Als vor 22 Jahren der Neubau des Leipziger Museums der bildenden Künste (MdbK) eingeweiht wurde, war das größte Begrüßungsgeschenk ein wandfüllendes Gruppenbild im Foyer, das Stephan Huber im Auftrag des Fördervereins eigens für diesen Anlass angefertigt hatte: das sogenannte Stiftermosaik. Es ist auch inhaltlich ein Zeugnis des Fördergedankens, denn es versammelt die Darstellungen von dreizehn bedeutenden Gönnern des MdbK: „Damit wird an die vorbildliche Stiftungsmentalität der Bürger/innen Leipzigs im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert und das Wiederaufleben dieser Tradition nach 1989 dokumentiert“ – so lautet die offizielle Bildbeschreibung. Gleich von Beginn an wurde indes kritisiert, dass keine einzige jüdische Stifterpersönlichkeit Aufnahme unter die edle Dreizehn gefunden hatte. Bis zur Schoa lebte in der Handelsstadt Leipzig die drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland, und wie überall sonst hatte gerade im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts auch hier das Förderengagement von Juden immense Bedeutung für die lokalen Kultureinrichtungen. Dass es mehr als zwei Jahrzehnte gebraucht hat, um im MdbK daran umfassend zu erinnern, ist unbegreiflich, aber besser spät als nie. Eine Kunstinstallation korrigiert das Manko Anlass dafür bot das gerade begonnene Jahr der jüdischen Kultur, dass der Freistaat Sachsen unter dem Titel „Tacheles“ ausgerufen hat: Das Museum setzte seine Mitarbeiter unter Koordination der Publizistin Sharon Adler, die selbst Enkelin von Schoa-Opfern ist, auf eine zweijährige Archivspürsuche nach den bislang verschwiegenen jüdischen Förderern in Kaiserreich und Weimarer Republik an. Resultat dieser Recherchen ist nun eine Installation der in Berlin arbeitenden israelischen Künstlerin Shlomit Lehavi, die ihren Platz im Foyer gleich vor dem Stiftermosaik gefunden hat: „Leerstellen Sichtbarmachen“ heißt sie. Es ist eine Hörstation, die in fünf Kapiteln Erzählungen der Biographien von sechs Leipziger Persönlichkeiten bietet, denen das MdbK Werke etwa von Van Gogh, Mentzel, Spitzweg, Rodin, Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Max Klinger oder Renée Sintenis verdankt. Und das grandiose Selbstporträt, das der jüdische Künstler Eduard David Einschlag, ein wichtiger Protagonist der Leipziger Secession, 1924 gemalt hat. Schon 1927 wurde es dem Museum geschenkt, von Hermann und Toni Halberstam, einem Mäzenatenehepaar, dem die Stadt auch die Gründung einer nach Toni Halberstams Vater Julius Ariowitsch benannten Stiftung verdankt, die 1931 ein jüdisches Altersheim eröffnete, dessen 350 Insassen 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. Den Halberstams war vorher die Emigration nach New York geglückt, doch der 1879 geborene Eduard David Einschlag entkam den Nazis nicht: Die Spur von ihm und seiner Frau verliert sich 1942 im Vernichtungslager Treblinka. Umso bewegender ist sein Selbstbildnis. Nur ein Foto aus den Leipziger Jahren war zu finden Die Geschichten der Familien Halberstam und Einschlag werden zusammen erzählt. Die anderen vier akustischen Biographien, alle jeweils um die zehn Minuten lang, gelten den Kunstliebhabern Wilhelm Breslau, der im niederländischen Exil überlebte, Cläre Kirstein, die von den Nazis um ihren Verlag gebracht wurde und sich 1939 in den Tod flüchtete, Laura Sonntag, die noch 1940 über Finnland in die USA entkommen konnte, und Moritz Kraemer, der schon 1927 in der Schweiz gestorben war. Er hinterließ dem Museum der Stadt, in der er gerade einmal ein Dutzend seiner 68 Lebensjahre verbracht hatte, die ganze eigene Sammlung mit Werken unter anderem von Carus, Hackert, Roos und Ludwig Richter. In der NS-Zeit wurde das Legat verschwiegen, seine Familie ermordet und er selbst in Leipzig vergessen. Bis jetzt. Trotz der langen Recherche gelang es nur im Fall von Cläre Kirstein, ein Foto aus deren Leipziger Leben aufzutreiben. So vertreten sonst von Lehavi angefertigte digitale Umrisszeichnungen die Stifter – ein bitterer Kontrast zum fotorealistisch ausgeführten Mosaik. Und der Bildschirm, auf dem sich diese gezeichneten Platzhalter und Fotos einiger Archivalien abwechseln, erweist sich jetzt schon als störanfällig und zeigt größtenteils Schwarzflächen. Aber das passt ja auch. „Leerstellen Sichtbarmachen“ ist eine Rehabilitation angesichts versäumter Erinnerung, das Werk soll und kann keine Entschuldigung sein. Die Familien Sonntag und Kirstein mussten noch nach der Wiedervereinigung mehrere Jahre warten, ehe sie im MdbK noch vorhandene Werke, die ihnen geraubt worden waren, restituiert bekamen. Die Sammlung Halberstam, die bei der geglückten Emigration als sogenannte Lift-Kisten noch im deutschen Hafen beschlagnahmt und später versteigert wurde, ist seitdem ebenso verschollen wie der Großteil der Sammlung Kirstein. Nun sind wenigstens diese Namen zurück in Leipzig, vorerst bis zum 28. Juni. Da ist „Tacheles“ aber noch nicht vorbei und das Stiftermosaik ohnehin erst durch die Zugabe komplettiert und würdig. Also bitte dauerhaft stehen lassen!
