FAZ 24.02.2026
21:33 Uhr

Jetzt wird groß gedacht: So soll Handball in Deutschland die Massen erreichen


Dyn-Chef Christian Seifert will den Handball in Deutschland groß rausbringen. Und fordert von den Klubs mehr Eifer bei der Vermarktung. Können die das stemmen?

Jetzt wird groß gedacht: So soll Handball in Deutschland die Massen erreichen

Die Aussagen waren markig: „Die nächsten 18 Monate werden über die Zukunft des Handballs entscheiden“, sagte Christian Seifert, „kommt man aufs höchste Level oder nicht?“ Dem Gründer der Streaming-Plattform Dyn assistierte Frank Bohmann, der Chef der Handball-Bundesliga (HBL): „Wir sind die Bühne der Weltstars. Wir müssen Vollgas geben und das viel weiter nach vorn tragen.“ Sogar der zurückhaltende Mark Schober, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Handballbundes (DHB), schmunzelte, als Seifert meinte, der DHB müsse „nur das Hallenlicht anmachen, und es kommen 10.000 Leute“ und forderte: „Für uns alle geht es jetzt darum, die Klubmarken zu stärken.“ Nur 30 Prozent der neun Millionen deutschen Handballfans hätten einen Lieblingsklub: „Wenn ich solche Zahlen lese, wüsste ich, wo ich als Klub hin muss“, sagte Seifert, „wir müssen aus den Handball-Interessieren Vereinsfans machen.“ Am Rande der Sportbusiness-Messe „Spobis“ hatten die drei Granden eingeladen und über ihre Pläne informiert, Handball zur großen Nummer zu machen, oder besser: zu einer größeren Nummer. Es wurde eine Werbeveranstaltung. Wie berauscht wirkte vor allem Seifert von den TV-Einschaltzahlen während der vergangenen, aus deutscher Sicht so erfolgreichen Europameisterschaft, als fünf Millionen Menschen im linearen Fernsehen sogar einem Spiel ohne deutsche Beteiligung beiwohnten – dem Halbfinale Dänemark gegen Island. Mehr Social-Media-Inhalte, mehr Digitalisierung Dyn hatte sowohl die EM übertragen wie es nun auch weiterhin Bundesliga, Pokal und alle Europapokalwettbewerbe zeigt. Im dritten Jahr liefert Dyn Bewegtbilder vom Handball. Der Springer-Konzern als Anteilseigner verlängert die Berichterstattung über seine Online-Texte in „Bild“ und „Sportbild“. Insofern war es von klarem Eigeninteresse geleitet, dass Christian Seifert den 18 Vereinen der ersten Bundesliga eine lange Latte von Aufgaben ins Pflichtenheft schrieb: mehr Social-Media-Inhalte, mehr Digitalisierung, bessere Kundenansprache, dynamische Preismodelle, um ein jüngeres Publikum abzuholen und höhere Einnahmen zu erzielen. Seifert fragte skeptisch, in welcher Infrastruktur der Handball spiele, kritisierte die Beleuchtung in den Hallen und forderte, Handball müsse „Arenen-Sport“ werden. Am besten mit Arenen im Vereinsbesitz, nicht mehr in kommunaler Trägerschaft. Alles, um die alljährliche Begeisterung aus dem Januar in die Bundesliga zu tragen. Das nämlich ist bisher verlässlich gescheitert: War der Titelträger gefunden, endete der Handball-Hype und die Klubs waren wieder unter sich. Bei der tags zuvor stattgefundenen Liga-Versammlung schluckten einige Vereinsvertreter angesichts der auf sie zukommenden Aufgaben: Das sollen wir mit unseren Mini-Geschäftsstellen leisten? Die durchschnittliche Größe an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern liegt bei zehn; nur Branchenriese Kiel hat mehr als 20 Angestellte. „Wir müssen breitbeinig argumentieren“ Marc-Henrik Schmedt ist Geschäftsführer des SC Magdeburg und Vizepräsident der HBL. Er sagt: „Bei all diesen berechtigten Forderungen müssen die Großen vorangehen. Das ist der Schlüssel. Es geht nicht darum, den Abstand zu den anderen zu vergrößern. Sondern alle mitzunehmen.“ Er fügt an: „Alle Klubs müssen begreifen, dass eine gute Digitalstrategie sie weiterbringen wird als der 18. oder 19. Spieler im Kader. Ich sehe da gerade einen Umdenkprozess: Es ist wichtig, die sportliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Aber auch die Bereiche dahinter müssen gestärkt werden: diejenigen, die das Produkt umsetzen und in den Markt bringen.“ Das ließe sich nur durch Aufstockung der Geschäftsstellen erreichen – oder durch eine früher im Handball übliche 24/7-Bereitschaft, zu der keiner mehr zurück will. „Die Gesichter des Handballs in die Gesellschaft tragen“ Treiber der Entwicklung ist die HBL in Köln. „Wir sind durch Lizenzauflagen und Regularien gewachsen“, sagt Frank Bohmann. „Wir müssen zu uns stehen und breitbeinig argumentieren.“ Seine Form des „groß denken“ waren zunächst auch nicht alle Vereine mitgegangen, als er vor Jahren mit Blick auf wachsende Konkurrenz aus den USA (Basketball, Football) satte Etaterhöhungen von 50 Prozent in drei Jahren pro Klub forderte: wachsen oder weichen – was in diesen wirtschaftlichen Zeiten natürlich eine riesige Herausforderung für die Spielbetriebs-GmbH der Vereine ist. Bohmann fordert noch mehr Material von den Klubs, was Formate über Spieler betrifft, um junge Kunden in den digitalen Medien abzuholen. Mathias Gidsel beim Frühstück, Gisli Kristjansson beim Spaziergang mit dem Hund, Andreas Wolff im Gym: leicht konsumierbare Unterhaltung. Eine Verlängerung der Spieltage in die Woche. Viele Klubs scheuen da noch den Aufwand – oder haben die Leute nicht, die diese Inhalte aufbereiten können. Gern würde die HBL dies zentral übernehmen, wie sie ohnehin schon mehr und mehr einheitliche Vorgehensweisen vorgibt. Doch da könnte ein nächster Aufschrei durch die Szene gehen. Denn Stunden für Social Media stehen Freizeit oder Training im Weg. Seifert forderte, die Stars der Bundesliga viel öfter in Interviews oder Live-Formate zu schicken – was zwangsläufig mit den Interessen der Trainer und Familien zusammenstößt. Marc-Henrik Schmedt sieht die Notwendigkeit darin trotzdem: „Wir müssen die Gesichter des Handballs in die Gesellschaft tragen. Wir müssen mehr bunte Geschichten produzieren.“ Bleibt die Frage, wer das in Wetzlar, Stuttgart oder Minden leisten soll. Schließlich halten sich viele Klubs in der Kommunikation bisher mit schlecht bezahlten Jahrespraktikantinnen über Wasser.