Nebelschwaden ziehen durch den Bühnenraum, beleuchtet von schummrigem Neonlicht, das aus schräg geneigten Lichtmasten scheint, die an vier Ecken der Bühnenfläche positioniert sind. Die Anordnung erinnert an einen spärlich beleuchteten, funktionalen Stadtraum. Dazu wabern schwere elektronische Bassklänge und verdichten die Atmosphäre. Zwei Gestalten tauchen im Nebel auf, ihre Gesichter sind nicht zu sehen, ihre Körper sind gebückt, gestützt auf Krücken. Einzelne Körperpartien erscheinen durch die Stützen und Kostüme verzerrt. Sie gehen bald wieder ab, andere treten auf, nun aufrecht, in Leichtathletiktrikots und Laufschuhen. Zu viert gehen sie auf der heller werdenden Bühne im Kreis wie auf einer Stadionbahn, mal nebeneinander, mal hintereinander. „Runnin’“ lautet der sprechende Titel der neuen Tanzperformance von Joana Tischkau, die nun im Mousonturm ihre Frankfurter Premiere hatte. Die Produktion schließt an ihre vorausgehenden künstlerischen Arbeiten an, die kulturelle Phänomene und soziale Ordnungen aus der Perspektive Schwarzer verhandeln. Ging es zuvor unter anderem um Maskerade („Playback“), Fitness („Colonastics“) oder Schlagerstars („Ich nehm dir alles weg – Ein Schlagerballett“), widmet sich „Runnin’“ der Wahrnehmung von Schwarzen, die rennen. Während sie im Leistungssport von Weißen gerne als übernatürlich schnell stilisiert werden, erscheint ihr Rennen im Alltag oft als aggressiv und potentiell bedrohlich, so die Ausgangsanalyse Tischkaus. Strahlen und Winken in den Zuschauerraum Das Publikum hat zunächst Zeit, den Tänzerinnen und Tänzern des Stücks – Sharlan Adams, Dominique McDougal, Shanice Trustfull und Sophie Yukiko – beim Gehen zuzusehen. Ihr Blick ist starr und ernst voraus gerichtet, folgt den Kreisbahnen, auf denen sie sich bewegen. Noch rennt niemand, die Bewegung ist auf das Gehen reduziert, aber die Körperlichkeit weist subtile Referenzen auf. Arm-, Schulter- und Handhaltungen haben etwas von der Spannung, die sie bei Sprints durchziehen. Manchmal formen sie eine Gruppe, fassen sich dann auch an den Schultern während des Gehens, bleiben sonst aber für sich. Eine repetitive elektronische Musik (Sound: Frieder Blume) klopft unermüdlich laut und druckvoll den Rhythmus des Stücks vor, treibt das Gehen an, zieht sich mit wenigen Unterbrechungen durch den ganzen Abend. Durch die Länge der Szene und die einfache Bewegung entsteht Raum, über die Theatersituation nachzudenken, über die Blicke eines überwiegend als „weiß“ zu bezeichnenden Publikums auf „schwarze“ Darstellerinnen und Darsteller. Die Wahrnehmung Schwarzer durch den Blick von Weißen, sie ist Thema des Stücks und genauso in der Aufführungssituation wirksam. Explizit wird diese Frage des Blicks, wenn die Personen auf der Bühne ihren Blick nicht mehr starr geradeaus richten, sondern nach und nach das Publikum ansehen, ihren Blick an einzelne Zuschauer heften, zurückschauen. Zunächst bleibt ihr Gesichtsausdruck dabei ernst, dann hellt er sich immer mehr auf, bis sie ein strahlendes Lächeln aufsetzen, wie für die Fernsehkameras eines Sportereignisses. Es wird ins Publikum gewinkt und gezeigt. Die Gesten sind Zitate, werden wiederholt, ausgestellt. In der Folge entspinnt sich eine Tour de Force aus gleichsam zitathaftem Bewegungsmaterial, das zwischen Athletik, Superbowl-Show, Musikvideo- und Computerspielästhetik changiert, getragen von einer eindrucksvollen Lichtinszenierung (Hendrik Borowski), die nicht an Mitteln spart und Körper wie Bewegung permanent stilisiert in Szene setzt. An Coolness ist das kaum zu überbieten und räumt jede vermeintliche Alltäglichkeit und Normalität von Bewegung beiseite, so einfach Gehen, Rennen, Warten oder Jubeln auch erscheinen mögen. Zwischen Coolness und aufscheinender Bedrohlichkeit bewegt sich auch eine Szene, in der die Tänzerinnen Spielzeugwaffen wie Staffelstäbe gereicht bekommen. In der Gruppe bewegen sie sich damit durch den Raum, posieren, formieren sich neu, agieren für längere Zeit als geschlossenes Einsatzteam. Die Haltungen und Formationen rufen zugleich popkulturelle Bilder von Selbstinszenierung wie auch medial vertraute Einsatzbilder von Soldaten oder ICE-Beamten auf. Wenn sie schließlich als Gruppe in der Mitte der Bühne posieren, während dazu Tracy Chapmans ikonisches Protestlied schwarzer Selbstermächtigung „Talking About a Revolution“ einsetzt und die Waffen auf Knopfdruck harmlos Wasser verspritzen, entbehrt das nicht einer absurden Ironie, die zu den zahlreichen klugen Verschiebungen beiträgt, die „Runnin’“ provoziert. In dieser Abfolge von Verschiebungen hält die Aufführung nichts zurück: Sie überhäuft das Publikum mit Referenzen, szenischen Ideen, Sound und Licht. Das ist durchaus erschlagend und wirkt zugleich bewusst gesetzt. Joana Tischkau, Runnin’, weitere Vorstellungen am 23. und 24. Januar jeweils um 20 Uhr im Mousonturm Frankfurt.
