FAZ 07.02.2026
16:51 Uhr

K.-o.-Tropfen: Das schwarze Loch im Glas


Zur Fastnacht steigt das Risiko: K.-o.-Tropfen werden in Clubs oder auf Partys vor allem Frauen verabreicht, um sie wehrlos zu machen. Doch wie kann man verhindern, zum Opfer zu werden?

K.-o.-Tropfen: Das schwarze Loch im Glas

Denkt Katharina an diesen einen Abend zurück, dann zuerst an den Moment, wie sie kraftlos über der Toilettenschüssel hängt. Sie würgt. Sie spuckt. Dann wird es schwarz. Für Sekunden nur, aber immer wieder. Wenn der Brechreiz kurz nachlässt, sackt ihr Kopf nach vorn. Sie spürt, wie ihr Herz rast, wie es kribbelt in Armen und Beinen. Und sie denkt: Ich sterbe jetzt hier. Katharina ist 20 Jahre alt und studiert Jura. In diesem Text taucht sie nur mit ihrem Vornamen auf, um ihre Identität zu schützen. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist der Kopf schwer, der Magen flau, der Körper schwach. Und da ist ein Gedanke: Das war nicht normal. Die Studentin geht regelmäßig mit ihren Freundinnen feiern. Oft im selben Club. Sie trinke gern, aber sie wisse, wo ihre Grenze liege, sagt sie. An diesem Abend vor rund drei Wochen sei es anders gewesen. Sie glaubt, dass ihr jemand heimlich etwas ins Getränk gemischt hat: K.-o.-Tropfen. Schmeckt man Liquid Ecstasy? Hunderte Substanzen fallen in die Kategorie der K.-o.-Mittel. Antihistaminika, Benzodiazepine, Neuroleptika. Und Narkotika wie die sogenannte Gamma-Hydroxybuttersäure, kurz GHB, auch bekannt als Liquid Ecstasy. Vielleicht schmeckt das Getränk ein bisschen bitterer als sonst. Meist ist da jedoch kein Geschmack, sondern erst einmal ein sehr gutes Gefühl. Man fühlt sich euphorisch und gelöst. Angeschickert. Ähnlich wie beim Alko­holkonsum. Dann kippt es. K.-o.-Tropfen sind beinahe unsichtbar, nur kurz nachzuweisen und machen Menschen innerhalb von wenigen Minuten willenlos. Die Verabreichung dieser Mittel ist strafbar. Gerade in Kombination mit Alkohol werden die Substanzen genutzt, um Frauen, aber auch Männer sexuell gefügig zu machen. Das Ausmaß des Problems ist jedoch schlecht doku­mentiert. Frauen lernen früh: Lass dein Getränk nicht unbeaufsichtigt stehen. Halt einen Finger auf die Flasche. Nimm kein Getränk von Fremden an. Diese Regeln kennt auch Katharina. Sie ist an diesem Abend im Januar mit fünf Freundinnen unterwegs. Zu Hause trinken sie zwei Shots und einen Wein. Im Club angekommen, trinkt die Runde noch einen Shot, dann bestellt sich die Studentin einen Wodka Orange. Sie trinkt langsam, aber ihr Pegel steigt schnell. Viel schneller als sonst, so erzählt sie es im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Sie geht auf die Toilette. Dann kann sie nicht mehr klar denken. Hoher Puls, Schwummrigkeit, ein Gefühl wie Watte um den Kopf. Und das vollkommen abrupt. „Das war wirklich eine Sache von Millisekunden“, sagt sie. Toxikologe warnt vor falscher Sicherheit Stefan Tönnes kennt diese Erzählungen. Er ist Abteilungsleiter der Forensischen Toxikologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Tönnes, kurzes graues Haar, rotes Poloshirt, führt schnellen Schrittes hoch in sein Büro. Die Wände im Eingangsbereich des In­stituts für Rechtsmedizin im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen sind mit dunklem Holz vertäfelt. Das Institut ist in einer alten Villa nahe des Universitätsklinikums untergebracht. Tönnes’ Büro ist ganz in Weiß gehalten, aufgeräumt und schnörkellos. Es passt zu ihm. „Die Beschreibungen von Betroffenen sind individuell sehr unterschiedlich“, sagt Tönnes. Aber es gebe Muster. Die Wirkung setzt nach rund 15 Minuten ein und kann bis zu vier Stunden anhalten. Die Wahrnehmung kippt. Reaktionen verlangsamen sich. Das Sehfeld verschwimmt, Schwindel, manchmal muss man sich übergeben. Die Körperkontrolle schwindet. Die Muskeln erschlaffen. Und oft passe das Ausmaß nicht zu dem, was jemand getrunken habe, sagt Tönnes. Das zentrale Nervensystem kann die Körperfunktionen nicht mehr richtig steuern. Die Schutzreflexe lassen nach. Der Atem flacht ab. Es fällt schwer oder ist nahezu unmöglich, sich gegen körperliche und sexuelle Übergriffe zu wehren. Katharina kann die Gespräche im Club heute kaum mehr nachvollziehen. An einige Momente erinnert sie sich klar, an andere nur verschwommen oder gar nicht. Neben körperlichen Symptomen werden hilflose Zustände, Bewusstlosigkeit, Erinnerungslücken und Filmrisse in Erzählungen im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen genannt. „Ein schwarzes Loch“ nennt Tönnes diesen Zustand. Der Zeitraum sei wie „aus der Erinnerung ausgestanzt“. Schnell zum Arzt oder zur Polizei Die meisten K.-o.-Mittel sind nur kurz im Blut oder Urin festzustellen. „Im Urin sind die Stoffe länger nachweisbar als im Blut“, sagt Tönnes. „Urin ist daher die bessere Untersuchungsprobe.“ Aber selbst im Urin sei GHB nur etwa 14 Stunden nachweisbar, im Blut etwa halb so lang. Danach ist eine Unterscheidung vom natürlichen GHB-Spiegel kaum möglich. Heißt: Wer am nächsten Tag darüber nachdenkt, dass etwas am Abend zuvor nicht gestimmt hat, für den ist oft schon zu spät. Betroffene sollten deshalb so schnell wie möglich einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen und sich bei der Polizei melden, um Anzeige zu erstatten. Ist das nicht möglich, wird geraten, selbst eine Urinprobe zu „sichern“. Wer möglichst schnell auf K.-o-Tropfen hin untersucht wird, der hat später gute Chancen, dass diese Probe später vor Gericht als Beweismittel verwendet werden kann. Selbst wenn eine bewusstlose Frau in die Notaufnahme eingeliefert wird, wird in deutschen Kliniken nicht routinemäßig auf alle K.-o.-Mittel getestet. Das sei auch gar nicht leistbar, sagt Tönnes. Die Forensische Toxikologie in Frankfurt testet durchschnittlich drei Proben in der Woche auf den Verdacht auf K.-o.-Mittel. Die Ergebnisse seien selten positiv, sagt Tönnes. Vielleicht, weil tatsächlich nichts im Getränk war. Vielleicht, weil die Zeit der Nachweisbarkeit schon verstrichen ist. Vielleicht, weil das Labor nicht auf den gesuchten Stoff getestet hat. Tönnes und sein Team testen auf mehr als 3000 verschiedene Stoffe. Er sagt: „So aufwendige Tests wie wir machen nur die wenigsten forensisch-toxikologischen Laboratorien.“ Allein in der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine habe man um die 86 Stoffe, die als K.-o.-Mittel in Betracht kämen. Sein Labor nutze fünf bis sechs verschiedene Analyseverfahren, die teilweise nacheinander liefen. Allein für GHB brauche man beispielsweise ein eigenes Nachweisverfahren. Manche Verfahren mache das Team deshalb nur gebündelt, nicht täglich. „Der Aufwand der Untersuchungen und der notwendigen Qualitätssicherung ist enorm“, sagt Tönnes. Die Untersuchung der Stoffe ziehe sich deshalb über mehrere Wochen hin. Man kann sich im Internet recht ­unkompliziert Schnelltests kaufen, die auf K.-o.-Tropfen hinweisen sollen. Allein zur Fastnacht stehen sogenannte K.-o.-Tropfen-Schutz-Armbänder zwischen Kinderschminke, bunten Wimpernver­längerungen und Kunstblut in vielen Drogeriemärkten. Verfärben sich die Armbänder, soll GHB im Getränk sein. Tönnes warnt jedoch vor falscher Sicherheit. Zwar seien diese Produkte sinnvoll, um sich grundsätzlich bewusst mit den Gefahren von K.-o.-Tropfen auseinanderzusetzen. Allerdings könnten Schnelltests nichts beweisen. Lückenhafte Statistik bei K.-o.-Tropfen „Es ist völlig utopisch, dass ein Testarmband, das man im Drogeriemarkt kaufen kann, auf wirklich alle relevanten Stoffe testet“, sagt der Toxikologe. Die meisten Produkte würden auf einen Stoff testen: GHB. Die Substanz gilt zwar als besonders tückisch, da nur wenige Milliliter entscheiden, ob die Dosis lebensgefährlich wird. Allerdings sei nicht einmal klar, ob diese Tests auf Vorstufen von GHB wie GBL oder BDO, also Gamma-Butyrolacton und Butandiol, testeten, sagt der forensische Toxikologe. GBL und BDO gehören zu den gefährlicheren K.-o.-Sub­stanzen. Beide chemischen Stoffe werden in Deutschland als Lösungs- und Reinigungsmittel verwendet und sind legal im Handel zu erwerben. Niemand kann sagen, wie groß das Problem mit K.-o.-Mitteln in Deutschland wirklich ist. Es gibt kaum Studien und Statistiken. Das Bundeskriminalamt dokumentiert in seiner Kriminalstatistik Verbrechen, die im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen stehen, nicht gesondert. Von den 16 Landeskriminalämtern, die die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kontaktiert hat, haben nur elf geantwortet. Davon werden lediglich in drei Bundesländern genaue Zahlen für das Jahr 2024 ausgewiesen. 84 Straftaten im Zusammenhang mit K.-o.-Mitteln in Baden-Württemberg und 88 in Sachsen. „Als Opfer waren am häufigsten Frauen betroffen“, schreibt das LKA Sachsen. In Hessen sind die Fallzahlen von 49 erfassten Fällen 2019 jedes Jahr gestiegen bis zu 94 registrierten Fällen 2024. Für das vergangene Jahr liegen noch keine Zahlen vor. Die meisten Bundesländer weisen K.-o.-Mittel in ihrer Polizeilichen Kriminalstatistik nicht gesondert aus. Viele Behörden teilten mit, man gehe von einer hohen Dunkelziffer aus. Hintergrund sei, dass viele mutmaßlich Be­troffene häufig selbst nicht sicher seien, ob sie Opfer geworden seien, und deshalb aus Unsicherheit von einer Anzeige absähen. Und: „Nicht selten erstatten die Opfer auch aus Scham keine Anzeige“, so das LKA Hessen. Weiter heißt es: Bei den „meisten Fällen im Jahr 2024, die im Zusammenhang mit der Verabreichung von K.-o.-Tropfen stehen, handelt es sich um Körper­verletzungsdelikte, Vergewaltigung und Raubstraftaten“. Zudem seien die drei häufigsten Tatorte Bars, gefolgt von Diskotheken und Mehrfamilienhäusern. Polizei setzt auf Prävention Sowohl die Landeskriminalämter als auch der Toxikologe Tönnes sagen, es gebe praktisch keine Möglichkeit, sich vor der Verabreichung von K.-o.-Tropfen zu schützen. Zwar sei die Polizei in einigen Bundesländern regelmäßig an Informationsständen bei Veranstaltungen vertreten, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Aber Prävention schützt eben nur bedingt. „Wer anderen Menschen K.-o.-Mittel verabreicht, verhält sich heimtückisch und menschenverachtend“, sagt Tönnes. Das LKA Hessen rät, am besten in einer Gruppe unterwegs zu sein und während der Party aufeinander zu achten. Die Studentin Katharina hat Glück an diesem Abend. Ihre Freundinnen sind für sie da. Sie packen sie ins Auto und fahren sie nach Hause zu ihren Eltern. Wenige Wochen nach dem Vorfall veröffentlicht Katharina ein Video auf Tiktok. Sie spricht, wie viele andere Betroffene auf der Plattform, offen über das, was ihr passiert ist. Frei nach Gisèle Pelicot: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Die Französin erlangte 2024 im Strafprozess gegen ihren geschiedenen Ehemann und 50 weitere Täter internationale Bekanntheit. Auch sie war mit K.-o.-Tropfen betäubt worden. Anschließend vergewaltigten sie die Täter schwer. Und auch Katharina sagt: „Es war nicht meine Schuld, dass mir das passiert ist.“ So sehen es inzwischen viele Betroffene.