FAZ 16.12.2025
14:28 Uhr

Junge Männner dürfen raus: Eine Idee, die sich für die Ukraine rächen könnte


Inzwischen erlaubt Kiew jungen Männern bis 22 Jahre die Ausreise. Wird es jetzt noch schwerer, die Zukunft des Landes zu sichern? Oder kehren gerade deshalb viele zurück?

Junge Männner dürfen raus: Eine Idee, die sich für die Ukraine rächen könnte

Seit fast vier Monaten haben junge ukrainische Männer die Wahl. Nachdem sie volljährig werden, können sie entweder im Land bleiben oder ins Ausland gehen. Die jungen Erwachsenen können also für einen Sommerurlaub ans Mittelmeer fahren oder in einem Nachbarland studieren. Was sich selbstverständlich anhört, ist vollkommen neu. Unmittelbar nach Beginn der russischen Vollinvasion vor fast vier Jahren wurde im Land das Kriegsrecht verhängt. Ukrainischen Männern zwischen 18 und 60 Jahren war die Ausreise verboten, sofern sie nicht unter die zahlreichen Ausnahmeregelungen fielen. So konnten Männer mit drei oder mehr Kindern ausreisen oder solche, die durch eine medizinische Kommission für wehruntauglich befunden wurden. Alle anderen aber waren dazu gezwungen, im Land zu bleiben. Was aber keineswegs bedeutete, dass diese auch in die Armee eingezogen wurden. Mobilisiert wird monatlich nur ein kleiner Teil der männlichen Bevölkerung. Und die jungen Männer überhaupt nicht. Bis April 2024 wurden nur Männer über 27 Jahre eingezogen, dann wurde das Einberufungsalter auf 25 Jahre gesenkt. Wer jünger ist, kann der Armee aber freiwillig beitreten. Wer als Mann nicht unter die Ausnahmeregelungen fiel und aus dem Land wollte, musste den illegalen Weg gehen. Immer wieder flogen neue Maschen auf, durch die Männer über die Grenze gebracht wurden. Das Geld ging an korrupte Grenzbeamte, Kommissionsärzte oder Scheinfirmen, die sich Ausnahmegenehmigungen erschlichen. Andere, die sich den Schmuggel nicht leisten konnten oder wollten, schlugen sich auch auf eigene Faust durch. Die Grenze zu den westlichen Nachbarn ist vielerorts unbefestigt. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Das Band zur Heimat soll nicht abreißen Ende August stimmte das Parlament für ein vom Präsidenten eingebrachtes neues Gesetz, durch das Männer zwischen 18 und 22 Jahren die Grenze ohne Bedingungen überqueren dürfen. Die Regierung begründete die Entscheidung mit der Notwendigkeit, junge Männer an das Land zu binden und ihnen zugleich ein Studium im Ausland zu ermöglichen. Junge Ukrainer, die im Ausland studieren, seien so in der Lage, in ihr Heimatland zurückzukehren und „ihre Angehörigen in die Arme zu schließen“, begründete etwa die Vorsitzende des Jugendausschusses die Entscheidung. Im Zentrum steht demnach die Idee, das Band der jungen Menschen zur Heimat nicht abreißen zu lassen. Man kann dies auch als Eingeständnis werten, dass viele junge Männer ihrem Land ohnehin den Rücken kehren. Da ist es besser, sie tun dies erst, nachdem sie volljährig werden. Auf diese Weise steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren ukrainischen Schulabschluss machen oder sogar ein Grundstudium abschließen. Man lässt sie nun also mit Bindung zur Heimat gehen anstatt verfrüht und ohne Rückkehrmöglichkeit. Die Ukraine hat ohnehin schon viele Menschen ans Ausland verloren, viele vermutlich für immer. Wer als Mann einmal draußen war, dem war der Rückweg versperrt. Mit jedem weiteren Kriegsmonat sinkt die Wahrscheinlichkeit ihrer Rückkehr, sie bauen sich eine Existenz im Ausland auf. Die Regierung weiß aber, dass sie auf die jungen Männer angewiesen ist, um das Land nach dem Krieg wieder auf die Beine zu stellen. Zum einen als Steuerzahler, aber auch angesichts der katastrophalen Demographie. Das Land hat mit nicht einmal einem Kind je Frau eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit und ist schon jetzt massiv überaltert. Die Ukraine braucht Berufstätige – und mehr Geburten. Doch sorgt die Gesetzesänderung am Ende vielleicht für das genaue Gegenteil? Fühlen sich nun viele junge Männer dazu ermutigt, das Land zu verlassen? Gerade angesichts der besseren Verdienstmöglichkeiten und der Sicherheitslage in den Nachbarländern? In Kiew hört man in diesen Tagen oft, dass viele das Land schon unmittelbar nach der Gesetzesänderung verlassen haben. Aus Sorge, dass sich die Regeln schnell wieder ändern könnten. Europäische Partner bemerken mehr Einreisen Wie viele junge Männer das Land seit Ende August wirklich auf Dauer verlassen haben, lässt sich anhand der amtlichen Statistiken nicht nachvollziehen. Der ukrainische Grenzschutz informiert lediglich über Grenzübertritte in beide Richtungen, ohne Nennung von Geschlecht oder Alter. Lediglich an der Differenz zwischen Ein- und Ausreisen lassen sich grobe Trends ablesen. Zahlen aus den Zielländern geben aus ukrainischer Sicht Anlass zur Sorge. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren weltweit mit der letzten Aktualisierung Mitte November rund 5,9 Millionen Migranten aus der Ukraine registriert. Diese Zahl lag 128.000 Personen über dem Wert der letzten Aktualisierung Anfang Oktober. Die Gesamtzahl war in den Monaten seit Jahresbeginn insgesamt nur um 166.000 Personen gestiegen. Der Anstieg innerhalb eines Monats war damit außergewöhnlich hoch. Der polnische Grenzschutz berichtete gegenüber der Zeitung „Telegraph“ von einem starken Anstieg der Ausreisezahlen junger Männer zwischen 18 und 22 Jahren. So seien innerhalb der ersten zwei Monate rund 100.000 Männer dieser Altersgruppe nach Polen eingereist. Die Daten geben aber keinen Aufschluss darüber, wie viele von ihnen später wieder in die Ukraine zurückgekehrt sind. Höhere Reisebewegungen belegen nicht zwangsweise eine Ausreisewelle. Kiew will diese auch nicht erkennen. Der Minister für Jugend und Sport, Matwij Bidnyj, sagte dem Medium „RBK Ukraina“, es sei kein kritischer Abfluss junger Männer zu beobachten. Veränderungen seien eher auf saisonale Effekte zurückzuführen. Doch auch andere europäische Partner haben höhere Einreisezahlen ukrainischer Männer bemerkt. So forderte Bundeskanzler Friedrich Merz den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Mitte November auf, sich der Thematik anzunehmen. Die jungen Männer würden in der Ukraine und nicht in Deutschland gebraucht, äußerte Merz. Doch was sagen diejenigen, die wirklich von der Entscheidung betroffen sind? Gerüchte über eine Absenkung des Einberufungsalters Ignat aus Kiew möchte trotzdem in der Ukraine bleiben. Der 18 Jahre alte Schulabsolvent war unmittelbar nach Kriegsbeginn für ein paar Monate in Polen, noch als Minderjähriger. Die Zeit hat er in schlechter Erinnerung. „Die Leute waren nicht sehr freundlich zu uns“, erzählt er bei einem Treffen in seiner Küche im Kiewer Stadtteil Podil. Auch der Unterricht für die Geflüchteten sei eher halbherzig gewesen. Die Entscheidung, dass er seine Zukunft in der Ukraine verbringen will, traf Ignat aus Überzeugung, erzählt er. Tatsächlich wirkt er nicht wie jemand, der nur aus Mangel an Ideen oder Perspektiven im Land bleibt. Er erzählt von Urlauben in die Türkei, nach Ägypten und Spanien, Kurztrips nach Berlin. Sein Bleiben hat er mit seiner Familie abgestimmt. Von den Eltern habe es aber keinen Druck gegeben. Ignat selbst spricht in seiner Begründung viel über die Vorteile für das Kollektiv, wenig über seine persönlichen. „Es ist wichtig für unsere Wirtschaft, dass Leute hierbleiben und Steuern bezahlen“, sagt er etwa. Auch außerhalb der Armee könne man dem Land so dienen. Passend dazu hat Ignat seit Kurzem eine Anstellung in der Verteidigungsindustrie. Auch seine Mutter arbeitet dort, während sein Vater im Militär dient. Der neue Job bringt theoretisch auch den sogenannten Bron, den Schutz vor der Einberufung wegen eines systemrelevanten Jobs, mit sich. Doch bis zu einer möglichen Einberufung dauert es ohnehin noch Jahre. Wobei Ignat und seine Freunde daran so ihre Zweifel haben. Er höre aktuell viele Gerüchte über eine Absenkung des Einberufungsalters, sagt er. „Rein militärisch wäre das ja auch sinnvoll“, ergänzt er rasch. Tatsächlich ist es kein Geheimnis, dass insbesondere die Amerikaner schon lange darauf dringen, das Einberufungsalter weiter abzusenken. Diese Debatte darüber könnte den Ausreisedruck weiter erhöhen. Lieber heute gehen, als morgen nicht mehr ausreisen zu dürfen, könnten sich manche Junge und deren Eltern denken. Ignat möchte der Armee noch nicht beitreten. Er weiß aber von den neuen Konditionen. Es gibt nun spezielle Programme für junge Menschen, verbunden mit einem Bonus bei Vertragsunterzeichnung. Bei dem Programm „Contract 18–24“ haben die Rekruten etwa die Möglichkeit, für nur ein Jahr zu dienen. Dazu bekommen sie kostenlose medizinische Versorgung und zinslose Hypotheken. Dennoch aber bleiben die Rekrutierungszahlen dieser Programme überschaubar. Und – auch das gehört zur Wahrheit – viele junge Männer ziehen die Option, in der Armee zu dienen, nicht einmal in Betracht. Durch das neue Gesetz kann er sich mit der Ausreise Zeit lassen Auch der 16 Jahre alte Ilja hat seine Zukunftsentscheidung schon getroffen. Das erläutert er bei einem Treffen am Stadtrand von Kiew. Er lebt in einer sogenannten Gated Community, das großflächige Areal ist von Zäunen umgeben. Der private Sicherheitsdienst auf dem Gelände ­­pa­trouilliert in einem gold-schwarzen Tesla-Elektroauto. Ilja möchte im Ausland ­studieren, Betriebswirtschaftslehre in Spanien soll es sein. Auf diesen Lebensabschnitt bereitet er sich mit Sprachkursen vor. Sein Tagesplan ist eng getaktet. Tagsüber gibt es Unterricht in kleinen Gruppen, abends trainiert er fast täglich unterschiedliche Sportarten. Vor einiger Zeit war er mit der Schule in Barcelona, es hat ihm gut gefallen. Trotz der gut situierten und etwas isolierten Lebenssituation hat er die Schrecken des Krieges durchaus erlebt. Die Familie lebte bis zum Ausbruch der Kämpfe vor über zehn Jahren in Donezk, zog dann nach Mariupol am Asowschen Meer. Dort erlebte er die massive Bombardierung der schon nach kurzer Zeit von russischen Truppen umzingelten Hafenstadt. Erst nach mehreren Wochen gelang der Familie die Flucht über einen humanitären Korridor. Seither ist Ilja mehrfach umgezogen, zuletzt in das gesicherte Areal am Rande der Hauptstadt. Ilja sagt, das neue Gesetz der Regierung habe seine Zukunftsentscheidung nicht maßgeblich beeinträchtigt. Ein Studium in dem vom Krieg gebeutelten Land zu beginnen, war für ihn und seine Eltern offenbar ohnehin keine Option. Er hätte nach der früheren Gesetzeslage das Land unmittelbar nach seinem Schulabschluss verlassen müssen. Zwischen der Zeugnisvergabe und seinem 18. Geburtstag liegen nur einige Wochen. Dank der neuen Regelung kann er sich mit seiner Ausreise Zeit lassen. Der Krieg betrifft jeden Ukrainer. Doch nicht jeden gleich. Nur ein schnelles Kriegsende würde dafür sorgen, dass junge Männer die Entscheidung zwischen Gehen oder Bleiben unter vollkommen neuen Rahmenbedingungen treffen.