Der Sommer war groß. Welcher große Sommer allerdings Jonathan Jeremiah zu den sonnenbeschienenen Melodien auf seinem eben veröffentlichten sechsten Album „We Come Alive“ inspirierte, weiß der britische Sänger und Gitarrist allein. Wie noch stets gelingt dem mittlerweile 45 Jahre alten Musiker wieder ein geschicktes Spiel mit Erinnerungen, die einerseits sehr persönlich, andererseits aber doch kompatibel genug für eine größere Hörerschaft sind, der der erklärte Filmfan Jeremiah den passenden Score für den jeweils individuellen Bewusstseinsstrom imaginärer Bilder liefert. Dieser Score verweist immer noch in die späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre, blickt mal auf die Folk-Rocker des Laurel Canyon, mal auf französische Chansons im Stile Serge Gainsbourgs, verneigt sich kurz vor Scott Walker, länger vor den späten Beatles und immer noch sehr tief vor Bill Withers und Terry Callier, wenngleich deren Soul-Folk nicht mehr Jeremiahs alleiniger musikalischer Fixpunkt ist. Ähnlich wie Michael Kiwanuka hat Jeremiah wesentliche Inspiration für seine Arrangements aus Filmmusiken und Musicals der Sechzigerjahre mit ihren präzisen Backgroundchören und schwelgerischen Streichern erhalten. Auf seinen Alben darf der musikalische Himmel also schon einmal voller Geigen hängen, nimmt Jeremiah die Streicherarrangements doch gerne mit ganzen Orchestern auf. Auf Tournee, zumal in den europäischen Clubs, ist auf den Bühnen für die volle Kapelle selbstverständlich kein Platz (von den Kosten ganz zu schweigen), doch hat Jeremiah für seine aktuelle Tour eine geschickte Lösung gefunden, wie nun auch bei seinem Auftritt im voll besetzten Frankfurter Club Das Bett zu beobachten gewesen ist. Außer auf eine kleine Band mit Keyboards, Bass und Schlagzeug setzt er auf das Westside Trio, drei Streicherinnen aus Amsterdam, die zugleich den Backgroundchor geben, der Jeremiahs wohltönende, unverstellte Stimme umschwebt. Die vollkommene Harmonie der Stimmen muss sich in Frankfurt allerdings erst einmal finden, was dem neuen Liedmaterial mit „We Come Alive“ und der aktuellen Single „Kolkata Bear“ zum Auftakt geschuldet sein mag, die vermutlich noch nicht gänzlich in Fleisch und Blut übergegangen sind. Vielleicht braucht es aber auch nur zwei, drei Songs, um angekommen und warm geworden zu sein und sich über das entzückt lauschende Publikum zu freuen, das sowohl die zurückgenommenen, geradezu Andacht erfordernden Momente zu respektieren weiß, wie es bereitwillig auf forciertes Tempo reagiert, den Takt mitklatscht oder beherzt den Chor etwa beim neuen Song „Lush“ übernimmt. Dieser ist mit seinem üppigen und zugleich doch luftigen Arrangement exemplarisch für die Zeitlosigkeit von Jeremiahs Songs, die sich auch nach Jahren nicht abhören, wie die Konzertversionen von Liedern wie „Lost“ und „How Half-Heartedly We Behave“ vom 2011 veröffentlichten Debüt „A Solitary Man“ oder „Gold Dust“ vom gleichnamigen, 2012 erschienenen Zweitling beweisen. Sie stehen immer noch für beseeltes Musizieren, für Wärme und Sonne, egal in welchem Sommer. Sie stehen, mit einem Wort und einem frühen Jeremiah-Hit, für „Happiness“.
