FAZ 26.02.2026
09:23 Uhr

Kampf um den Römer: Vier Visionen für Frankfurt


Wagen wir ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Parteien ihre Wahlprogramme mit absoluter Mehrheit umsetzen könnten? Wir haben uns die Versprechen von CDU, SPD, Grünen und FDP daraufhin angeschaut.

Kampf um den Römer: Vier Visionen für Frankfurt

Wer einen Blick in die Wahlprogramme der vier den Alltag der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung bisher bestimmenden Kräfte wirft, dem offenbart sich ein gespaltenes Panorama: CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP präsentieren nicht bloß unterschiedliche politische Nuancen. Sie entwerfen, wenn man sie tatsächlich wörtlich nähme, gänzlich unvereinbare Vorstellungen darüber, was die Stadt im Kern ausmacht. Es geht dann um nichts Geringeres als die Identität Frankfurts. Das Paradoxon ist, dass sie mit diesen Programmen später in eine Koalition eintreten müssen; Enttäuschungen sind programmiert. Die CDU zieht unter dem Leitmotiv in den Wahlkampf, Frankfurt zu einer „Chancenstadt“ zu machen. Die derzeit nicht an der Macht beteiligte Partei fordert den „Politikwechsel jetzt!“ – und die Prioritäten sind klassisch bürgerlich justiert. An erster Stelle des Programms prangt unmissverständlich das Feld „Sicherheit & Sauberkeit“. Es folgt das Bild einer Metropole, die Leistung wieder uneingeschränkt anerkennt, in der die Bürger ihr Leben frei gestalten können und die – ganz profan – wieder auf allen Ebenen funktioniert. Flankiert wird dieser Ansatz durch einen starken Fokus auf eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur sowie eine rigide Haushaltspolitik: „Finanzen & Controlling“ sollen eine solide, wirtschaftsfreundliche Basis schaffen. Aus der bisherigen Opposition heraus schreibt sich das leicht. SPD verspricht bezahlbares Wohnen Ganz anders die SPD: Angeführt von ihrem Oberbürgermeister Mike Josef, der nicht zur Wahl steht, aber dennoch der größte kommunalpolitische Pluspunkt für die Partei ist, positionieren sich die Sozialdemokraten als urbane Schutzmacht der Daseinsvorsorge. Unter dem Slogan „Wir machen Frankfurt. Für alle“ liegt das ungeteilte Hauptaugenmerk auf der sozialen Gerechtigkeit. Das unangefochtene Kernthema ist hier das bezahlbare Wohnen. Die SPD strebt eine Stadt an, die niemanden zurücklässt. Dies umfasst einen starken Mieterschutz, einen befristeten Mietenstopp bei städtischen Wohnungsbaugesellschaften und den massiven Ausbau von Bildungsangeboten. Der Umwelt- und Klimaschutz ordnet sich bei der SPD zwingend dem Primat der sozialen Gerechtigkeit unter. Grüne wollen umfassend transformieren Die Grünen hingegen formulieren den wohl umfassendsten und radikalsten Transformationsanspruch aller hier betrachteten Parteien – und haben dafür das mit Abstand ausführlichste Programm niedergeschrieben. Ihr Ziel lautet schlicht: Frankfurt muss „Europas GRÜNES Herz“ werden. Der ökologische Umbau zur Umweltmetropole durchzieht das gesamte Programm. Doch es bleibt nicht bei der Ökologie. Ein ausgeprägter identitätspolitischer Fokus prägt das Papier zudem. Feminismus, der Schutz queeren Lebens und die aktive Gestaltung von Diversität sind keine Randnotizen, sondern zentrale Leitlinien. Die Stadt soll nicht nur klimaneutral, sondern in jeder Hinsicht inklusiv und antidiskriminierend umgebaut werden. Die FDP schließlich tritt als Stimme der wirtschaftlichen Vernunft und der administrativen Effizienz auf. Mit dem fordernden Slogan „Frankfurt machen.“ plädieren die Freien Demokraten für ein „Funktionierendes Frankfurt“. Der liberale Fokus liegt auf der Entfesselung der Wirtschaft und dem radikalen Abbau bürokratischer Hürden. „Verwaltung muss ermöglichen und nicht verhindern“, lautet das liberale Credo. Ergänzt wird dies durch einen pragmatischen Ansatz in der Verkehrspolitik, der alle Verkehrsteilnehmer mitnehmen will, und eine deutliche Kritik an staatlichen Kostentreibern – formuliert unter dem Titel „Der Staat auf der Nebenkostenabrechnung“. So viel zur Bestandsaufnahme. Legt man diese vier Entwürfe übereinander, zeigen sich ideologische Gräben, die in künftigen Koalitionsverhandlungen für Brüche sorgen werden. Der offensichtlichste Konfliktherd ist die Verkehrspolitik. Die Grünen streben eine fundamentale Verkehrswende an. Frankfurt soll zur „Flanierstadt“ werden, der private Autoverkehr massiv zurückgedrängt werden. Man schreckt nicht davor zurück, den Einsatz von „Scancars“ zur automatisierten Erfassung von Falschparkern zu fordern. Im Gegensatz dazu stehen CDU und FDP, die pragmatische Konzepte fordern, die den Autofahrer nicht drangsalieren und die wirtschaftlich überlebenswichtige Logistik im Blick behalten. Mit den Grünen gemeinsam geht da nichts; wenn man sich an die Programme hält, am ehesten noch mit der SPD. Die zweite große Trennlinie verläuft beim Wohnungsbau. Für die SPD ist der Staatseingriff ein moralischer Imperativ. Die Grünen verknüpfen den Bau neuer Wohnungen mit strengsten ökologischen Prämissen und dem Erhalt von Freiräumen. FDP und CDU hingegen sehen in dieser staatlichen Überregulierung das eigentliche Problem. Sie wollen „Wohnungsbaubremsen lösen“ und setzen auf den freien Markt sowie die Förderung von Eigentum. Auch das passt schwer zusammen. Große Unterschiede in der Sicherheitspolitik Der dritte Unterschied zeigt sich in der Sicherheitspolitik, fokussiert wie unter einem Brennglas auf das Frankfurter Bahnhofsviertel. Die CDU fordert hier mehr Härte, konsequente Videoüberwachung und Polizeipräsenz. Die FDP pflichtet diesem Ruf nach einem sicheren Stadtbild bei. Die Grünen hingegen wollen den umstrittenen „Frankfurter Weg“ der Drogenpolitik „mutig weitergehen“ – mit mehr Hygienecentern und medizinischer Hilfe statt Repression. Die SPD sucht derweil einen ausgleichenden Mittelweg zwischen Sicherheit und dem Schutz vulnerabler Gruppen. Wagen wir an dieser Stelle das Gedankenexperiment: Wie sähe Frankfurt im Jahr 2031 aus, wenn jede dieser Parteien ihr Programm mit absoluter Mehrheit umsetzen könnte – und dies dann auch aus ihrer jeweiligen Sicht erfolgreich täte? Das CDU-Frankfurt 2031 präsentierte sich als blitzsaubere, durchorganisierte „Chancenstadt“. Das Bahnhofsviertel wäre nach rigorosen Einsätzen befriedet und gliche eher einem hochfunktionalen Geschäftsbezirk. Die Pendlerströme flössen reibungslos über gut ausgebaute Straßen, die Logistik rund um den Flughafen brummte ungestört. Der Kämmerer freute sich über eine solide Haushaltskasse. Das SPD-Frankfurt 2031 hätte eine ganz andere Skyline. Massive, städtisch subventionierte Wohnkomplexe würden das Bild prägen. Dank strenger Mietenstopps könnten auch Normalverdiener wieder im Nordend wohnen. Kitas und Schwimmbäder wären gebührenfrei und in rein öffentlicher Hand. Die Stadtgesellschaft rühmte sich ihres beispiellosen Zusammenhalts. Im Grünen-Frankfurt 2031 wäre der private Pkw-Verkehr aus dem Anlagenring fast vollständig verbannt. Man flanierte auf breiten Boulevards unter schattenspendenden Bäumen, vorbei an unzähligen Trinkbrunnen. Lastenräder dominierten die perfektionierte „15-Minuten-Stadt“. Die Verwaltungssprache wäre konsequent gegendert.  Und das FDP-Frankfurt 2031? Hier wäre ein wahrer Traum aus Deregulierung und Effizienz wahr geworden. Baugenehmigungen für neue Gewerbeflächen würden digital in Rekordzeit erteilt. Steuern und Gebühren wären auf ein Minimum gesunken. Der Verkehr rollte frei und ideologiefrei für alle. Die Eigenverantwortung wäre die absolute Maxime. Und in der Wirklichkeit? Doch zurück in die Gegenwart. Am Ende zwingt die Realität in den Sitzungssälen des Römers jeden künftigen Magistrat in ein Korsett aus Machbarkeit und ökonomischer Notwendigkeit. Und: Unabhängig davon, wer von 2026 an regiert, zeichnen sich unumstößliche Veränderungen ab. Frankfurt am Main wird deshalb 2031 in jedem Szenario digitaler arbeiten, sich baulich weiterentwickeln und im Straßenbild wesentlich geordneter auftreten müssen. Das Frankfurter Lebensgefühl mag erfreulich vielseitig sein – doch der Anspruch der Bürger und der ansässigen Wirtschaft an eine schlichtweg funktionierende, sichere und wirtschaftlich starke Metropole dominiert alles. Daran wird sich auch die nächste Stadtregierung messen lassen müssen.