FAZ 29.01.2026
11:59 Uhr

Kampf fürs Stadtbild: Müll, Leerstand und Jugendgangs


Die Herausforderungen in Städten wie Düren und Esslingen wachsen. Gleichzeitig schrumpfen ihre Mittel. Unterwegs mit Menschen, die trotzdem nicht aufgeben.

Kampf fürs Stadtbild: Müll, Leerstand und Jugendgangs

Kaum einer kennt sich so gut aus in Düren wie Angelo Klein. Jeden Tag ist der Leiter des Ordnungsdiensts mit seinen Kollegen in der Stadt unterwegs. Heute wird ihn sein Weg über ein Kulturzentrum in die problemgeplagte Nordstadt und zum Bahnhof führen. Klein biegt in die belebte Fußgängerzone im Zentrum ein und sagt: „Es geht bei diesen Runden auch darum, das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger zu verbessern.“ Ein Stadtbild, das ist ein großes Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt. Manches kommt vielerorts vor: Obdachlosigkeit, Drogenkonsum, Vermüllung, Leerstand. Manches ist ortsspezifisch, wie im rheinischen Düren und im württembergischen Esslingen, wo jeweils rund 100.000 Menschen leben. Von diesen beiden Städten und den Menschen, die sich um ihr jeweiliges Stadtbild bemühen, handelt diese Geschichte. Düren liegt zwischen Aachen und Köln beinahe ländlich am Nordrand der Eifel und zählte einst zu den reichsten Kommunen Deutschlands. Auch heute noch geht es ihr besser als vielen anderen Städten vergleichbarer Größe in Nordrhein-Westfalen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 7,8 Prozent. Von wirtschaftlichen Problemen wie im Ruhrgebiet ist Düren weit entfernt. Unsicherheit und die Verwahrlosung einzelner Plätze machen aber auch den Bürgern in Düren Sorgen. Strategiebesprechung fürs Stadtbild Das weiß auch Dürens Ordnungsdezernentin Christine Käuffer von der CDU. Von der undifferenzierten Art, wie die Debatte von ihrem Parteifreund Kanzler Friedrich Merz vergangenes Jahr losgetreten wurde, hält Käuffer aber wenig. Sie findet: „Es ist ein Thema, das einfach nicht auf bestimmte junge Männer mit Migrationshintergrund begrenzt ist.“ Zumal Deutsche und Migranten aus 139 Ländern der Welt friedlich in Düren zusammenlebten. Ja, auch Düren habe Probleme. „Aber wir packen sie konzentriert, konsequent und gemeinsam an.“ Um das zu verdeutlichen, hat die Ordnungsdezernentin am selben Wintertag, an dem Angelo Klein seine Runde dreht, alle Kolleginnen und Kollegen an den schweren Holztisch im großen Besprechungsraum des Dürener Rathauses gebeten, die in der Kommune mit der kontinuierlichen Arbeit am Stadtbild befasst sind. Dazu gehören der Sozialdezernent, die Chefin des Jugendamts, aber auch Leute aus dem Amt für Stadtentwicklung, Innovation und Ansiedlung. Auf die Frage, wo die Probleme in Düren beginnen, hat Stadtplaner Stefan Wessels eine überraschende Antwort: beim zu geringen Lokalstolz der Dürener. „Die Devise der Menschen in Köln lautet trotz all der dort sehr viel größeren Herausforderungen: ‚Liebe Deine Stadt.‘ So etwas hört man hier nicht.“ Das war einmal anders. In den 1950er Jahren sprach man in ganz Deutschland anerkennend vom „Wunder von Düren“, weil es die Dürener in nur einem Jahrzehnt geschafft hatten, ihre im Zweiten Weltkrieg beinahe vollständig verheerte Stadt wieder aufzubauen. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde in der Innenstadt viel erneuert, verbessert. Derzeit wird die letzte Kriegsbrache rund um den Dürener Bahnhof geschlossen. „Das größte Projekt seit dem Wiederaufbau ist das“, sagt Wessels. Auf mehr als elf Hektar entsteht ein völlig neues Stadtviertel namens Innovationsquartier, mit Bürogebäuden, Bildungseinrichtungen und vor allem vielen neuen Wohnungen. Den denkmalgeschützten Bahnhof, der den Zweiten Weltkrieg überstand, hätte Düren gerne schon vor Jahren gekauft und hergerichtet. Aber die Bahn wollte nicht. Also ist der Bahnhof bis heute, was er zum Leidwesen vieler Dürener schon viel zu lange ist: ein schmuddeliger Ort, den man so schnell hinter sich lässt, wie es geht. Ganz anders ist das Bild auf dem schon vor Jahren hergerichteten Platz vor dem Rathaus. Dort hilft – wie im ganzen Zentrum – ein Alkoholkonsumverbot im Freien dabei, die Trinkerszene im Griff zu behalten. Zudem betreibt Düren intensive Sozialarbeit für Obdachlose. Ein verbreitetes subjektives Unsicherheitsgefühl Das ist auch deshalb wichtig, weil es in der Stadt eine Landesklinik mit großer Suchtabteilung gibt. Die zentrumsnahe Klinik hat eine wichtige Funktion: Aus vielen Teilen Nordrhein-Westfalens kommen Drogenabhängige zur Entgiftung nach Düren. Die Sozialarbeiter helfen dabei, dass diese Menschen danach nicht gleich wieder auf der Straße landen. Objektiv betrachtet habe seine Stadt kein Sicherheitsproblem, sagt Stadtplaner Wessels. Doch es gebe ein verbreitetes subjektives Unsicherheitsgefühl, das sich womöglich teilweise mit der Kommunalgebietsreform Anfang der 1970er-Jahre erklären lasse. „Damals wurden zahlreiche sehr ländliche Orte eingemeindet, in denen heute die Hälfte der Dürener lebt. Auch das prägt den Blick.“ Und von einer ländlichen Gegend aus betrachtet wirkt das Zentrum von Düren teils überfordernd oder gar bedrohlich. Ordnungsdezernentin Käuffer bestätigt das. Sie kam erst kürzlich im Wartezimmer eines Arztes mit einer Frau aus einem dieser Stadtteile ins Gespräch, die ihr Kind lieber nicht im Dürener Zentrum aufs Gymnasium schicken wollte. Die Ordnungsdezernentin versuchte, die Mutter mit freundlichen Hinweisen darauf umzustimmen, dass es in Düren nicht unsicherer sei als anderswo, dass die Verwaltung alles tue, damit das auch so bleibe, dass es aber auch auf jeden einzelnen Bürger ankomme. „Ich sagte ihr: Wir müssen doch alle darum kämpfen, dass die Vernünftigen das Stadtbild prägen.“ Die Arbeit am Stadtbild ist eine vielgestaltige Langzeitaufgabe, bei der man manchmal auch zu unkonventionellen Maßnahmen greifen muss. So wie am „Haus der Stadt“, Dürens Kulturzentrum, dem sich Ordnungsdienstleiter Angelo Klein auf seinem Rundgang jetzt nähert. Die Flächen rund um das Haus mit Theater und Bibliothek gelten als Angsträume, weil dort oft junge Schwarzafrikaner abhängen, von denen manche mit Rauschgift dealen. Als erstaunlich wirksam hat sich die Idee erwiesen, den Platz vor dem Kulturzentrum mit klassischer Musik zu beschallen. Das mögen die jungen Leute nicht. Zudem gibt es Bewegungsmelder, mit denen nachts eine Lichtanlage gesteuert wird. Je größer die Grüppchen werden, desto heller werde das Licht, erzählt Klein. Als er das „Haus der Stadt“ erreicht, sitzen nur drei junge Männer auf einer Parkbank. Auch eine echte Problemzone gibt es in Düren. Es ist die Nordstadt, ein eigentlich besonders schönes Viertel mit vielen Wohnhäusern aus der Gründerzeit. Die Nordstadt ist zentrumsnah und unschlagbar gut an Straße und Bahn angebunden. Doch als in der Zeit des Wirtschaftswunders im Zentrum Dürens alles modern wiederaufgebaut war, kam das Viertel aus der Mode. Auch immer mehr Arbeiter konnten sich eine Neubauwohnung oder gar ein eigenes Häuschen am Stadtrand leisten. Gastarbeiter der ersten Generation rückten in die Nordstadt nach. Doch auch sie und ihre Kinder sind längst woanders hingezogen. Heute leben nur noch jene in der Nordstadt, die keine andere Wahl haben. Und vor einigen Jahren entdeckten windige Geschäftsleute, dass man mit heruntergekommenen Immobilien schnell viel Geld machen kann, wenn man sie an Armutsmigranten aus Südosteuropa vermietet. An der Nordstadt klebt das Negativimage Seit Jahren schon versucht Düren mit einer Taskforce und einem „Integrierten Handlungskonzept Problemimmobilien“ gegenzusteuern. Es gibt regelmäßig Razzien gegen Sozialbetrug, Schwarzarbeit und miserable Wohnverhältnisse. Eigentümer, die ihre Häuser herunterkommen lassen, bekommen sofortige Nutzungsuntersagungen, Häuser werden wegen „Gefahr im Verzug“ geräumt. Gelingt es nicht, Eigentümer mit Auflagen zur Sanierung zu bewegen, macht die Stadt vom Vorkaufsrecht Gebrauch. Acht Gebäude hat Düren mittlerweile erworben, für mehrere andere fanden sich Leute, die bereit waren, in die Sanierung zu investieren. Doch das Stadtbild verbessert sich in so kleinen Schritten, dass es viele in Düren noch nicht wahrgenommen haben. Hartnäckig klebt das Negativimage an der Nordstadt. Dass es auch in Esslingen Straßenzüge gibt, deren Image besser sein könnte, ist auf den ersten Blick überraschend. Denn die frühere freie Reichsstadt gehört zu den Städten in Baden-Württemberg, die für das gesamte Land immer imageprägend waren: Hier stehen gepflegte und bestens sanierte historische Bauten; die Stadtkirche und das alte Rathaus sind Wahrzeichen prosperierender städtischer Kultur. Der Weihnachtsmarkt zieht jedes Jahr Tausende Touristen in die Stadt, im Sommer kommen die Urlauber zum Wandern und zu den Festivals. Viele junge Männer im öffentlichen Raum Matthias Klopfer – seit 2021 Oberbürgermeister der Stadt – holt im Besprechungsraum des Neuen Rathauses nicht die Hochglanzbroschüren aus dem Schrank. Vielmehr empfängt der Sozialdemokrat den Besucher gleich mit einer Schocktherapie und drückt einfach die Playtaste für den großen Fernseher. Es läuft ein kurzes Youtube-Video mit Statements, aufgenommen während der ­Orange Days, also der Aktionstage gegen Frauengewalt im Herbst. „Nachts durch die Straße laufen“, „rausgehen und das Leben genießen“, „wieder mehr Bahn fahren“, „an Orte gehen, die nicht mehr sicher sind“: So antworten vier Frauen aus Esslingen auf die Frage, was sie tun würden, wenn es für 24 Stunden keine Männer mehr gäbe. Das „Thema Flüchtlinge“, sagt Klopfer, habe er seit 2015, damals noch als Oberbürgermeister in Schorndorf, „positiv begleitet“. Aber die Migration bringe auch Probleme mit sich, mit denen man sich befassen müsse. „Es kommen viele junge Männer, die wohnen beengt, die gehen in den öffentlichen Raum, egal, ob die nun kriminell sind oder nicht“, sagt Klopfer. Das beeinflusse im Rest der Bevölkerung das „Gefühl von Heimat und Sicherheit“. Klopfer ist höchst unzufrieden mit den politischen Rahmenbedingungen, mit denen er sich abfinden muss. Ihm gefällt nicht, wie kompliziert es in Deutschland ist, in den Innenstädten eine Videoüberwachung zu installieren. Klopfer nimmt wieder die Fernbedienung in die Hand und zeigt eine Präsentation über die Innenstadt von Vienne, Esslingens französischer Partnerstadt in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Es sind die aufgeräumten Plätze der Stadt zu sehen. „Die haben mehr als 30 Kameras in der Innenstadt und weniger Probleme mit Kriminalität.“ In Baden-Württemberg muss ein Kriminalitätsschwerpunkt vorliegen, damit eine Innenstadt mit Kameras überwacht werden kann. Das halten Kommunalpolitiker wie Klopfer für nicht ausreichend. Auf ihr Betreiben hin können Kommunen künftig auch die Videoüberwachung beantragen, wenn es um den „Schutz von Leben, Gesundheit und Freiheit von Personen“ geht. Die entsprechende Änderung des Landesdatenschutzgesetzes ist aber noch nicht verabschiedet – und auch sie geht Klopfer nicht weit genug. Esslingen profitierte viele Jahre von dem Wohlstand, den die Automobilindustrie in die Region brachte. Aber Zulieferer wie Eberspächer oder eben Unternehmen wie Daimler in Mettingen stecken jetzt tief in der Krise. Die Gewerbesteuereinnahmen sind um 50 Prozent eingebrochen; der sozialdemokratische Oberbürgermeister muss bis 2029 185 Stellen abbauen; der städtischen Klinik strich der Gemeinderat gerade zehn Millionen Euro. Auch für die Verbesserung der Stadträume gibt es folglich in den nächsten Jahren weniger Geld. Die Probleme der Stadt sind vielfältig: Im Stadtteil Mettingen, wo viele Arbeiter des Daimler-Werks leben, haben sich seit einigen Jahren „multiethnische Jugendgangs“ breitgemacht, die sich untereinander bekriegen; in der Innenstadt verlangen Immobilienbesitzer selbst in B- oder C-Lagen für ein Ladengeschäft mit einer Größe von 55 Quadratmetern eine Monatsmiete von 3000 Euro. Ein Florist oder ein kleiner selbständiger Süßwarenhändler kann sich das nicht leisten. Das Ergebnis ist, dass viele Ladengeschäfte leer stehen – oder sich Geschäftsleute ansiedeln, die diese Mieten zahlen können, weil sie unseriös sind und den Geschäftsbetrieb für Geldwäsche nutzen. Klopfer will jetzt raus aus seinem Büro und bei einem Rundgang durch die Stadt die Quartiere zeigen, mit denen er unzufrieden ist. Er geht zum ehemaligen Bekleidungshaus Kögel. Die Schaufenster sind leer geräumt, ein weißes Gitterrolltor ist vor dem Haupteingang heruntergelassen. In einem kleinen Geschäft nebenan läuft der Abverkauf. Das Internet und viele Billiganbieter haben die Existenzgrundlagen für inhabergeführte Bekleidungsgeschäfte zerstört; auch in einer reichen Stadt wie Esslingen funktioniert das Geschäftsmodell nicht mehr. Klopfer will unbedingt den Leerstand des großen Geschäftshauses mitten in der Innenstadt vermeiden und dort die Stadtbibliothek ansiedeln. „Der Umzug kostet 20 Millionen Euro. Die Flächen sind groß genug und hell.“ Aber es soll noch einen Bürgerentscheid geben. Die eigentliche Problemzone Esslingens befindet sich aber im Umfeld des Bahnhofs – in der Pliensaustraße und in der Schlossberggasse. Handyshops, Friseurläden, ein Bubble-Tee-Shop, heruntergekommene Kneipen: Einladend wirkt keines der Geschäfte. Vor dem „Asian Super Store“ sind billige Plastikhandtaschen ausgestellt; in einem zweiten Asienshop stehen lediglich drei Spielautomaten. „Der Zoll kriegt das offenbar nicht hin, zu unterbinden, dass es hier zu Geldwäsche kommt“, sagt Klopfer. Rund um den Bahnhof bestehen unklare Zuständigkeiten Zwei City-Manager beschäftigt die Stadt, sie tun den ganzen Tag nichts anderes, als den weiteren Verfall von Quartieren zu verhindern, indem sie für leer stehende Häuser und Geschäfte gute Mieter suchen. „Wir bemühen uns, dass 1-a-Lagen nachhaltig vermietet werden, damit nicht überall diese Shops mit den Money-Transfer-Aufklebern sind“, sagt Klopfer. Er nähert sich dem Bahnhof. Die Bahn hat das Gebäude und den Vorplatz zwar vor einigen Jahren saniert, doch das Zuständigkeitsgerangel regt den Oberbürgermeister auf. Die Bahn schaffe es nicht, Bahnhof und Vorplatz sauber zu halten und dort für eine gute Aufenthaltsqualität zu sorgen. Für die Sicherheit auf dem Bahnhofsgelände ist wiederum die Bundespolizei zuständig, für das Gelände drum herum die örtliche Polizei. Ohne den Kommunalen Ordnungsdienst und den Kommunalen Verkehrsordnungsdienst wäre die Situation in Problemzonen wie dem Gebiet rund um den Bahnhof nicht tragbar. Fast eine Million Euro gibt die Stadt für das Personal des Kommunalen Ordnungsdiensts aus. „Daran sieht man, dass man richtig etwas tun muss, damit sich die Verhältnisse nicht verschlechtern.“ Doch wie Düren wird auch Esslingen in den nächsten Jahren eher weniger Geld zur Verfügung haben. In Düren wurde Anfang 2024 das „Projekt-Team Bahnhof“ gegründet, in dem Ordnungsdienst sowie Bundes- und Landespolizei zusammenarbeiten, um Regelverstöße aller Art zu ahnden, kriminelle Strukturen zu bekämpfen und zum Sicherheitsgefühl der Bürger beizutragen. Ungeklärte Zuständigkeiten gibt es rund um den Bahnhof nicht mehr. Und bei seinen Rundgängen ist Ordnungsdienstleiter Angelo Klein heute ganz selbstverständlich auch auf dem „Bundespolizei-Territorium“ unterwegs. Auf dem Rückweg vom Bahnhof in die Dürener Innenstadt spricht der Inhaber eines arabischen Lebensmittelladens Klein so schüchtern an, dass der Ordnungsdienstleiter es erst gar nicht wahrnimmt. Mehrfach entschuldigt sich der Mann. Er habe da ein großes Problem. Immer wieder kämen völlig zugedröhnte Drogenabhängige in seinen Laden. Weil er das seinen Kunden nicht zu mehr zumuten könne, habe er seinen Laden heute zwei Stunden zusperren müssen, doch das könne er sich nicht lange leisten. „Bitte helfen Sie mir.“ Klein sagt: „Gut, dass Sie sich an mich wenden.“ Auf einem Zettel notiert er sich die Handynummer des Händlers. „Und wenn es ein Notfall ist, zögern Sie nicht, die Polizei zu rufen: 110.“