Als der Anruf kam, war Eileen Tatzko darauf nicht vorbereitet. Am Telefon sagte man ihr, dass sie gekündigt wird. Tatzko fiel aus allen Wolken. Es gab kein Vorgespräch, keine Anzeichen – und dann, als es so weit war, nicht mal ein persönliches Treffen. Von einem Tag auf den anderen war sie freigestellt. Tatzko ist gerade einmal 30 Jahre alt. Knapp zwei Jahre arbeitete sie in ihrem Job als Social-Media-Managerin bei einer Zeitarbeitsfirma. Davor studierte sie Sozialwissenschaften. Eigentlich hatte sie selbst schon mit dem Gedanken gespielt, sich eine neue Stelle zu suchen. Sie war nicht mehr glücklich in ihrem Job. Aber kündigen, ohne eine echte Alternative? „Das wäre ein viel zu großes Risiko gewesen“, sagt sie. Dann war der Arbeitgeber schneller. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Sie würde mehr als acht Monate arbeitslos bleiben. Auf Instagram und Tiktok, wo sie anfing, Videos über ihre Situation zu veröffentlichen, finden sich dort plötzlich solche Kommentare: „Wie kannst du arbeitslos sein in der heutigen Zeit?“ Dabei sagt Tatzko selbst: „Ich habe nie so weit gedacht, dass ich irgendwie mal meinen Job einfach so verlieren könnte.“ * * * Jahrzehntelang galt in der Bundesrepublik ein Versprechen: Ein Studium zahlt sich aus. Ein Abschluss an einer Hochschule bedeutete mehr Gehalt, mehr Sicherheit, mehr Aufstiegschancen. Akademiker verdienen im Schnitt 6292 Euro brutto im Monat, bei Beschäftigten mit Ausbildung sind es 3720 Euro. Seit Jahrzehnten studieren immer mehr Menschen, heute sind es knapp 2,9 Millionen Studierende in Deutschland – eine Million mehr als noch 2004. Nur scheint sich das Versprechen nicht mehr für alle auszuzahlen. Im Januar 2026 lag die Zahl der arbeitslosen Akademiker unter 30 Jahren bei 49.000. „Wohlstand für alle heißt heute Bildung für alle“, sagte Angela Merkel 2008. Gilt das noch? * * * Rozelin Bingöl ist die Erste in ihrer Familie, die studiert hat. Die Eltern sind stolz auf ihre Tochter. So stolz! Deswegen will sie ihren Eltern gerade bloß nicht zeigen, wie schwierig es im Moment für sie ist. „Ich habe richtige Zukunftsangst“, sagt sie. Bingöl hat Journalismus und Public Relations studiert und will in die Kommunikation. Nebenbei arbeitet sie in einem Start-up. Sie will, dass es nun nach dem Studium so richtig losgeht. Also schreibt sie Bewerbungen, 60 Stück in den vergangenen drei Monaten. Bisher kam noch nicht einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Sie liest eine Absage vor, die sie gerade bekommen hat. Darin steht: „Bitte sieh das nicht als Wertung deiner Qualifikation oder Person.“ Das sei doch nicht das gewesen, was ihre Eltern erwartet haben, als sie stolz sagten: „Meine Tochter studiert.“ Sie bekommt sogar Absagen von Stellen, bei denen sie es nie erwartet hätte. Sie hat sich beim Discounter Action für einen Nebenjob beworben, hatte sogar einen Probetag. Dann kam die Absage. Sie war schockiert. Sie sagt, sie zweifle an sich selbst und habe Zukunftsängste – richtige Zukunftsängste. In einem Monat wird sie 25 Jahre alt. „Ich fühle mich wie ein Nichtsnutz, wenn ich nur zu Hause sitze. Dabei will ich doch unbedingt arbeiten.“ * * * Das Stellenportal Stepstone analysierte im Januar, wie viele Stellen für Berufseinsteiger im vergangenen Jahr auf dem Markt waren. Im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre lag die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegsstellen um 42 Prozent niedriger. * * * Wenn überhaupt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch kommt, freut sich Samira Richter. Nur häufig freuen kann sie sich nicht. Seit knapp drei Monaten sucht sie nach einer Arbeitsstelle, Dutzende Bewerbungen hat sie schon geschrieben. Viele Unternehmen melden sich erst gar nicht bei ihr, andere schicken die immer gleiche Absage. Eingeladen zu einem Interview wurde sie bisher genau viermal. Ein Jobangebot gab es nicht. Bei einem dieser Gespräche warf ihr der Personaler vor, dass die Generation Z doch immer nur Ansprüche stellen würde. Jeder wolle nur noch mit Spaß arbeiten. „Was willst du denn machen, wenn du mal einen schlechten Tag auf der Arbeit hast?“, fragte er Richter, um ihr im nächsten Satz zu sagen, dass er sowieso nur Menschen einstelle, die schon länger auf dem Arbeitsmarkt sind. Richter hat sich daraufhin nie mehr bei dem Unternehmen gemeldet. Das Unternehmen auch nicht bei ihr. Richter heißt eigentlich anders. Weil sie so offen über ihre Erfahrungen spricht, will sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Das Gespräch musste ich erst mal verarbeiten. Ich musste wirklich aufpassen, dass er mir nicht noch mehr Angst macht.“ Das Gefühl der Angst kennt sie in letzter Zeit gut. Dabei wollte sie im Studium immer alles richtig machen: Sie ist 25 Jahre alt, hat ein abgeschlossenes Studium in den Wirtschaftswissenschaften, sie hat Auslandserfahrung, hatte einen Werkstudentenjob bei einem Start-up, später bei einem IT-Unternehmen. Zuletzt hat sie ein Praktikum bei einer der größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt gemacht. An manchen Tagen sucht sie stundenlang nach neuen Stellen. An manchen Tagen ist überhaupt nichts dabei. „Irgendwas wird bestimmt kommen“, sagt sie. „Irgendeine Zusage kommt bestimmt.“ * * * Einstiegsstellen nach Branchen: Abweichung vom Fünfjahresdurchschnitt laut einer Auswertung von Stepstone: Soziale Arbeit: +69 %, Gesundheitsbereich: +6 %, Marketing: −33 %, Personalwesen: −36 %, Produktion: −36 %. * * * Cedric Fais hatte einmal darüber nachgedacht, ob er nicht doch etwas aus seinem Hobby, dem Sport, machen könnte. Zeitweise war er sogar als Praktikant und Werkstudent beim Fußballverein FC Bayern München. Da stand er täglich am Fußballplatz, produzierte Social-Media-Storys. Trotzdem rieten ihm viele von einem Studium in diese Richtung ab: viel zu unsicher. Fais’ Lebenslauf ist geradlinig: Erst machte er eine Lehre als Kaufmann für Marketingkommunikation, dann studierte er Medienwirtschaft. Er dachte, mit Wirtschaft sei er gut aufgestellt. Nach dem Studium fand er eine Stelle in einer Agentur. Diese betreute viele Unternehmen aus der Autoindustrie, die in den vergangenen Monaten Budgets strichen. Die Agentur strich seine Stelle. Jetzt sucht der 29-Jährige seit mehreren Monaten nach etwas Neuem. Kurz vor der Kündigung war er gerade in eine teurere Wohnung in Stuttgart gezogen. Er bekommt zwar Arbeitslosengeld, gerade reicht das noch, aber auf Dauer wird es knapp. „Man beginnt wirklich an sich zu zweifeln“, sagt er. „Plötzlich hat man richtig Existenzangst.“ Dabei beschreibt er sich selbst als Optimist, als jemand, der gern im Team arbeitet und Lust hat zu lernen. Er spricht darüber auf seinem Instagram-Account, weil er will, dass andere wissen, dass es vielen jungen Menschen gerade so geht. Auch wenn es für ihn selbst anfangs Überwindung kostet, so offen zu sein. Wenn eine Absage kommt, fällt es ihm noch immer schwer. * * * Während junge Menschen zahlreiche Bewerbungen schreiben und auf eine Zusage warten, ist die Debatte häufig eine andere: Die Deutschen sollen mehr arbeiten, nicht weniger. Friedrich Merz sagt in einem Interview: „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes so nicht erhalten. Wir müssen mehr arbeiten.“ Nur: Was ist mit denen, die mehr arbeiten wollen, aber nichts finden? * * * Defne Bayaki hat in ihrer Arbeit viele Menschen zusammenbrechen sehen. Menschen, die durch ihren Job schwer erkrankt sind. „Viele davon haben Jahrzehnte ihrer Lebenszeit für ein Unternehmen gearbeitet. Dann kam der Zusammenbruch.“ Und manche Unternehmen wollten sie danach nicht einmal zurück. Die 27 Jahre alte Frau hat Psychologie studiert, ihre erste Stelle war im Reha-Bereich. Nach dreieinhalb Jahren merkte sie, dass auch sie sich beruflich verändern muss, ihrer Gesundheit zuliebe. Sie versuchte, sich wegzubewerben, doch es kamen nur Absagen. Irgendwann kündigte sie trotzdem, obwohl sie noch keinen neuen Job gefunden hatte. Bayaki wollte unbedingt wieder etwas finden. Den Termin beim Jobcenter musste sie sich allerdings selbst einfordern, die Beraterin sei „sehr ausgelastet“, glaubt sie. Als sie um 8 Uhr morgens dann zum ersten Mal das Arbeitsamt betrat, war sie schockiert: „Da waren so viele junge Menschen in meinem Alter“, sagt sie. Manche sogar noch jünger. Damit hatte sie nicht gerechnet. Debatten über faule Deutsche ärgern Bayaki. Niemand richte den Scheinwerfer auf „die ganzen jungen Leute, die da bei der Arbeitsagentur sitzen und nur darauf warten, eingestellt zu werden“. * * * Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach, die der F.A.S. exklusiv vorliegt, zeigt, dass immer mehr junge Menschen Zukunftsangst haben. Nur noch 55 Prozent der 15 bis 24 Jahre alten Menschen in Deutschland sehen ihrer beruflichen Zukunft mit Hoffnungen entgegen. Vor sechs Jahren lag dieser Anteil noch bei 73 Prozent, vor acht Jahren sogar bei 77 Prozent. Der Anteil der Menschen, die mit Sorge auf ihre berufliche Zukunft blicken, hat sich in diesem Zeitraum von 11 auf 24 Prozent mehr als verdoppelt. * * * Eileen Tatzko sagt heute über ihre Zeit der Arbeitslosigkeit: „Ich glaube, es sollte so sein.“ Sie will sich nun als Social-Media-Managerin selbständig machen. Einen großen Kunden hat sie für das erste halbe Jahr schon. Rozelin Bingöl macht weiter, auch wenn die Zukunftsangst bleibt. „Mehr als dass es mich traurig macht, macht es mir Angst“, sagt sie. Bis zum Sommer will sie es noch versuchen, sonst sucht sie sich ein Masterstudium. Obwohl sie gerne arbeiten möchte. Samira Richter wünscht sich, nicht aus der Not heraus irgendetwas annehmen zu müssen. „Ich hätte gerne mehr zu sagen. Ich möchte mich auch nach meinem Bauchgefühl entscheiden können “ Cedric Fais hatte bei einer Stelle drei Gespräche, bekam dann aber doch eine Absage: „Da war ich schon echt niedergeschlagen.“ Trotzdem sagt er: „Weiter bewerben, dann wird auch wieder die richtige Stelle kommen.“ Defne Bayaki will ein Café in Düsseldorf eröffnen und dort psychologische Kurse anbieten. „Die Arbeitslosigkeit ist auch eine Chance, mal den Reset-Knopf zu drücken“, sagt sie. „Man kann noch mal bei null anfangen und sich etwas Neues aufbauen.“
