Erkältet ist er schon mal. „Das ist in der Woche vor der Buchmesse immer so.“ Es geht also alles seinen gewohnten Gang. Immerhin spielt beim Kampf des Juergen Boos gegen den Husten diesmal das Wetter mit. Milde soll es werden auf der Bücherschau, zur Eröffnung am Dienstag sind gute 20 Grad vorhergesagt, auch an den folgenden Tagen soll es viel Sonne geben. Die Buchmesse liegt früh in diesem Jahr, der Klimawandel gibt dem Ganzen einen weiteren kleinen Schubs, Boos kennt aber auch noch regnerische, kalte und dunkle Messen, die zu Beginn seiner Zeit an der Spitze häufiger waren als heute. Es hat sich vieles verändert in den vergangenen 21 Jahren. Und Boos hat als Chef der einzigen Buchmesse der Welt, zu der wirklich alles strömt, vom bestens vernetzten Fachbesucher aus Übersee bis zum völlig orientierungslosen deutschen Leser, stets versucht, den Wandel zu steuern, zu lenken und zu gestalten. „Für mich war Veränderung immer das Normale“, sagt er im Frankfurter Haus des Buches. Soll heißen: Ihm gefiel sie. Während andere eher düster in die Zukunft schauten: „Während meiner Lehre als Verlagsbuchhändler hatten wir die erste Kopiermaschine. Da hörte ich zum ersten Mal, dass das Ende nahe ist.“ Später unterrichtete er Hersteller und erklärte ihnen Preisbindung und Marketing: „Veränderungen waren in der Branche immer angelegt.“ Das perfekte Gastland Massiv gewandelt hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten, wie man Geschichten erzählt und wo es geschieht. Film, Games, Streamingdienste – Boos hat schnell versucht, andere Kreativbranchen an die Messe anzuschließen, mit Präsenz auf der Bücherschau und Pitching-Veranstaltungen wie „Books at Berlinale“: „Wir haben immer versucht, Trends zu erfassen. Nachdem wir Film gemacht haben, gab es ihn auch anderswo.“ Ein wenig Technik-Nostalgie leistet er sich aber auch. Gerade liest er zwei Bücher, die das Lob des Bleistifts singen: „Eigentlich ist das gar nicht so schlecht.“ Der Bleistift, den er zur Hand nimmt, stammt vom tschechischen Gastlandauftritt auf der Leipziger Buchmesse 2019. Jetzt ist die Tschechische Republik das letzte Gastland seiner Zeit an der Frankfurter Spitze. Für Boos ist das der perfekte Abschluss. Tomáš Kubíček, jetzt Direktor des tschechischen Gastlandauftritts, war während Boos’ Zeit als Verlagsmanager bei Springer Science + Business Media Vertreter für Osteuropa. Und die Mährische Landesbibliothek in Brünn, die von Kubíček nun geleitet wird, bewahrt das Erbe Milan Kunderas, den Boos in seiner Zeit bei Hanser sehr verehrte: „Das sind Bögen, die für mich wichtig sind.“ 1961 wurde er in Lörrach geboren, mit 15 war er zum ersten Mal in den Frankfurter Messehallen, in Begleitung seines Onkels, eines Buchhändlers: „Das zieht sich durchs Leben.“ Er ist gespannt darauf, wie es sich anfühlen wird, bald eine ungewohnte Perspektive einzunehmen. Vielleicht habe das auch sein Gutes, scheint er ein wenig zweifelnd zu denken: „Nicht auf das schauen zu müssen, was schiefgeht, oder daran denken zu müssen, ob man jemanden übersehen hat, ist sicher ganz angenehm.“ Zwei Jahrzehnte voller Krisen Umso schöner ist es für ihn, dass noch eine ganze Messe bevorsteht, von der Überreichung des Deutschen Buchpreises am Vorabend der Bücherschau bis zur Vergabe des Friedenspreises in der Paulskirche. Er ist in all den Jahren in Heidelberg wohnen geblieben, aber auch in diesem Jahr zieht er am Samstag vor der Messe nach Frankfurt. Wenn am Montag und Dienstag im „Frankfurter Hof“ schon vor der Eröffnungsfeier Geschäfte mit wichtigen internationalen Gästen gemacht werden, ist auch er mittendrin. „Und im Starbucks gegenüber sitzen die deutschen Agenten, denen der Frankfurter Hof zu teuer ist.“ Die Politisierung der Messe hat sich aus seiner Sicht mit den Jahren verstärkt. Schon um 1968 herum seien gesellschaftliche und politische Konflikte von Ausstellern, Autoren und Besuchern häufig auf die Messe getragen worden. Trotzdem kommt ihm diese Zeit wie ein behüteter Elfenbeinturm vor. Heute gibt es zum einen die sozialen Medien, die es schwarzen deutschen Autoren 2021 erlaubten, die Messe durch ihren Boykott stark zu beeinflussen, obwohl sie nicht in Frankfurt anwesend waren, andererseits aber auch das von der Buchmesse selbst kuratierte Programm „Frankfurt Calling“, das politische Themen bewusst in die Hallen bringt: „Die Buchmesse stärker zum Diskussionsforum zu machen, hat mich gefreut, trotz zum Teil sehr schwieriger Gemengelagen.“ Die Krisen, auf die er anspielt, hat es immer wieder gegeben, von demokratisch zweifelhaften Gastländern wie China über die Präsenz rechtsradikaler und rechtsextremistischer Verlage auf der Messe bis zum Auftritt Slavoj Žižeks, der als slowenischer Eröffnungsredner im Oktober 2023 kurz nach dem Massaker der Hamas mehr Aufmerksamkeit für Palästina forderte. Viren und Rechtsextremisten In solchen Situationen sei es darauf angekommen, „zu wissen, was unser Kern ist“, und durchzuhalten: „Zu sagen, wir haben Angst und machen deswegen etwas nicht, das wäre für uns der schlimmste Fall gewesen.“ Der Kern, das ist für Boos das freie Wort, die klare Aussprache, das Gespräch. Rechte Verlage, Boykotte, die Emotionen, die all das bei Besuchern hervorrief – er war immer der Meinung: „Darüber kann man reden, darüber soll man reden, darüber soll man hier reden.“ Wenn er an die haarigsten Augenblicke zurückdenkt, fällt ihm als Erstes trotzdem die Corona-Pandemie ein, „ein unglaublicher Einbruch“. Kurz vor der Eröffnung musste die Buchmesse im Oktober 2020 aufgrund rasch steigender Infektionszahlen abgesagt werden und fand nur digital statt. Nicht zu wissen, ob es weitergeht, von Bund, Land und Stadt mit vielen Millionen Euro Fördergeld und guten Messekonditionen als Mieter der Messehallen unterstützt zu werden – es waren schwierige Jahre. „Aber die schlimmste Begegnung war für mich, als Herr Kubitschek und ich uns in Halle 4 gegenüberstanden und uns anschrieen.“ Von 2017 bis 2019 nutzte Götz Kubitschek, Aktivist der neurechten Bewegung, die Messe als Bühne, um gesellschaftliche Zwietracht zu säen. Dass sich da aus der Mitte der Bücherschau eine Stimme erhob, „die so gegen die Buchmesse und die Pluralität ist, das war ein Schock für mich“, sagt Boos. Die Wiederaufbaujahre nach der Pandemie schließlich brachten das, was er den „Wandel vom Leser zum Fan“ nennt: „Die Leute sind bereit, vier Stunden auf Sebastian Fitzek zu warten.“ Was zeige, dass Fan-Tum sich nicht auf das Wachstumssegment Romance beschränke: „Es war ganz klar, dass wir da zugänglicher werden müssen. Wenn die Menschen die persönliche Begegnung mit dem Autor haben wollen, müssen wir sie ihnen bieten. Wir können nicht einen Autor auf die Bühne setzen, und 4000 Menschen sitzen ihm gegenüber. Sie alle wollen die Begegnung.“ Und sei es nur für den kurzen Augenblick eines Selfies. Salman Rushdie und der Verband der Dönerhersteller Boos hat nichts dagegen: „Bücher sind zum Anfassen da.“ Und wo habe man sonst die Möglichkeit, so viele englische, türkische oder spanische Titel zu sehen? Er ist deswegen völlig einverstanden mit dem nach der Pandemie eingeführten Buchverkauf an den Publikumstagen: „Ich könnte mir vorstellen, dass das demnächst noch sichtbarer wird.“ Denn eigentlich sei die Frankfurter Buchmesse an ihren fünf Tagen neben dem, was sie sonst ist, auch die „größte internationale Buchhandlung der Welt“. Noch eine letzte, massive Veränderung hat Boos mit dieser Messe angestoßen. Es zeichne Frankfurt aus, „sehr bewusst beides zu sein“, Messe für den Rechtehandel und Publikumsmesse zugleich, anders als die Konkurrentinnen in Bologna oder London, die als reine Rechtemessen für Kinderbücher und den englischsprachigen Raum angelegt sind, oder große Publikumsmessen wie Kairo oder Buenos Aires: „Hunderttausende von Besuchern, obwohl das Land wirtschaftlich am Boden liegt.“ Jede Buchmesse habe einen anderen Charakter: „Das gleichberechtigte Nebeneinander ist die Stärke Frankfurts.“ Trotzdem gibt es Aussteller, die sehr stark am Publikum interessiert seien, und solche, für die es ausschließlich auf das Rechtegeschäft ankomme. Die einen bekommen deswegen in diesem Jahr die Erdgeschosse, sodass die Leser an den Publikumstagen leicht von Halle zu Halle und über die zwischen ihnen liegende Agora wandeln können, während die oberen Etagen den Ausstellern Raum bieten, die auf Geschäftsbetrieb aus sind. Es ist ein weiterer Versuch des Austarierens der Frankfurter Doppelnatur. Das sei gelegentlich schwierig, sagt Boos, aber nach wie vor der beste Weg: „Wir könnten uns auf eine Seite schlagen. Aber dann verlieren wir den anderen Teil.“ 2005 hat er bei der Buchmesse angefangen, im Jahr darauf erlebte er bei der katalanischen Kultur zum ersten Mal, welche politische Sprengkraft der Gastlandauftritt in den jeweiligen Ehrengastländern entfalten kann. Sehr gern erinnert er sich an die Türkei, damals noch mit einem liberaleren Erdoğan an der Spitze: „Allein der Verband der Dönerhersteller brachte Hunderte von Besuchern auf die Messe.“ Er denkt zurück an Messebesucher wie Salman Rushdie und David Hockney, der in jeder Ecke geraucht habe: „Man wusste immer, wo er war, weil da Rauch aufstieg.“ Boos geht es um Menschen und Begegnungen. Er freut sich, vor und während der Messe von seinem Nachfolger Joachim Kaufmann begleitet zu werden, ihn auf Dinge hinzuweisen, die ihm wichtig waren, und sich und Kaufmann zu fragen: „Wie wird das wohl bei dir sein? Klappt das neue Konzept? Muss man es weiterdenken?“ Die Frage, was er vorhat, wenn die Messe vorbei ist und Kaufmann übernimmt, stellt er sich selbst: „Es ist mein erster Ruhestand. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Irgendwas zwischen Fahrräder reparieren und Philosophie studieren.“
