Sein Trainer in Aalborg, Simon Dahl, zieht ihn gern ein bisschen auf: Juri Knorr, der Superstar, Herz und Motor des deutschen Spiels. Hoffnung des deutschen Handballs. In Dänemark können sie mit solchen Etiketten wenig anfangen. Klar, Simon Pytlick und Mathias Gidsel sind auf ihre Art Stars. Aber in einem Sozialstaat wie Dänemark, gebaut auf Gemeinwohl, darf der Einzelne nie zu sehr herausragen. Und es ist ja auch nicht so, als ob Juri Knorr selbst je einen solchen Sonderstatus gefordert hätte. Trotzdem eilt ihm seit Jahren ein Ruf wie ein Donnerhall voraus: Da ist er endlich, der deutsche Spielmacher von Weltruf! Da muss ihn Simon Dahl einfach ein wenig necken. Wenn man Knorr mit den schmeichelhaften Attributen konfrontiert, die ihm andere zuschreiben, geht er gleich noch einen Schritt zurück, spricht noch leiser. Für ihn ist es richtig gut, dass sie ihn in Dänemark auch mal hochnehmen. Dass sein 34 Jahre alter Trainer ihn erst dosiert einsetzte, auch wegen einer Verletzung, ihm Laufwege zeigte, sagt, dass Knorr eigentlich kein sonderlich guter Abwehrspieler sei, obwohl er selbst sich eigentlich „okay“ dort fand. In Dahls Augen ist es eher so, dass Knorr mit einem Popularitäts-Handicap aus Deutschland kam, nicht mit einem Bonus. Und es ist so, dass Knorr das mag. Er sieht sich als Lernenden neben Stars wie Niklas Landin und Sander Sagosen. Sagosen war sein Vorbild. Jetzt spielen sie zusammen. Vor dieser EM hat Knorr ein paarmal formuliert, dass er das Rampenlicht gleichermaßen suche und es verfluche. Alle seine Turniere vom Debüt in Ägypten 2021 bis zu diesen Tagen von Herning lieferten Überschriften, die mit ihm zu tun hatten: Vor fünf Jahren hatte Kapitän Uwe Gensheimer etwas im Grunde Harmloses zu Knorrs riskanter Spielweise gesagt. Daraus wurde die Affäre Gensheimer, quasi die Rampe für weitere Knorr-Stories, die Handballdeutschland jeden Januar in Atem halten: Ein Jahr später verzichtete Knorr auf die Corona-EM in Bratislava, weil er nicht geimpft war. 2023 stand er stellvertretend für die neue deutsche Leichtigkeit – die bei aller Schönheit im Viertelfinale gegen Frankreich endete. Im Jahr danach blieb bei der Heim-EM das Bild Knorrs mit dem Handtuch über dem Kopf hängen: Nichts ging mehr im Kölner Halbfinale gegen Dänemark. Den mentalen „breakdown“ überwand er, nicht aber einen zähen Bronchial-Infekt, der in einem Versteckspiel um seine Rückkehr nach Oslo vor einem Jahr endete. Wieder Ende im Viertelfinale. Und nun die offenbar kalkulierte Trainer-Kritik von Herning, in der Knorr über die aus seiner Sicht zu geringe Spielzeit klagte: Natürlich brodele es da in ihm, sagte Knorr nach der Niederlage gegen Serbien. Dazwischen lag für ihn ein Turnier mit ausschließlich sportlichen Schlagzeilen: In Lille bei den Olympischen Spielen sah man den besten Knorr im Nationaltrikot. „Es hat uns gut getan, dass dort keiner auf uns geschaut hat“, sagte er, „wir waren nur ein kleiner Teil von Olympia.“ Die Hin- und Hergerissenheit zwischen dem Wunsch nach Popularität und dem nach Anonymität hat Knorr, 25, für sich noch nicht aufgelöst. Wichtig ist ihm dabei, dass er seine Geschichte selbst erzählen kann. Der Wechsel nach Dänemark sei keine Flucht gewesen, sagt er: „Die große Aufmerksamkeit hat der Handball in Deutschland doch nur im Januar. In der Bundesliga wurde ich bei den Rhein-Neckar-Löwen in Ruhe gelassen. Ich wollte einfach raus aus meiner Komfortzone.“ Manch großes Thema räumt er clever ab. Knorr zieht die Blicke auf sich Da dieser Juri Knorr neben Andreas Wolff der einzige Unverzichtbare im Team ist, haben seine Sätze und Handlungen automatisch mehr Gewicht. Knorr schaut gut aus, spielt einzigartig, er zieht die Blicke auf sich – die jungen Fans lieben ihn. Und während Wolff sich staatstragend klingende, inhaltsleere Sätze zurechtgelegt hat, erfüllt Knorr jeden Interviewwunsch mit Substanz. Weil er höflich ist, aber auch, weil er sich erklären möchte. Dabei kommt manchmal Erstaunliches heraus. Etwa, dass Knorr seinen ganz persönlichen Therapeuten mit auf dem Zimmer im Silkeborger Hotel Radisson hat. David Späth rückt ihm manchmal den Kopf gerade. Späth, Typ Spaßvogel mit Tiefe, ist genau der Richtige dafür. Die beiden sind beste Freunde aus gemeinsamen Löwen-Zeiten. Telefonieren außerhalb der Turniere fast jeden Tag zwischen Heidelberg und Aalborg. Es geht dann um nichts Großes. Nur Austausch unter Kumpels. Sein Leben in Dänemark Knorr ist mit seiner Freundin in Nordjütland angekommen. Er spricht gut Dänisch. Er hatte sich einen Lehrer genommen, weil er beim Herumgealbere in der Kabine und im Bus nicht außen vor sein wollte. Mit der Sprache kam die Integration. Und die sportliche Entwicklung. „Die Deutschen denken, nur die Bundesliga sei gut“, sagt Simon Dahl, sein Trainer, der einen ähnlichen Dutt wie Knorr trägt. „Aber das ist nicht so.“ In einer nahezu perfekten Vorrunde Aalborgs hat er mehr und mehr verantwortet. Weniger mit dem Kreis gespielt. Seinen langen Anlauf von der Mitte verkürzt. Aber mit viel Selbstvertrauen hat er auch Knorr-Dinge gemacht; riskante Würfe, verwegene Anspiele. Den „spin move“. Einen Knorr, der nur mitläuft, braucht Simon Dahl nicht – Aalborg ist das FC Bayern des dänischen Handballs, kein einfacher Verein, wie Maik Machulla nach vier Monaten erfahren musste. Der Meistertrainer mit Flensburg flog im Herbst 2024 raus. Er lag rasch mit Klubchef Jan Larsen über Kreuz. Nun ist er bei den Löwen und Knorr einziger Deutscher in Aalborg. Dort lernt er die Hygge im Alltag genauso kennen wie den Druck, den man im kleinen Königreich zwar nett verpackt, aber handelsüblich hart ausübt: In Aalborg werden ausschließlich Siege akzeptiert. Auch das ist neu für Knorr, der in Mannheim ja nur bei einem Team der gehobenen Mittelklasse spielte. Bei dieser EM nun, seiner Zweiten, sind die Deutschen seit dem Spanien-Spiel voll da, nehmen Kurs aufs Halbfinale. Und wenn der erste Gegner an diesem Donnerstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, in der ARD und bei Dyn) auch überraschenderweise Portugal heißt, das Dänemark am Dienstagabend in der Jyske Bank Boxen 31:29 besiegte, gibt es für Knorr keinen Zweifel, dass die Dänen mit ihren Topstars Pytlick und Gidsel der große Favorit bleiben. Staunend schaut er ihrem Dauereinsatz auf dem Parkett zu: „Ich war gegen Spanien richtig müde am Schluss. Ich weiß nicht, wie Gidsel und Pytlick es machen, für Dänemark immer durchzuspielen – ich schaffe das nicht.“ Auch das gehört zu seinem Selbstbild: Er will ganz normal sein, unauffällig. Wäre da nur nicht dieses verlockende Rampenlicht.
