Herr Lamm, für viele ist Amnesty International ein Begriff – die IGFM ist dagegen weniger bekannt. Was ist das für eine Organisation? Die IGFM wurde 1972 als Reaktion auf die Verharmlosung der Menschenrechtsverletzungen in der DDR und Osteuropa gegründet. Heute ist sie in 38 Ländern vertreten, zählt allein in Deutschland rund 3000 Mitglieder und hat Beobachterstatus beim Europarat sowie beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen. Wir verstehen uns als unabhängige, basisnahe Menschenrechtsorganisation – getragen von Freiwilligen und Spendern, die sich mit Appellen, Hilfsaktionen und Öffentlichkeitsarbeit für Verfolgte einsetzen. Wodurch unterscheidet sich die IGFM von anderen Menschenrechtsorganisationen? Die allgemeine Menschenrechtsarbeit, also Appelle, Unterschriftensammlungen und Patenschaftsprojekte, ist bei den verschiedenen Menschenrechtsorganisationen relativ ähnlich. Wir leisten allerdings auch humanitäre Hilfe – etwa durch Hilfsgütertransporte und medizinische Unterstützung. Wir bringen Nahrung, Medikamente und Kleidung dorthin, wo Menschen akut gefährdet sind. Wir wollen da sein, wo andere nicht hingehen – in China, Kuba, im Nordirak oder in Pakistan. Diese praktische Hilfe ist unser Alleinstellungsmerkmal. Die IGFM wurde in der Zeit des Kalten Krieges gegründet. Der Vorwurf, sie konzentriere sich vor allem auf kommunistische Staaten, hält sich bis heute. Ist da etwas dran? Das war einmal so. In den Siebziger- und Achtzigerjahren lagen unsere Schwerpunkte in der Sowjetunion, der DDR, Rumänien und Polen. Nach dem Mauerfall hat sich die Welt verändert – und wir mit ihr. Natürlich bleiben wir in Osteuropa aktiv, auch aus Erfahrung und Nähe. Wir haben Mitarbeiter vor Ort, die die Sprachen und Kulturen kennen, das schafft Vertrauen. In Litauen etwa gibt es eine eigene Sektion, mit der wir seit Jahrzehnten eng zusammenarbeiten. Viele andere Organisationen sind dort längst nicht mehr präsent. Wo engagiert sich die IGFM heute konkret? Wir helfen weiter in den ehemaligen Ostblockstaaten, auch mit Hilfstransporten, wo Armut und Nachwirkungen der kommunistischen Zeit bis heute spürbar sind. Projekte entstehen oft durch lokale Kontakte – man kann nicht überall tätig sein, aber dort, wo wir Partner haben, bleiben wir verlässlich. Gleichzeitig sind wir in Lateinamerika, Afrika und Asien aktiv, besonders dort, wo Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs liegt unser Fokus auf der Ukraine: Unser Büro in Kiew koordiniert Hilfstransporte und arbeitet mit lokalen Krankenhäusern zusammen. Rund 100.000 Menschen haben wir dort bereits mit Hilfsgütern erreicht. Religion spielt eine große Rolle in Ihrer Arbeit. Warum? Weil Religionsfreiheit ein Grundrecht ist – und doch zu den am meisten bedrohten zählt. In Nigeria werden regelmäßig Christen entführt, in Pakistan stellen sie nur rund zwei Prozent der Bevölkerung und werden häufig diskriminiert. In Syrien unterstützen wir seit mehr als zehn Jahren die „Blauen Maristen“, einen katholischen Orden, der Kriegsopfern hilft. Für uns geht es nicht um Konfession, sondern um Gewissensfreiheit. Die Religionsfreiheit ist unser thematischer roter Faden, geographisch liegt der Schwerpunkt – historisch gewachsen – in Osteuropa. Wie finanziert sich Ihre Organisation? Etwa 90 Prozent stammen aus Spenden, fünf aus Mitgliedsbeiträgen, weitere fünf aus öffentlicher Förderung. Diese Unabhängigkeit ist uns wichtig. Zugleich arbeiten wir mit staatlichen Institutionen zusammen, etwa dem Bundesentwicklungsministerium oder der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, um größere Projekte stemmen zu können – zum Beispiel Ausstellungen, Tagungen und Publikationen. Wie balanciert man humanitäre Hilfe und politische Arbeit? Menschenrechte sind unteilbar. Wo Gefangene leiden, braucht es Öffentlichkeit, wo Not herrscht, Hilfe. Unsere Hilfstransporte – Hunderttausende Menschen erhielten so Lebensmittel, Kleidung oder Medikamente – sind praktische Menschenrechtsarbeit. Daneben fördern wir Patenschaften für politische Gefangene. Das ermöglicht direkte Anteilnahme – und sendet ein Signal, dass niemand vergessen wird. Viele NGOs beklagen, dass ihre Arbeit in autoritären Staaten immer schwieriger wird. Wie erleben Sie das? In einigen Ländern, etwa Russland oder Kuba, können wir heute kaum noch offiziell aktiv sein. In Kuba sind wir, wenn wir mit einer kleinen Mannschaft hingeflogen sind, regelmäßig von der dortigen Stasi entdeckt, beobachtet und bei unserer Arbeit behindert worden und mussten das Land vorläufig verlassen. Russische Partner riskieren, auf der „Agentenliste“ zu landen. Trotzdem halten wir Kontakt – über Drittländer, vorsichtig und geduldig, aber unbeirrt. Wie hat sich die Wahrnehmung von Menschenrechten verändert? Die Aufmerksamkeit ist gewachsen, aber die Lage vieler Menschen hat sich nicht verbessert. Wir sind dort aktiv, wo Diktatur herrscht oder es sich um ein Nachfolgegebiet einer Diktatur handelt. Je länger eine Diktatur zurückliegt, desto eher wird sie verharmlost. Innenpolitische Streitthemen meiden wir, mit einer Ausnahme: Als die Stadt Trier vor einigen Jahren ein Karl-Marx-Denkmal aus China angenommen hat, haben wir das kritisiert. Man kann kein Geschenk von einem Regime annehmen, das selbst massiv Menschenrechte verletzt. Was macht Ihnen Hoffnung? Jeder Einzelne, dem durch unsere Arbeit eine Stimme gegeben wird. Die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh etwa, die immer wieder in Iran verhaftet wird, steht für diesen Mut. Solange es solche Menschen gibt, lohnt sich unsere Arbeit. Was bedeutet Menschenrechtsarbeit in einer digitalen Welt? Soziale Medien wie Instagram und X sind Fluch und Segen zugleich. Sie helfen, auf Missstände aufmerksam zu machen – aber sie bringen neue Formen von Hass hervor. Wir setzen sie gezielt für Aufklärung ein, etwa über unsere Berichte zu Religionsfreiheit oder politische Gefangene. Doch am Ende zählt nicht der Klick, sondern das Handeln. Was treibt Sie persönlich an? Ein starkes Gerechtigkeitsempfinden – und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Das begleitet mich ein Leben lang und gibt mir täglich neue Motivation.
