Italiens Rekordmeister Juventus Turin war einst das Team, das sogar die Schiedsrichter auf seiner Seite hatte. Diese These ist freilich umstritten, wenn auch durch den Manipulationsskandal Calciopoli von 2006 dokumentiert. Der Punkt ist, dass diese vermeintliche Bevorteilung zu einem Ende gekommen zu sein scheint. Eine Schiedsrichter-Entscheidung scheint der Grund dafür zu sein, dass die Mannschaft von Trainer Luciano Spalletti völlig den Faden verloren hat. Und das vor den wichtigsten Spielen der Saison. An diesem Mittwoch (21.00 im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) steigt das Play-off-Rückspiel gegen Galatasaray Istanbul, der Sieger zieht ins Achtelfinale der Champions League ein. Das Hinspiel vor einer Woche in der Türkei ging blamabel 2:5 verloren. In der Sportpresse war von einer „Juventus-Katastrophe“ die Rede. Spallettis Team sei „selbstverletzend bis an den Rand des Masochismus“ gewesen, analysierte die „Gazzetta dello Sport“. Nun bedarf es im Turiner Juventus Stadium eines Wunders mit mindestens drei Treffern Abstand, am besten vier. Nur glaubt so gut wie niemand in Italien, dass der angeschlagene Rekordmeister sich zu so einer Kraftleistung aufraffen kann. „Die Juve ist in San Siro geblieben“, schrieb die „Gazzetta“ über die psychologischen Nachwirkungen eines denkwürdigen Tiefpunkts im italienischen Sport. Seitdem gelingt den Turinern nichts mehr San Siro ist das Mailänder Fußballstadion, in dem vor zweieinhalb Wochen die Olympischen Winterspiele eröffnet wurden. Am Valentinstag empfing hier Inter Mailand die Turiner zum „Derby d’Italia“, in dem sich die beiden erfolgreichsten Mannschaften des Landes messen. Seit Calciopoli sind Juventus und Inter auch politische Erzfeinde, da dem Rekordmeister damals der nationale Titel ab- und den ebenfalls nicht über allen Zweifeln erhabenen Mailändern zuerkannt wurde. Inters Schiedsrichter-Manipulationen kamen allerdings erst Jahre später ans Licht. Das Derby ist also ohnehin schon aufgeladen. Dazu kam noch eine sehr unfaire Geste von Inters Verteidiger Alessandro Bastoni, die möglicherweise die Saison von Juventus Turin kompromittiert hat. Denn seither gelingt den Turinern nichts mehr. Es lief die 42. Minute im Derby d’Italia vor elf Tagen. Der talentierte Juventus-Mittelfeldspieler Fabio Miretti spielte einen Fehlpass auf Pierre Kalulu. Der kam zu spät zum Ball. Sein Gegenspieler Bastoni simulierte ein Foul, woraufhin der Schiedsrichter Kalulu die Gelbe Karte zeigte. Es war bereits die Zweite, Juventus blieb zu zehnt auf dem Platz. Alles mutige Aufbäumen half nichts, das Match ging 2:3 verloren. Denkwürdig auch, mit welcher Verve Bastoni den ungerechten Platzverweis seines Gegenspielers bejubelte. Der Nationalspieler entschuldigte sich später dafür. Der Schaden aber blieb. Spallettis Team wirkt seither körperlich und mental angeschlagen. Man sieht das an groben Fehlern von Torwart Michele Di Gregorio, leichtfertig vergebenen Großchancen von Weston McKennie (früher Schalke 04) und der Harmlosigkeit des türkischen Oberpfälzers und Publikumslieblings Kenan Yildiz. Der zwanzigjährige Jungstar verlängerte erst Anfang des Monats seinen Vertrag bei Juventus bis ins Jahr 2030. Seit der Deal steht, ist Yildiz abgetaucht. Die Fachwelt kritisiert fehlende Führungsstärke im Team. Kapitän Manuel Locatelli, Spallettis Metronom, wirkt zu freundlich. Abwehrchef Gleison Bremer verletzte sich gegen Galatasaray und fällt wohl wegen Muskelproblemen aus. „Drei Schritte zurück“ „Wir haben drei Schritte zurück gemacht“, analysierte Trainer Spalletti nach dem Fiasko in der Türkei. Doch es kam noch schlimmer. Am Wochenende folgte eine 0:2-Heimniederlage gegen den aufstrebenden Club Como 1907. Das Team von Cesc Fàbregas ist in der Serie A bis auf einen Punkt an die fünftplatzierten Turiner herangerückt. Die Niederlage, es war die vierte in fünf Spielen, brachte auch den Trainer ins Grübeln. „Ich muss die richtigen Worte finden und meine Fähigkeit, sie zu formulieren, hinterfragen“, sagte Spalletti. Da sprach nicht mehr der Meistercoach, der noch 2023 mit der SSC Neapel triumphal den Scudetto gewann, sondern der zweifelnde, im Juni entlassene italienische Nationaltrainer. Spalletti hatte Italien in der WM-Qualifikation auf die schiefe Bahn gebracht. Im März folgen die WM-Play-offs mit dem Risiko, das dritte Mal in Serie das wichtigste Turnier der Welt zu verpassen. Erst im Oktober war Spalletti bei Juventus für Igor Tudor eingesprungen und hatte dem Team Identität und Qualität verschafft. Seit Februar ist der Wurm drin. Atalanta Bergamo warf die Turiner aus dem Pokal, in fünf Spielen kassierte Juventus 15 Gegentore. Auf den zur Teilnahme an der Champions League berechtigenden Tabellenplatz vier hat das Team vier Punkte Abstand, auf Spitzenreiter Inter sogar 18 Punkte. Diese Woche geht es um die Zukunft. Erst gegen Galatasaray, am Sonntag gegen die viertplatzierte AS Roma.
