FAZ 31.01.2026
09:17 Uhr

Johnny Rotten 70: Ein fester Platz in englischen (Alb-)Träumen


Gegen die Zukunft begehrte er auf – und kam dadurch ins Museum: Der Punk-Sänger Johnny Rotten, der vor fünfzig Jahren „Anarchy in the U.K.“ ausrief, wird siebzig.

Johnny Rotten 70: Ein fester Platz in englischen (Alb-)Träumen

„Punk“ hat allein von seiner Wortbedeutung her eine äußerst verworrene Geschichte, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Was der Begriff in Musik und Mode einmal an Konnotationen der Widerständigkeit aufwies – gegen Autoritäten, gegen alles Schöne, vielleicht auch einfach gegen alles –, hat er längst eingebüßt. Punk ist museal geworden, und ein Inbegriff dieser Musealität sind Abbildungen von Johnny Rotten. Mit roter Stromschlag-Frisur, Schockgesicht und Kleidungsfetzen, die von Sicherheitsnadeln so eben noch zusammengehalten werden, diene Rotten, gebannt auf einen Pappaufsteller, heute als Hinweisschild zum Museumsshop, schrieb der Journalist Simon Reynolds in seinem Buch „Retromania“ schon 2011. Den Humor übersehen? Um diesen Kultstatus zu erreichen, musste der 1956 in London als John Lydon geborene Sänger gar nicht so lange Punk sein und machen – aber es genügte: Seine Sex Pistols, die 1976 ihre erste Single „Anarchy in the U.K.“ veröffentlichten und sich 1978 schon wieder auflösten, wurden eine der markantesten Punkbands überhaupt. In ihrem Lied „God ­Save the Queen“ steckt zudem einer der Slogans der Generation. „There is no future“, heißt es darin – allerdings folgt noch: „in England’s dreaming“. Nicht nur in vielen englischen Träumen (und Albträumen) spukten die Pistols bald herum, und nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit ihren bald zu Moritaten geronnenen Lebens- und Todesgeschichten (die des Bassisten Sid Vicious steht auf einem eigenen Blatt). Manche Protagonisten der Punk-Ära beklagen heute, dass oft der Humor übersehen werde, der hinter ihrer Subversion gesteckt habe. So auch Johnny Rotten: In seiner Autobiographie schreibt er, ihn habe gestört, dass die populäre Musik zuvor von College-Absolventen bestimmt gewesen sei. Das ist zwar angesichts vieler Popstars, die aus ärmsten Verhältnissen stammen, eine steile Meinung, aber erklärt zumindest Rottens legendäres „I Hate Pink Floyd“-T-Shirt. (Interessanterweise hat er später gesagt, er habe Pink Floyd eigentlich gemocht, es sei nur um die Geste gegangen.) Mit seiner Folgeband Public Image Ltd hat er dann selbst ansatzweise intellektuelle Musik gemacht, die als Post-Punk beschrieben wird und das Prädikat „experimentell“ durchaus verdient, hört man etwa „Death Disco“. Zuletzt ist Rotten weniger musikalisch als durch weitere Steilmeinungen aufgefallen. Am heutigen Samstag wird er siebzig.