FAZ 29.01.2026
18:03 Uhr

Jugend schreibt- und Joseph-Preise: Am Ende siegt doch die Neugier


Ausgezeichnete Schüler und ihre Geschichten, auch hinter den Geschichten: Im Frankfurter F.A.Z.-Tower wurden die „Jugend schreibt“-Preise und Joseph-Preise verliehen.

Jugend schreibt- und Joseph-Preise: Am Ende siegt doch die Neugier

Es sind die lebendigen, lange recherchierten Reportagen und die spannenden Porträts, die die Jury überzeugten. Dafür wurden am Donnerstag im Frankfurter F.A.Z.-Tower die diesjährigen „Jugend schreibt“-Preise der FAZIT-Stiftung verliehen. So gab es Lob und Preis für packende Aufmacher, etwa über einen Mann, der einst Sportwetten verfallen war und heute Menschen davor warnt. In den Mittelpunkt rückten aber ebenso sachlich geschriebene Berichte, wie der über eine inzwischen 85 Jahre alte Frau, der es am 12. August 1961 in Berlin gelang, mit der letzten S-Bahn die DDR zu verlassen, um ihren im Westen wartenden Verlobten zu heiraten. Professor Andreas Barner begrüßte für die FAZIT-Stiftung die rund 100 Gäste. Er betonte, dass die redak­tionelle Unabhängigkeit für die F.A.Z. von besonderer Bedeutung sei und dass gleichermaßen die Qualität der redaktionellen Beiträge hoch sein müsse, damit die F.A.Z. für die Leser interessant ist und die Zeitung eine Zukunft hat. Es spiele eine wichtige Rolle, dass sich junge Menschen so früh es geht für das Schreiben engagieren; die Einsatzfreude der Schüler und das Niveau der Beiträge machten diese Auszeichnungen zu einer besonderen Freude. 60.000 Schülerinnen und Schüler haben sich inzwischen an „Jugend schreibt“ beteiligt Dem schloss sich der für die Jugend­projekte zuständige Herausgeber Gerald Braunberger an und nannte Zahlen: Das Projekt „Jugend schreibt“ gibt es seit 39 Jahren, bisher sind rund 1500 Seiten mit Schülerbeiträgen erschienen, und 60.000 Schüler haben sich beteiligt. Seit nunmehr 26 Jahren gibt es zudem das Projekt „Jugend und Wirtschaft“. Junge Menschen mit einer Qualitätszeitung vertraut zu machen, sei eine verantwortungsvolle wie herausfordernde Aufgabe, vor allem in Zeiten einer sich rasant wandelnden Medienwelt, erklärte Braunberger. Ein großer Teil des Projekts verläuft sozusagen unsichtbar – es ist die tägliche Lektüre des E-Papers. Das geschieht im Lauf des Projektjahres mit unterschiedlicher Begeisterung, aber auch mit Staunen der Erstleser, da­rüber, dass sie Überraschendes entdecken, was sie unmittelbar betrifft. Wer mag, der kann selbst in die Journalistenrolle schlüpfen: Schule und Schreibtisch verlassen und ganz analog ungewöhnliche Menschen treffen, sie intensiv befragen über ihren Beruf, ihre Hobbys, ihre Ansichten, schlicht ihr Leben, das ist der sichtbare Teil des Projekts. Die besten Schülerbeiträge erscheinen jeden Montag auf einer Seite im Sportressort und sind dann nachzulesen auf FAZ.NET im Gesellschaftsressort. Magnus Ebel macht mit in einer Presse-Arbeitsgemeinschaft des Wilhelm-Gymnasiums in Braunschweig und erhielt den mit 1000 Euro dotierten Einzelpreis. Er porträtiert einen Wettsüchtigen, eine Influencerin, die nach einem Burn-out ein Buchcafé betreibt, und einen rastlosen James-Bond-Experten. Sabine Holzfuß und Sebastian Vieweg betreuen den Kurs, dessen Artikel die Seite immer wieder lesenswert machen. Bei einer früheren Teilnahme hat Magnus einen Sehbehinderten-Reporter von Eintracht Braunschweig in­terviewt, der im Stadion Fußballspiele für Sehbehinderte beschreibt. An dem Tag war ein Kollege ausgefallen, Magnus sprang als Reporter in Doppelrolle ein und machte das so gut, dass es ihm seitdem ehrenamtlich zum Hobby geworden ist. Eine schöne Geschichte hinter der Geschichte, die der Schüler bescheiden erwähnt. Die jungen Leute machen das schon Mit originellen Themen punkten auch die Jugendlichen des Goethe-Gymnasi­ums Berlin-Lichtenberg. Lehrer Marcus Heyduk ermutigt, sich zu trauen, Gesprächspartner zu kontaktieren, gibt Tipps, kritisiert auch mal, hält sich dann aber im Hintergrund – im Vertrauen, dass die neugierigen jungen Leute das schon gut machen werden. Der Erfolg gibt ihm recht. Die Berliner haben unter anderem vom Büchner-Preisträger Jan Wagner über einen Kronkorkensammler, einen Bumerang-Weltmeister bis zu Lebensmittelrettern allesamt bemerkenswerte Menschen in den Mittelpunkt ihrer Beiträge gestellt. Dieses Können wurde mit einem in Höhe von 2500 Euro dotierten Gruppenpreis honoriert. Lucie Stark und Luisa Karpenstein nahmen die Urkunden stellvertretend für den Kurs entgegen. Frohe Gesichter auch bei den Schweizer Schülern der Kantonsschule Uetikon am See, deren Schule aufmerksamen Lesern seit Langem vertraut sein dürfte: Hochproduktiv verfassten sie im Lauf des Projektjahrs 45 Artikel, 19 wurden bisher gedruckt. Ihrem Lehrer Matthias Böhni gelingt es, auch die nicht schreibaffinen Schüler dazu zu bewegen, sich im Journalismus auszuprobieren. Das hat er vor zwei Jahren schon einmal mit einem anderen Kurs bewiesen und ebenfalls einen Gruppenpreis erhalten. Unter Beifall, hier und da blitzten Freudentränen auf, nahmen die Autoren ihre Urkunden in Empfang. In ih­ren charmanten Dankesworten betonten die Preisträger, es war passagenweise ganz schön anstrengend, aber mal etwas völlig anderes als der übliche Unterricht. Das betonen viele Lehrer in der Rückschau – das Projekt sei nachhaltig, auch weil viele ih­rer ehemaligen Schüler bekunden, nicht nur im Abitur, sondern später auch im Studium von der Lektüre der F.A.Z. zu profitieren. Jüdisches Leben damals und heute, heißt: Nähe suchen Der zweite Teil des Nachmittags war der Verleihung des Joseph-Preises vorbehalten. Diese Ehrung rund um jüdische Themen ist dem Überlebenden des Holocaust, dem Berliner Rolf Joseph, gewidmet. Eine Schülergruppe des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin rief den Preis, damals noch Rolf-Joseph-Preis, ins Leben, nun führt die FAZIT-Stiftung ihn fort. Mitglieder der Joseph-Gruppe wa­ren im Publikum. Auch Simon Strauß, Feuilletonredakteur dieser Zeitung, der die Entstehungsgeschichte des Preises schilderte. Das Thema, jüdisches Leben damals und heute, bedeute Nähe suchen. Unter den Zuhörern saß Ehrengast Uschi Sikora, die Witwe von Rolf Joseph. Simon Haug, Geschäftsführer der FAZIT-Stiftung, stellte die drei Preise vor und sprach darüber, „wie der Preis das Vermächtnis eines Überlebenden mit der demokratischen Verantwortung unserer Ge­genwart verbindet“. Einen Einzelpreis, dotiert mit 500 Euro, erhielt Gavriel Harvey von der Kantonsschule Uetikon am See. Der Schüler von Christine Brunner schildert, wie in Zürich das jüdische Purimfest gefeiert wird. Er lässt zwei Rabbiner aus unterschiedlichen Traditionen erzählen. Der Artikel erscheint in der kommenden Montagsausgabe. Eine noch weitere Anreise hatten zwei Preisträger aus Sloweni­en hinter sich: Blaž Klinar und Urh Štrakl von der Schreibwerkstatt Discimus Lab in Videm pri Ptuju/Tržec. Das Duo hat sich mit jüdischem Leben in seiner Heimat beschäftigt. „Viele Schicksale teilen ein Schicksal“ lautet der Artikel, der am 5. Mai 2025 in der F.A.Z. erschienen ist. Auch in Slowenien hat jüdisches Leben tiefe Wurzeln geschlagen. Und es musste dort ebenso leiden. „Es ist wichtig für uns, etwas über­einander und unsere Unterschiede zu lernen, denn genau das macht unsere Welt so schön“ Urh, der Dankesworte sprach, ist blind und der kreative Teil des Teams, mit hoher Eigenmotivation, wie Lehrer Gerald Hühner hervorhob, während Blaž die vielen Informationsfäden souverän zusammengeführt hat. Der 19-Jährige resümiert: „Es ist wichtig für uns, etwas über­einander und unsere Unterschiede zu lernen, denn genau das macht unsere Welt so schön. Ich habe so viel über jüdische Geschichte, das Leben und die Identität gelernt. Und alles aus erster Hand.“ Der Preis ist mit 700 Euro dotiert. Ein weiterer Preis geht in diesem Jahr nach Rumänien, und zwar an ein Trio, an Luiza Focșa, Ioana Idiceanu-Mathe und Albert Ododescu vom Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Timișoara. Prämiert werden sie für ihren Artikel „Es bleibt allein die Synagoge“, der am 1. Dezember 2025 erschienen ist und die wechselvolle Geschichte der dramatisch schrumpfenden jüdischen Gemeinde in der rumänischen Stadt Timișoara beschreibt. Um das Jahr 1900 war die jüdische Gemeinschaft die viertgrößte Bevölkerungsgruppe der Stadt, heute zählt sie nur noch 600 Mitglieder. Das Schwinden über einen Zeitraum von mehr als 125 Jahren hat Gründe – und diese Gründe werden von den drei Schülern in ihrem Beitrag beschrieben. Am Ende bleiben nur die Synagogen. Der in dem Artikel interviewte Vizepräsident der jüdischen Gemeinde, Gheorghe Sebok, kämpft für den Erhalt der drei großen historischen Synagogen der Stadt, auch wenn sie nicht mehr alle für religiöse Zwecke gebraucht werden. Er sagt: „Synagogen abreißen, das wäre kein gutes Zeichen. Alle, die Synagogen niedergerissen haben, sind negativ in die Geschichte eingegangen.“ Die drei Preisträger, deren Arbeit von Lehrerin Katharina Graupe begleitet wurde, waren virtuell zugeschaltet. Anreisen konnten sie nicht, weil sie an diesem Tag die Abiturklausuren im Fach Deutsch schrieben. Auch dieser Preis ist mit 700 Euro dotiert. Freude an der „Lenau“, wie die Schule der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien, der Banater Schwaben, auch genannt wird. Nach Kaffee, Kuchen, Austausch, Glückwünschen und Erinnerungsfotos erlebten die Gäste eine Tower-Führung und Diskussion mit Wirtschaftsredakteurin An­ne Kokenbrink. Derweil ging es für die neuen Projektlehrer an die Arbeit. Ihr journalistisches Seminar begann. In vertrauensvollem Zusammenwirken mit dem medienpädagogischen IZOP-Institut machen wieder 100 Kurse aller möglichen Schultypen mit. Sie lesen ein Jahr lang kostenfrei die Publikationen der F.A.Z. und setzen aktuelles Material im Unterricht ein. Die Jugend ist neugierig, und sie macht neugierig.