FAZ 02.02.2026
12:11 Uhr

Juri Knorrs Weltblick: Viel größer als Handball


Das DHB-Team hat während der EM das deutsche Publikum begeistert. Trotzdem ist es Juri Knorr egal, ob mehr Kinder zum Handball greifen. Er hat verstanden, dass es im Sport um mehr geht als um Titel.

Juri Knorrs Weltblick: Viel größer als Handball

Die deutschen Handballspieler könnten ganz kirre werden. Zuschauerzahlen und Einschaltquoten der zu Ende gegangenen Europameisterschaft sind schwindelerregend hoch, 51 Prozent betrug der Marktanteil am Finalsonntag. In den sozialen Medien ist Handball zur bemerkenswert großen Nummer geworden. Die Leute begeistern sich daran, dass Andreas Wolff ein Bein aus dem Stand senkrecht nach oben strecken kann und aus nächster Nähe Würfe pariert. Viele reagieren verzückt, wenn Juri Knorr im Gerangel sein Haargummi verliert und seine Mähne unfreiwillig offen trägt. Und dann kommt nach dem verlorenem Finale auch noch der nach Dänemark gereiste Bundeskanzler in die Kabine und erweist der Auswahl des Deutschen Handballbundes eine Ehre, die in der Vergangenheit vor allem Deutschlands Fußballspielern zuteilwurde, so sie erfolgreich waren. Das ist doch zum Verrücktwerden! Von wegen. Die außergewöhnliche Reife, mit der die junge deutsche Mannschaft auf dem dänischen EM-Parkett verblüfft hat, zeigte sich auch abseits: in der Klarheit, wie Knorr und Co. mit Siegen oder der Finalniederlage umgehen und die Begeisterung um sich herum einzuordnen wissen. Alle genießen den Zuspruch, niemand hebt ab in diesem Team, in dem die meisten Spieler erst Anfang zwanzig sind. Januar sei halt Handballmonat, hieß es von dem einen oder anderen, als er auf das knapp dreiwöchige Wintermärchen angesprochen wurde. Die Gemeinschaft im Sportverein Wie oft auf dem Spielfeld, so setzte Spielmacher Knorr auch in Gedanken und Formulierungen noch einen drauf. Der Fünfundzwanzigjährige weiß zu artikulieren, dass es um mehr geht als um Gold und vorübergehendes Glück, wie er am Ende des Finalsonntags gezeigt hat. Seine Antwort auf die Frage nach der aktuellen Handballbegeisterung sei an dieser Stelle in voller Länge wiedergegeben: „Es geht jetzt nicht um uns als Handballer. Mir ist total egal, ob es jetzt im Handball stattfindet, ob das im Basketball stattfindet oder in der Leichtathletik oder im Turnen oder sonst wo. Es geht darum, dass der Sport generell Werte vermitteln kann, was wichtig ist für eine Gesellschaft. Der Teamsport kann es vielleicht noch ein bisschen mehr. Das ist mir egal, ob mehr Kinder Handball spielen gehen oder mehr Basketball, Hockey oder sonst was. Ich glaube, dass Sport generell wichtig ist. Auch in den Zeiten wie aktuell – mit den Themen, die die Weltpolitik beschäftigen – kann eine Gemeinschaft im Sportverein wichtige Werte vermitteln. Das sollte immer wichtig bleiben.“ Wohlgemerkt: Was Spielmacher Knorr von sich gegeben hat, war keine vorbereitete Sonntagsrede. Es war die spontane Antwort eines Leistungssportlers unmittelbar nach einem verlorenen EM-Finale. Was Knorr in vierzig Sekunden umriss, hat eine noch größere Dimension. Es geht um Respekt für- und voreinander. Um Menschen, die sich einer Sache verschreiben, sich nicht unterkriegen lassen, gemeinsam um den Erfolg kämpfen. Um Regeln, die eingehalten werden. Um Sportstätten, die nicht marode sind, sondern zur Bewegung einladen. Um Schulsportstunden, die stattfinden und die Freude am Spiel fördern. Um gute und gut bezahlte Trainer, um Ehrenamtliche, die das große Ganze wichtiger nehmen als sich selbst. Wenn Kanzler Merz diese Botschaft in der Kabine gespürt und als Auftrag zum Handeln mitgenommen hat, wäre für Deutschland mehr gewonnen als Silber.