzler nach ihm, auch Staatsgäste im Bungalow unter. Nicht alle konnten ihre Verwunderung über die Form der Unterbringung verhehlen. Vom Besuch des Präsidenten aus Niger etwa ist folgende Anekdote überliefert: Als er vom Palais Schaumburg durch die großzügige Parkanlage zum Bungalow geleitet wurde, soll er seine Gastgeber gefragt haben, ob man vergessen habe, den Schlüssel beim Hausmeister zu holen. Helmudt Schmidt fand den Bau unpraktisch Mit Helmut Schmidt zog 1974 wieder ein Bewohner ein, der die Architektur vielleicht nicht vollumfänglich schätzte, aber immerhin verstand. Er ließ den Bungalow restaurieren, ergänzte ihn um eine kleine Sauna im Keller und setzte in den düsteren Jahren des Deutschen Herbstes noch eine Front aus Panzerglas vor die Terrasse. „Brauchbar“ habe er das Haus gefunden, erzählte Schmidt später der „Zeit“, aber keineswegs komfortabel. „Es war ein typischer Architektenbau. Schön anzusehen, aber unpraktisch.“ Vor allem die Privaträume empfand Schmidt als unerquicklich. Er sprach von „Schlafwagen-Abteilen“. Ganz falsch war das nicht: Die Schlafzimmer von Kanzler und Kanzlergattin maßen ernüchternde sechzehn Quadratmeter. Kohls Söhne mussten auf Luftmatratzen schlafen „Der private Bereich war sehr teuer, aber er war gar nichts“, sagte auch der letzte Bewohner Helmut Kohl. Für die private Nutzung der 142 Quadratmeter zahlte er wie seine Vorgänger 3600 Mark Miete. Kohls großgewachsene Söhne mussten auf Luftmatratzen schlafen, weil die Gästebetten zu klein für sie waren. Der Kanzlerbungalow sei ein „absurdes Bauwerk“, befand Kohl. „Jede Form von Behaglichkeit unmöglich.“ Deshalb ließ er die Klinkerwände mit Seide bespannen, einen Sternhimmel aus Halogenlämpchen installieren und die Vorhänge raffen. Kohl machte den Bungalow zum Schauplatz einer pfälzischen Gutbürgerlichkeits-Offensive mit Velourscouch, Landschaftsmalereien („Kärntner Berge im Vorfrühling“) und Perserteppich. Das Bad geriet karamellbraun. Jeden Freitagmittag floh der Kanzler mit dem Helikopter nach Oggersheim. Schröder überließ den Bungalow seinem Vorgänger Und doch blieb Kohl am längsten. Sechzehn Jahre. Als Gerhard Schröder ihm im Amt folgte, ließ er seinen Vorgänger, der sich nicht recht von der Macht trennen wollte, im Kanzlerbungalow wohnen. So konnte Schröder selbst im klassizistischen Palais Schaumburg wohnen; bald ging es ohnehin nach Berlin. Der Abschied passte zu diesem Haus. Der Bungalow, der politisches Spitzenpersonal reihenweise vertrieben hatte, hielt am Ende ausgerechnet jenen fest, der ihn am wenigsten wollte. Im Herbst 1999 zogen Helmut und Hannelore Kohl aus. Ihr nüchternes Kündigungsschreiben hängt heute gerahmt im Eingangsbereich. Denn inzwischen ist der Bungalow für Besucher zugänglich. Zu verdanken ist das vor allem der Wüstenrot-Stiftung, die sich seit Jahren um den Erhalt herausragender Bauten der Moderne verdient macht. Vor 20 Jahren bot sie der Bundesregierung an, den Kanzlerbungalow in ihr Denkmalprogramm aufzunehmen. Kurz darauf begann die Instandsetzung. Welche Ära können Besucher heute sehen? Dabei stellte sich eine wichtige Frage: Welche Kanzler-Ära wollte man bewahren? Man entschied sich für einen Mittelweg. „Die Garderobe und die Empfangshalle sind in ihre bauzeitliche Form zurückgeführt worden, die Kamindiele und die Privaträume wurden so belassen, wie die Familie Kohl sie geprägt hat“, sagt Ute Willinger, die ebenfalls als Architektin beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung arbeitet. Für die originalgetreue Möblierung zog man den Frankfurter Möbelexperten Frank Landau zurate. „Als ich das erste Mal hereinkam, sah der Bungalow wie eine Abstellkammer aus“, erinnert er sich. „Alles, was man irgendwo nicht mehr brauchte, war dort abgeladen worden.“ Landau besorgte mehrere elegante „Lobby Chairs“ von Charles und Ray Eames. Ein Raumausstatter wurde damit beauftragt, das sogenannte „Kanzlersofa“ nachzubauen, von dem man ein Exemplar im Keller gefunden hatte. „Er dachte wohl, das sei ein Einzelstück, und wollte das dann auch vermarkten“, sagt Landau. „Dabei stammte es gar nicht wie vermutet von Sep Ruf, sondern war das Modell ‚5407‘ des amerikanischen Designers Edward Wormley.“ Der Bungalow kann brennen Frisch möbliert hätte der Bungalow erst einmal so bleiben können. Wäre da nicht ein Thema auf den Tisch gekommen, das letztlich jeden Bauherrn irgendwann einholt: der Brandschutz. Denn anders als von Adenauer befürchtet war der Bungalow keineswegs unverwundbar. „Außerdem liegt das Gebäude so abgeschieden, dass ein Brand womöglich erst bemerkt würde, wenn es schon zu spät ist“, sagt Willinger. Anderthalb Jahre lang arbeitete sie mit Miriam Aline Schwarz an der brandschutztechnischen Ertüchtigung des Hauses. Kosten: rund 2,7 Millionen Euro. Nur, da waren sich alle einig, Rauchmelder sollten keine zu sehen sein. Zumindest nicht im repräsentativen Teil. Den Architektinnen kam zupass, dass der Bereich mit einer 700 Quadratmeter großen Abhangdecke überspannt ist. Im Hohlraum darüber installierten sie ein Rauchansaugsystem, dessen kaum sichtbare Röhrchen kontinuierlich Luftproben ziehen und analysieren. Für die Feuerwehr wurden 27 sogenannte Revisionsklappen integriert, die sich im Brandfall selbständig öffnen. Zwischen Marderfamilien und versenkbaren Wänden Um die Brandlasten oberhalb der Holzriemendecke zu reduzieren, wurden die Elektroinstallationen erneuert – und zunächst eine Marderfamilie ausquartiert, die sich im Dachraum häuslich eingerichtet hatte. Um eine Rückkehr auszuschließen, integrierten die Architektinnen Tierschutzgitter in den äußeren Dachüberstand. Zugleich entfernten sie Altlasten, darunter Mineralwollen und Asbest. Anschließend wurden die nummerierten Paneele wieder an ihren ursprünglichen Platz gesetzt. Und noch eine Überraschung gibt es. „Schauen Sie mal“, sagt Willinger und deutet auf eine feine Linie im Boden. „Darunter verbirgt sich eine versenkbare Wand.“ Sep Ruf hatte sie, so war es damals en vogue, eingebaut, um die Räume je nach gesellschaftlichem Anlass neu zu ordnen. So ließ sich etwa der Empfangsraum vom Musikzimmer abtrennen. „Wir haben die Technik überarbeitet und wieder funktionsfähig gemacht“, sagt Willinger. Eine zweite Wand liegt unter dem großen Perserteppich im Esszimmer verborgen. „Familie Kohl hielt die aber für Unsinn“, ergänzt die Architektin. „Und hat dann diesen Leuchtenhimmel hier eingesetzt, sodass die Wand jetzt nicht mehr genutzt werden kann.“ Das wird wahrscheinlich auch bis auf Weiteres so bleiben. Priorität hat ohnehin erst mal eine ganz andere Sache: die Fenster. Viele von ihnen stammen noch aus den Sechzigerjahren und müssen bald ersetzt werden. Denn ein wesentlicher Teil jener Leichtigkeit, die den Kanzlerbungalow bis heute ausmacht, entstammt einer Epoche, in der Architektur zwar mit politischen und ästhetischen Zumutungen zu ringen hatte. Mit denen von heute – Brandschutz und Energieeffizienz – noch nicht.
