Kaum ein Schauspieler ist dieser Tage so fleißig und viel beschäftigt wie Josh O’Connor. Mit der schwulen Liebesgeschichte „God’s Own Country“ sorgte der 1990 geborene Brite erstmals für Aufsehen, wenig später wurde er als Prinz Charles in der dritten und vierten Staffel der Serie „The Crown“ weltberühmt. Seither reißen sich nicht nur in Hollywood die Filmschaffenden um den Sohn eines Lehrers und einer Hebamme. 2024 war er in gleich drei Filmen auf deutschen Leinwänden zu sehen („La chimera“, „Challengers – Rivalen“, „Die Fotografin“), in diesem Jahr feierten sogar vier Werke Premiere, in denen er tragende Rollen spielte. Während der Sundance-Erfolg „Rebuilding“ noch einen deutschen Verleih sucht und „The History of Sound“ erst im April in Deutschland startet, lassen sich „Wake Up Dead Man“ und „The Mastermind“ nun zeitgleich neu zu Hause streamen: die „Knives Out“-Fortsetzung bei Netflix und Kelly Reichardts Kunstraub-Kleinod bei MUBI. Wir trafen O’Connor in London zum Interview. Josh, Sie sind derzeit so gut im Geschäft wie kaum ein anderer junger Schauspieler. Wie wählen Sie aus der Flut der Angebote die richtigen aus? Von einer Flut zu sprechen, wäre vielleicht etwas übertrieben. Das sind eher Wellen, die ab und an angerollt kommen. Aber wie ich dann auswähle, ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn die Gründe sind natürlich von Rolle zu Rolle andere. Manchmal liegen sie auf der Hand: Regisseurinnen wie Kelly Reichardt oder Alice Rohrwacher würde ich immer zusagen. Aber ich habe eben auch Spaß an Projekten wie „Wake Up Dead Man“, bei denen man vielleicht nicht sofort an mich denken würde. Wenn mich eine Geschichte reizt und die Figur, die ich spielen soll, interessiert, ist das eigentlich die halbe Miete. Mein Traum war immer, eine Karriere zu haben, an deren Ende ich stolz zurückblicken kann auf die Vielfalt und den Reichtum der Geschichten, in die ich involviert war. Und bis jetzt kann ich diesbezüglich erstaunlich zufrieden sein. Weil Sie so ein gutes Händchen haben bei der Rollenauswahl? Na ja, Glück hat daran sicher einen größeren Anteil als mein Händchen. Aber es ist schön zu wissen, dass ich hinter jeder Rolle, die ich bislang gespielt habe, guten Gewissens stehen kann. Nicht dass ich nichts bereue: Hin und wieder ist es mir schon passiert, dass ich Angebote abgelehnt oder nicht richtig verstanden habe – und mich dann angesichts des tollen fertigen Films geärgert habe. Außerdem kam es natürlich schon manches Mal vor, dass ich für Rollen, die ich wirklich gern haben wollte, vergeblich vorgesprochen habe. Fällt es Ihnen schwer, Nein zu sagen? So würde ich das nicht sagen. Aber wenn ich mich einmal in eine Rolle verliebt habe, kann ich sie nicht wieder loslassen. So war es zum Beispiel bei „The History of Sound“. Da hatte ich schon vor einer ganzen Weile zugesagt, aber es dauerte lange, bis der Film wirklich auf die Beine gestellt werden konnte. Als es dann so weit war, war das Timing eigentlich schlecht: Ich steckte mitten in der Pressearbeit für „Challengers“ und „La chimera“, außerdem standen die Dreharbeiten zu „Wake Up Dead Man“ unmittelbar bevor. Aber ich wollte unbedingt bei diesem wundervollen Film dabei sein und weder Regisseur Oliver Hermanus noch meinen Kollegen Paul Mescal im Stich lassen. Also habe ich es irgendwie hinbekommen, zumindest knappe drei Wochen Zeit zu haben, um mit Paul in New Jersey am Lagerfeuer zu sitzen und zu musizieren. So viel und ununterbrochen zu arbeiten, hat doch aber sicherlich auch Nachteile, oder? Ihr Garten zu Hause in Gloucestershire, den Sie so sehr lieben, wurde doch zuletzt zum Beispiel ziemlich vernachlässigt … Zum Glück ist mein Garten auch in diesem Jahr prächtig gediehen, denn ich habe eine Freundin, die sich ganz wunderbar darum kümmert, wenn ich nicht da bin. Mir fällt es immer schon schwer, irgendetwas Negatives über meinen Job und mein Arbeitspensum zu sagen. Denn das Positive überwiegt so eindeutig, und ich darf mich so unendlich glücklich schätzen, Filme wie „The Mastermind“ mit jemandem wie Kelly Reichardt drehen zu dürfen. Allein in diesem Jahr habe ich in New York mit Steven Spielberg und in Schottland mit Joel Coen gearbeitet. Wie könnte ich mich da beschweren? Aber? Nun, natürlich hat man zu wenig Zeit für seine Familie und Freunde, wenn man so viel arbeitet und weg ist. Oder auch für sich selbst, wenn ich ehrlich bin. Das Gefühl der Bodenhaftung kann einem da schon mal abhandenkommen – und ich merke dann auch, dass es mir fehlt, zu Hause zu sein und meine Ruhe zu haben. Mit dem Timing kann man aber natürlich auch einfach Pech haben. Dass im Herbst 2025 nun gleich vier Filme von mir in die Kinos kamen und ich für alle irgendwie die Werbetrommel rühren musste, war schon ein bisschen viel. Da habe ich wirklich gemerkt, dass ich mal eine kleine Pause brauche. Es soll ja aber auch Leute geben, denen das Pausenmachen gar nicht liegt. Zu denen gehören Sie nicht? Nein, ich bin wirklich gut im Nichtstun. Oder sagen wir besser: gut darin, nicht zu arbeiten. Meinen Garten haben Sie ja schon erwähnt, den liebe ich sehr und kümmere mich gern darum. Überhaupt ist das Draußen- und In-der-Natur-Sein mir sehr wichtig, denn ich war noch nie wirklich ein Stadtkind. Es ist also nicht so, dass ich nur auf dem Sofa liege und Däumchen drehe. Ich bin schon gern aktiv. Aber nur Arbeit geht auf Dauer eben nicht, sosehr ich sie liebe. Da brauche ich doch einen Ausgleich. Neben der Gartenarbeit verbringe ich meine Zeit auch gern mit Töpfern oder Sticken. Oder eben einfach mit meinen Lieben. Lassen Sie uns kurz über „The Mastermind“ sprechen. Warum liegt dieser Film Ihnen so sehr am Herzen? Ich bin schlicht ein großer Fan der Regisseurin Kelly Reichardt. Ihr Werk habe ich relativ spät für mich entdeckt, eigentlich erst, als ich den Film „First Cow“ im Kino sah. Aber ich habe dann schnell gemerkt, dass ihre Arbeiten wie gemacht sind für mich, denn ich liebe Filme, die ruhig, nachdenklich und meditativ sind. Ich habe gern die Zeit, schon beim Gucken einen Film auf mich einwirken zu lassen und in meinem Herzen zu bewegen. Beim Lesen – das ich übrigens viel zu wenig mache – geht es mir ähnlich. Da ich Legastheniker bin, halte ich gern nach ein oder zwei Seiten inne, um das Gelesene zu verarbeiten. Mit Eile und Rastlosigkeit tut man weder Büchern noch Filmen einen Gefallen, finde ich. Auch Ihre erste Kino-Hauptrolle vor acht Jahren war ein sehr besonderer, naturverbundener Film. Was bedeutet Ihnen „God’s Own Country“ heute? Oh, die Wichtigkeit dieses Films für mein Leben kann ich gar nicht hoch genug hängen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass er meine Karriere grundlegend verändert hat. Auf ganz offensichtliche Weise natürlich, einfach weil er relativ viel Aufmerksamkeit bekam und von vielen Menschen gesehen wurde, die mir dann weitere Jobs gegeben haben. Aber genau genommen hat „God’s Own Country“ eine viel tiefgreifendere Wirkung auf mich und mein Leben gehabt. Erstens, weil ich dadurch den Regisseur Francis Lee kennengelernt habe, den ich – auch wenn wir seither noch nicht wieder zusammen gedreht haben – als echten Freund und Wegbegleiter beschreiben würde. Und zweitens, weil ich bei der Arbeit an dem Film so unglaublich viel über mich gelernt habe. Was ich kann und was ich nicht kann. Wie ich es schaffen kann, eine Figur wirklich mit Leben zu füllen. Ohne „God’s Own Country“ wäre ich womöglich nicht der Schauspieler, der ich heute bin. Ihre erste Rolle haben Sie im Alter von sieben Jahren gespielt, damals waren Sie in einer Schulinszenierung von „Der Zauberer von Oz“ die Vogelscheuche. Wie viel von der kindlichen Begeisterung für die Schauspielerei steckt heute noch in Ihnen? Mein erster Impuls war gerade zu sagen, dass diese Begeisterung ungebrochen ist. Aber man muss natürlich richtiger sagen, dass sie – aller Intensität zum Trotz – nicht die gleiche ist wie damals. Wenn man als Kind, das gern Theater gespielt hat, irgendwann zum hauptberuflichen Schauspieler wird, verschiebt sich etwas. Was früher ganz ungetrübt deine Leidenschaft, also dein Hobby war, ist mit einem Mal die Sache, mit der du deinen Lebensunterhalt verdienen musst. Da muss man psychologisch erst einmal einen Schalter umlegen, denn mit einem Mal kommen Zurückweisungen, Druck und ganz banale Zwänge mit ins Spiel. Schauspielerei ist nicht mehr nur ein euphorischer Ausnahmezustand für ein paar Wochen im Jahr, sondern Dauerzustand. Das fand ich anfangs nicht immer easy, genauso wie es dann eben auch nicht unkompliziert war zu lernen, sich neben der Arbeit noch Freiräume für anderes zu schaffen. Aber wie gesagt: Ich will mich kein bisschen beklagen. Ich liebe mein Handwerk und meine Karriere und spreche wahrscheinlich für meinen ganzen Freundeskreis, in dem fast alle das Gleiche machen, wenn ich sage, dass ich enorm dankbar dafür bin, Schauspieler sein zu dürfen.
