FAZ 09.02.2026
09:09 Uhr

Jugend und Digitalisierung: Macht uns das Smartphone wirklich dümmer?


Millennials und Leute der Gen Z, die mit dem Handy in der Hand aufwachsen, sind weniger intelligent als ältere Menschen. Das zumindest legen Studien nahe. Wer so argumentiert, übersieht Entscheidendes.

Jugend und Digitalisierung: Macht uns das Smartphone wirklich dümmer?

In Platons „Phaidros“ präsentiert der Gott Theuth dem König Thamus die Schrift als Mittel der Weisheit. Thamus aber widerspricht: Die Erfindung, sagt er, werde Vergesslichkeit stiften. Wer sich auf Geschriebenes verlasse, werde sich nur noch „von außen“ durch fremde Zeichen erinnern, statt „von innen heraus“ durch sich selbst. Der Verdacht, dass Hilfsmittel, die uns das Denken erleichtern, zugleich unseren Geist schwächen, keimt seit der Antike: Was als Komfort und Effizienzgewinn beginnt, endet als Verlust und lässt grundlegende Fähigkeiten unseres Geistes, wie das Gedächtnis, die Konzentration und die Auffassungsgabe, welken. Das behauptete auch die frühe Neuzeit über den Buchdruck. Das 18. Jahrhundert erfand zur Ächtung der Romane die „Lesesucht“, ein Jahrhundert später galt die Presse als Wurzel geistigen Verfalls. Im 20. Jahrhundert waren es Comics, das Fernsehen, der Taschenrechner und der Walkman, die angeblich unserer Intelligenz schadeten. Doch in Messungen gab es für einen solchen Verfall lange keine Hinweise. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts stiegen die Ergebnisse in IQ-Tests von Generation zu Generation immer weiter an; im Mittel grob um einige Punkte pro Jahrzehnt. Dieser Befund ist als Flynn-Effekt bekannt. Doch der Aufwärtstrend nahm ein jähes Ende: Bei den Generationen, die in den Neunzigerjahren und später geboren wurden – Millennials, GenZ und den jüngeren Digital Natives –, hat der Effekt sich nicht nur verlangsamt, sondern teils umgekehrt. Für Dänemark liegen solche Daten aus IQ-Tests vor, die bei der Musterung seit Jahrzehnten nach einem standardisierten Verfahren gemessen wurden. Konkurrenz um die eigene Aufmerksamkeit Demnach sinken die Intelligenzwerte seit fast drei Jahrzehnten erstmals wieder. Die Forschung spricht vom Anti-Flynn-Effekt. Und plötzlich ist, wie jüngst in der „Welt“, vielerorts zu lesen: Die jungen Menschen werden immer dümmer. Woran das liegt, ist schnell ausgemacht: Internet, Social Media, Smartphones – und neuerdings KI. Ein Leben in Benachrichtigungen und endlosen Feeds, dazu Maschinen, die jeden Satz für uns beenden. Wer braucht da noch ein Gedächtnis? Wer muss da überhaupt noch denken? Davon sind aber längst nicht nur die Jungen betroffen. Jeder, der sich schon einmal über mehrere Stunden im Sog der Kurzvideos von Tiktok oder Instagram verloren hat, kennt das Gefühl: Nach Stunden kurzer, hektischer Reize fällt es schwer, zurück in die Konzentration zu finden. Studien verhandeln Zusammenhänge zwischen intensiver Smartphone-Nutzung und Merkmalen wie Ablenkbarkeit oder Selbstkontrolle; und es gibt Experimente, in denen schon die bloße Nähe des eigenen Geräts die kognitive Kapazität mindern kann, selbst wenn es unberührt bleibt. Das liegt aber weniger an der Technik als an so gebundener Kontrolle: Ein Teil der Aufmerksamkeit bleibt damit beschäftigt, die Möglichkeit der Unterbrechung zu überwachen und sie im Zweifel zu unterdrücken. Schließlich könnte jederzeit eine neue Nachricht aufploppen. Man muss das nicht dramatisieren, um den Effekt ernst zu nehmen. Wer arbeitet, während zugleich ein Dauerangebot an Neuem wartet, erlebt keine Vertiefung, sondern Konkurrenz um die eigene Aufmerksamkeit. Vom Privaten ins Öffentliche, vom Ernst ins Spiel Diese Konkurrenz ist technisch raffiniert. Feeds sind auf unvorhersehbare Belohnungen gebaut. Man weiß nie, ob der nächste Wisch banal ist oder fesselt. Gerade die Unberechenbarkeit gilt als besonders bindungskräftig. Sie macht Gewohnheiten stabil, weil die nächste „Belohnung“ immer möglich ist; sie macht uns süchtig nach unseren Smartphones. Dazu kommt der Dauerreiz der sozialen Rückmeldung: Zahlen, Herzen, Sichtbarkeit. Wer ständig in Mikrobewertungen lebt, lernt, sich selbst als Projekt zu managen, und zahlt mit innerer Unruhe; denn selbst dort, wo die Inhalte harmlos sind, bleibt die Form aggressiv – kurze Einheiten, schnelle Wechsel. Aus der Perspektive des Gehirns ist das weniger ein Training in Ausdauer als in Bereitschaft und ständiger Verfügbarkeit. Was sich dabei verschiebt, ist nicht nur die Dauer der Aufmerksamkeit, sondern ihre Grammatik. Wer stundenlang durch Feeds, Chats, Clips und Links navigiert, übt weniger das Verharren als das Orientieren: Wo bin ich gerade? Was ist hier wichtig? Was ist Lärm, was Signal? Was lohnt eine Minute, was eine Stunde? Diese Umwelt zwingt zur permanenten Triage. Es geht nicht mehr darum, tiefer zu denken oder zu fühlen, sondern schneller zu entscheiden, welcher Tiefe man eine Chance gibt. Dazu kommt ein Training im Kontextwechsel. Das Smartphone ist ein Gerät der Übergänge, vom Privaten ins Öffentliche, vom Ernst ins Spiel, vom Text ins Bild, von der Nachricht zur Antwort, von der Information zur Reaktion. Wer das routiniert bedient, entwickelt eine kognitive Logistik im Kleinen: Aufgaben kurz parken, Spuren wiederfinden, Fäden aufnehmen, ohne jedes Mal bei null zu beginnen. Man lernt, Unterbrechungen nicht nur zu erleiden, sondern zu verwalten — mit all den Kosten, die das haben kann, aber auch mit einer Kompetenz, die in einer fragmentierten Arbeitswelt erforderlich ist. Das Smartphone ist bloß ein neues Werkzeug Was dabei zuerst verloren geht, ist nicht „Intelligenz“ im eigentlichen Sinne, sondern etwas viel Konkreteres: die Verfügbarkeit von Aufmerksamkeit. Wer Smartphones kritisiert, verteidigt deshalb meist ein bestimmtes Aufmerksamkeitsideal: lange, lineare Konzentration, möglichst ohne Unterbrechung. Bevor man der jüngeren Generation Dummheit attestiert, sollte man klären, um welche Form von Aufmerksamkeit es geht. Der Anti-Flynn-Effekt ist ein Befund darüber, wie gut Menschen Aufgaben lösen, die in einer bestimmten Bildungs- und Medienökologie als maßgeblich galten. Er trifft keine Aussage über das Denken an sich. Ein IQ-Test misst, was und wie er seit vor-digitaler Zeit misst – und er tut dies in einer Form, die Aufmerksamkeit als ungestörten Besitz erscheinen lässt, ein Mensch, ein Problem, eine Lösung, keine Hilfsmittel. Hier setzt Carolin Duttlinger an. In ihrem Buch „Attention and Distraction in Modern German Literature, Thought, and Culture“ argumentiert sie, dass Aufmerksamkeit in der Moderne nicht als stabiles Gegenstück zur Zerstreuung zu begreifen ist, sondern selbst unruhig, unvorhersehbar und nur begrenzt willentlich steuerbar – und deshalb untrennbar mit Ablenkung verschränkt ist. Ihre Pointe ist nicht, dass Aufmerksamkeit früher besser war, sondern dass sie in der Moderne überhaupt erst als gesellschaftliches Problem erscheint, die vermessen, trainiert, optimiert und mitunter diszipliniert wird. Es geht daher nicht um verminderte Intelligenz. Plausibler ist, dass sie sich umsortiert. Wir werden nicht unfähiger, sondern anders fähig. Nicht alles daran ist gut, nicht alles daran ist schlecht. Aber es ist ein Wandel, der eher an die Einführung der Schrift erinnert als an den Verlust eines Sinnes. Das Smartphone ist, bei aller moralischen Überladung, bloß ein neues Werkzeug. Und Werkzeuge verlagern Kompetenzen. Die entscheidende Frage lautet deshalb auch nicht, ob ausgelagerte Fähigkeiten verschwinden, sondern, welche neuen Formen von Können durch die Auslagerung möglich werden. Schon Platon zeigt das paradoxe Grundmuster: Wer schreibt, entlastet das Gedächtnis und gewinnt eine neue Form der Ordnung, Distanz und Abstraktion. Denken ist nicht an die Innenseite der Schädeldecke gebunden Für die Gegenwart gilt Ähnliches. Menschen, die digital aufwachsen, bewegen sich routinierter in Informationsräumen als die Älteren. Sie suchen nicht nur, sie prüfen, vergleichen Quellen, testen Widersprüche, speichern, sortieren, teilen. Das ist kein Garant für Wahrheit, aber eine stete Übung in Verifikation. Das klassische Bild des versunkenen Lesers kennt diese Wachheit kaum; es kennt vor allem Tiefe. Man kann das als Zerstreuung abtun. Man kann es aber auch als Kompetenz beschreiben, die in einer schnellen und lauten Umwelt entsteht: den Überblick behalten, während es um uns herum ständig lärmt. Dass neue Kompetenzen entstehen, heißt zudem nicht, dass die alten irrelevant werden, sondern nur, dass das Feld der Maßstäbe größer geworden ist. Die Philosophen Andy Clark und David Chalmers haben für diese Verschiebung bereits Ende der Neunziger in einem Essay den Begriff „Extended Mind“ geprägt. Ihr Gedanke: Denken ist nicht strikt an die Innenseite der Schädeldecke gebunden, sondern kann sich in verlässliche Hilfsmittel hinein fortsetzen – in Notizbücher, Kalender und eben Smartphones. Wer sein Leben mit einem digitalen Gedächtnis organisiert, denkt nicht weniger; er denkt verteilt und lagert bestimmte Fähigkeiten aus und um. Natürlich hat das einen Preis. Wer ständig wechselt, zahlt Wechselkosten. Wer ständig auswählt, ermüdet an der Auswahl. Und wer sich jederzeit informieren kann, riskiert, nie zu Ende zu denken. Aber diese Kosten sind nicht identisch mit Dummheit, sondern einer Umwelt geschuldet, die andere Fähigkeiten verlangt als die Schulwelt, an der viele Testformate ihr Ideal ausrichten. Der Anti-Flynn-Effekt ist damit auch eine Mahnung an die Messkultur. Es geht um Normen. Welche Aufmerksamkeit gilt als wertvoll? Die des Chirurgen, der acht Stunden operiert? Die des Schülers, der einen Vormittag lang still sitzt? Oder die des Jugendlichen, der zwischen Nachrichten, Bildern und Kontexten navigiert, ohne die Orientierung zu verlieren? Es ist wie mit der Erfindung der Schrift, die das Gedächtnis nachhaltig verändert hat, indem sie ständiges Einprägen überflüssig machte. Damit legte sie den Grundstein für den Aufbau noch viel komplexeren Wissens.