Es klingt wie ein Vorwurf, und so ist es auch gemeint: „Du literarisierst“, sagt die bald Achtzigjährige in „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, Judith Hermanns neuem Buch, zu ihrer Tochter, der Erzählerin: „Das ist, was du tust.“ Die Tochter hatte noch einmal nach der silbernen Kelle gefragt, die all die Jahre auf dem Tisch lag, wenn es Suppe gab. Gerade erst hatte sie erfahren, dass der Vater dieser Mutter, der Großvater der Erzählerin, sie ihr zur Volljährigkeit geschenkt hatte. Die eine hatte keine Ahnung, wie nah sie über Gegenstände des Alltags diesem fremden, fernen Mann war, von dem sie spät erfahren hatte, dass er Mitglied der Waffen-SS gewesen und in Polen im Städtchen Radom eingesetzt war, in dessen Ghetto bis August 1942 mehr als 30.000 Juden gelebt hatten. Die andere hat keine Vorstellung davon, wann sie ihrer Tochter von dieser Kelle hätte erzählen, wie sie an diesem Alltagsgegenstand etwas Besonderes hätte finden sollen, das der Rede wert gewesen wäre. Was Leser erwarten könnten und vielleicht vermissen Literarisieren? Die Tochter lehnt die Zuschreibung ab. In der Frage, was damit gemeint sein könnte, in der Frage, was Judith Hermann stattdessen in „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ macht, sofern sie ebenso wenig literarisieren oder literarisieren wollen sollte wie ihre Erzählerin, steckt so etwas wie der Schlüssel zu diesem Buch. Und in der Frage, was Leser erwarten könnten und vielleicht vermissen, wenn sie es aufschlagen und schließlich wieder schließen. In einigen Büchern haben Enkel beschrieben, wie sie den Verstrickungen ihre Großeltern im Nationalsozialismus auf die Spur kommen, worauf sie stoßen, wenn sie das Schweigen der einen Generation und die Hilflosigkeit der nächsten überwinden, wenn sie nachforschen, reisen, Archive nutzen, die teils noch nicht lange auf diese Weise zugänglich sind. Der Chor, der so entsteht, entlarvt über die verbreitete Selbstlüge, die eigene Familie hätte die NS-Zeit überstanden, ohne sich schuldig gemacht zu haben, den gesellschaftlichen Selbstbetrug, die Deutschen seien nicht etwa ein Volk von Tätern gewesen, sondern höchstens eines von Mitwissern und Mitläufern, größtenteils aber doch wohl von Ahnungslosen. Da wird rasch die Gardine zugezogen Das Ghetto von Radom wurde im Sommer 1942 innerhalb weniger Tage liquidiert. „Wer Widerstand leistete, wurde sofort erschossen. Wer versuchte, sich zu verstecken, wurde gefunden und sofort erschossen. Die SS prahlte mit der Zahl der Erschossenen. Die Mörder wurden zur Abkühlung mit kaltem Wasser aus dem Schlauch abgespritzt. Menschen wurden aus den Häusern getrieben und auf dem Marktplatz erschossen oder für Zwangslager oder Deportation nach Treblinka und Auschwitz selektiert.“ So fasst es Judith Hermann zusammen, nachdem die Mutter der Erzählerin ein Holzkistchen überreicht hatte, darin ein paar Dokumente und Fotos. Eines zeigt den „Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom, Polen“. Das ist im Grunde alles, was sie hat, ohne, wie die Mutter es nennt, zu literarisieren. Es ist der Grund für eine winterliche Reise, einen mehrwöchigen Aufenthalt in Radom, für viele Gänge durch die Stadt, durch die Straßen der Gegend, die einst zum Ghetto gehört hatten. Sie erfährt Ablehnung, als sie in der Touristinformation nach einem „Forum Jewish Trace“ fragt, das es hier geben soll. Sie steht vor dem Denkmal zur Erinnerung an die Radomer Juden, dort, wo früher die Synagoge stand. Eine einzelne Kerze brennt davor, in einem der umstehenden Häuser wird rasch eine Gardine zugezogen. Wenig mehr als eine Überzeugung War der Großvater an der Auslöschung des Ghettos beteiligt, hat auch er hier Menschen gejagt und ermordet, ein gutes Jahr, nachdem das Foto aufgenommen worden war? Auf der Ebene von Fakten, von Funden muss man die Recherche in Radom ergebnislos nennen. Die Erzählerin hat wenig mehr als die Überzeugung, dass ihr Großvater ein Täter gewesen ist. Judith Hermann formuliert es so: „Es kann alles ganz anders gewesen sein, aber in dieser Nacht war ich mir sicher, dass mein Großvater in Radom ein, mir fehlte das Wort, dann fiel es mir ein, ein Täter gewesen ist.“ Am Abend vor dieser Nacht hatte der Bruder ihres Vaters die Erzählerin angerufen, „ein Unbeteiligter“, und sie richtiggehend zur Rede gestellt: Ob es nicht unheimlich sei, durch diese Straßen zu gehen, einfach ins Bett zu gehen an einem solchen Ort, „im Land der Opfer“, wie er sagt, „wie kannst du da schlafen“. Weiß die Erzählerin, wie nah sie ihrer Mutter kommt in deren Moment der Empörung über die Erwartung, die Geschichte der Suppenkelle präsent zu halten, wenn sie nun dem Onkel gereizt antwortet? Jede Interpretation ist eine Interpretation von etwas, das ihr vorausgegangen ist Zur Hälfte des Buchs reist die Erzählerin von Radom über Krakau und Wien nach Neapel. Dort lebt die jüngere Schwester, eine Archäologin, mit ihrem italienischen Mann, einem Linguistikprofessor, und zwei Kindern: in einer Wohnung, die ein Bekannter spontan angeboten hatte, als er erfuhr, dass die Familie wegen der Kinder und ihrer Schulen nicht länger auf dem Land leben konnte, aber keine Hoffnung hatte, in der Stadt je eine passende Unterkunft zu finden. Die Mutter des Bekannten war kurz davor gestorben, in der Wohnung alles noch so, wie sie es hinterlassen hatte. Und alles, so die Bedingung des Bekannten, solle auch so bleiben. Die Suppenkelle auf dem Berliner Esstisch und das Bett in Radom bekommen in Süditalien eine ganze Wohnung in einem Palazzo aus dem siebzehnten Jahrhundert zur Seite gestellt. Hier ist diese Mutter geboren worden und gestorben, hier hat sie gelebt und gesammelt und gemalt. Ihre Urne steht noch auf der Anrichte. Am Tag vor der Abreise schaut die Familie einem hölzernen Kreisel aus der Synagoge in Krakau zu, den die Erzählerin ihrem Neffen geschenkt hat. In der Hermeneutik, sagt der Professor, gebe es „keine allererste Erkenntnis. Jede Interpretation ist eine Interpretation von etwas, das ihr vorausgegangen ist.“ Und auf die Erwiderung seiner Frau, man beginne unnötigerweise, sich Sorgen zu machen, wenn man zu lange über diese Dinge spricht, antwortet der Sohn, er habe sich bisher gar keine Sorgen gemacht. Von einer Galerie oben unter den hohen Decken der Wohnung aus sieht die Erzählerin ihren Großvater eine ganze Weile schon auf die Szene schauen, als verschattete Gestalt auf einem Zwischenboden. „Ich lasse ihn zögernd los, es fällt mir nicht leicht. Mein Großvater widersetzt sich nicht, er hält sich nicht an mir fest. Er verblasst. Kippt ins Dunkle zurück.“ Was Judith Hermanns Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ leistet, ist keine Rekonstruktion von Täterschaft. Sie stellt sich nicht in den Chor derer, die verdienstvoll entdecken, präsentieren und dabei oft auch davon erzählen, was ihnen diese Recherche und ihr Ergebnis persönlich bedeuten. Stattdessen erzählt sie davon, was es heißt, mit wenig mehr als einer Ahnung dessen zu leben, welche Verbrechen in die eigene Familiengeschichte eingeschrieben sind. In der Gewissheit allerdings, so sagt die Erzählerin einmal zu ihrer Schwester, „dass sich die Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigen“. Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026. 160 S., geb., 23,– €.
