Der schlechteste Eindruck, der nun entstehen könnte, wäre der, dass Daniel Thioune überfordert ist. „Ich kenne mich mit anspruchsvollen Situationen aus, auch wenn sie mir in der ersten Liga noch nicht widerfahren sind“, sagt der Trainer des SV Werder Bremen. Thioune kämpft dagegen an, dass ihm seine fehlende Erfahrung in der obersten Spielklasse nachteilig ausgelegt wird: „Ich habe genug Phantasie, die Mannschaft da unten rauszubringen.“ Nach Stationen in Osnabrück, Hamburg und Düsseldorf ist der Einundfünfzigjährige nun im Oberhaus angekommen. Viel Vorstellungskraft braucht man auch, um sich vorzustellen, wie Werder Bremen den siebzehnten Rang wieder verlassen soll – nach nun 13 Spielen ohne Sieg erinnert hingegen vieles an die letzte Saison unter Florian Kohfeldt, als die trügerische Sicherheit der Hinrunde in einer desolaten Rückrunde und dem Abstieg 2021 endete. „Wir haben nichts mehr, was bei uns ist“, sagte Thioune nach dem 1:2 am Sonntagabend beim FC St. Pauli – der die Bremer in der Tabelle überholte. Werder Bremen liegt am Boden. Das illustrierten zahlreiche Bilder vom Millerntor. Mio Backhaus, 21 Jahre alt, ließ Hauke Wahls harmlosen Kopfball zum 0:1 durchrutschen und musste später im Hamburger Dauerregen seine Tränen trocknen: „Unserem wichtigsten, jüngsten, stabilsten Spieler passiert solch ein Fehler – der nicht passieren darf“, sagte Thioune. Beim 2:1 des FC durch Joel Fujita stimmte der Aufbau der Bremer nicht; ein hoher Ball sollte Leonardo Bittencourt (1,70 m) im Mittelfeld erreichen: „Mit einem Chipball auf unseren kleinsten Spieler haben wir noch nie aufgebaut“, schimpfte Kapitän Marco Friedl – der wiederum Glück hatte, dass er nach einem harten Foul gegen St. Paulis Besten, Jackson Irvine, nur die gelbe Karte sah. Nicht einmal das zwischenzeitliche 1:1 durch die Winterleihe Jovan Milosevic sorgte für nachhaltige Freude, denn später musste sich Thioune fragen lassen, warum er den wuchtigen Serben nicht von Beginn an gebracht hatte. Geschäftsführer Clemens Fritz gilt als Hauptschuldiger Bei Werder Bremen im freien Fall wird alles infrage gestellt – auch das Verhältnis zu den Fans. Nach Abpfiff lief deren Vorsänger auf den Rasen und schickte die Bremer Profis auf dem Weg in die Kurve weg; da hätte sich offenbar zu viel Frust entladen. In all dem Schlamassel rang Clemens Fritz nach Worten. Der 45 Jahre alte Geschäftsführer Sport wird nach vielen Transfer-Fehlgriffen als Hauptverantwortlicher der Misere betrachtet. Zugewandt versuchte er, die Krise zu erklären. Doch es blieb bei Erklärungsversuche. Von der Trennung Ole Werners über die Ausleihe Victor Bonifaces und die Entlassung Horst Steffens bis zur Entscheidung für Daniel Thioune haben er und sein Team glücklose Taten aneinandergereiht. Denn Thioune ist nach drei Niederlagen in drei Spielen als Feuerwehrmann schon erheblich beschädigt. Zwar hat Werder in Marco Friedl, Jens Stage und Romano Schmid ein bundesligataugliches, erfahrenes Gerüst. Doch taugen Friedl und Schmid kaum als Identifikationsfiguren, wollten sie den Verein doch mehrfach frustriert verlassen. Daneben wirkten Isaac Schmidt, Cameron Puertas, Marco Grüll und Samuel Mbangula vom Druck des Abstiegskampfes überwältigt. Für Mbangula hat Werder zehn Millionen Euro hingeblättert – Geld, das an anderer Stelle fehlte. Auch das geht aufs Konto des Geschäftsführers Fußball. Thioune kritisiert Spieler deutlich Fritz benannte in seiner Situationsanalyse Positives, dem man nur mit viel Wohlwollen zustimmen konnte: „Ich sehe keine Mannschaft, die nach einem Rückstand auseinanderfällt. Ich sehe eine Mannschaft, die den Glauben an sich hat.“ Auch seinen neuen Coach verteidigte er: „Daniel Thioune bringt viel Energie rein.“ Allerdings war Thioune nach Bo Svensson und Bo Henriksen nur die Nummer drei auf Werders Wunschzettel. Dabei sieht das Bremer Spiel zwischen den Strafräumen okay aus. Doch dann fehlt vorn die Genauigkeit und hinten die Entschlossenheit: „St. Pauli war schärfer als wir“, sagte Thioune, der auch nicht versäumte, einen Kernspieler ungewohnt deutlich zu kritisieren: „Wir sehen grotesk viele falsche Entscheidungen von so einem guten Fußballer wie Romano Schmid.“ Kritiker monieren: Das könnte man auch von Klaus Filbry, dem langjährigen Vorsitzenden der Geschäftsführung, und Clemens Fritz samt Assistent Peter Niemeyer behaupten. „Es bringt nichts, Köpfe zu fordern“, sagt Filbry bezogen auf Fritz. Schwierig vorstellbar, dass die Bremer mit diesem Führungsteam in die neue Saison gehen – in welcher Liga auch immer.
