FAZ 10.01.2026
10:43 Uhr

Jetzt in der Werteunion: Meuthen hofft auf den „Reichinnek-Effekt“


Der frühere AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen hofft auf ein politisches Comeback im Stuttgarter Landtag – obwohl die Werteunion in Umfragen bislang keine Rolle spielt.

Jetzt in der Werteunion: Meuthen hofft auf den „Reichinnek-Effekt“

Der bislang letzte große Auftritt von Jörg Meuthen in der baden-württembergischen Landespolitik war im November 2017. Damals gab er den AfD-Fraktionsvorsitz im Landtag auf und wechselte ins Europa-Parlament. Jetzt will Meuthen zurück nach Stuttgart. Er ist Spitzenkandidat und stellvertre­tender Landesvorsitzender der „Werteunion“. In Umfragen in Baden-Württemberg spielt die Partei derzeit keine Rolle, aber Meuthen will sie erstmals in einen Landtag führen. In elf von 70 Wahlkreisen hat die Werteunion Direktkandidaten aufgestellt. In der AfD, in der Meuthen zum gemäßigten Flügel zählte, war es ihm auch als Bundesvorsitzender nicht gelungen, sich eine Machtbasis aufzubauen. Am Ende wurde er nicht einmal mehr als Delegierter zum Parteitag geschickt. Trotzdem hat Meuthen noch immer die Prominenz, die eine Kleinstpartei wie die Werteunion gut gebrauchen kann – wenn es schon an Geld und Mitgliedern mangelt. „Ich versuche jetzt, mich in diesem freiheitlichen Bereich parteipolitisch zu profilieren, in der AfD konnte ich mich mit diesem Kurs nicht durchsetzen“, sagte Meuthen der F.A.Z. Drei prominente Kandidaten Der Landesverband in Baden-Württemberg hat nur 200 Mitglieder, aber auch die beiden Kandidaten, die hinter Meuthen auf der Landesliste stehen, sind prominent: Auf Platz zwei kandidiert Alexander Mitsch, ein ehemaliger CDU-Mann aus der Rhein-Neckar-Region, der sich schon in der Werteunion engagierte, als sie in den Merkel-Jahren noch ein unwillkommenes Anhängsel der Union war. Hinter ihm folgt auf der Landesliste Dirk Spaniel, ein früherer Daimler-Manager und ehemaliger AfD-Landesvorsitzender. Meuthen, Spaniel und Mitsch setzen auf einen „Reichinnek-Effekt“. Wenn es die „Nachfolger-Honeckers dank einer Social-Media-Kampagne“ mit acht Prozent geschafft hätten, in den Bundestag zu ziehen, könne das bei der baden-württembergischen Landtagswahl auch gelingen, argumentieren sie. Und 2016 hatte es Meuthen geschafft, die AfD auf Anhieb mit 15 Prozent in den Landtag in Stuttgart zu bringen. Nach der Auffassung von Meuthen, Spaniel und Mitsch gibt es durch das Abdriften der AfD ins Völkische den Bedarf für eine „seriöse freiheitliche Partei“. Die FDP sei unglaubwürdig, die CDU habe ihre Wähler spätestens mit der Abkehr von der Schuldenbremse enttäuscht. „Eine schwarz-gelbe Mehrheit“, sagt Meuthen, „ist ja aussichtslos. Wenn CDU und FDP die SPD ins Boot holen, endet das politisch wie im Bund.“ Die Werteunion wolle den Wählern eine „frei­heitliche Perspektive“ mit einer Koalition aus CDU, FDP und Werteunion bieten. Meuthen gesteht heute selbstkritisch ein, dass er als AfD-Bundesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender in Stuttgart große Fehler gemacht hat. Er hatte sich in den Jahren 2016 bis 2017 aus oppor­tunistisch-taktischen Gründen mit den damaligen Flügelleuten um Björn Höcke verbündet. „Ich wollte damals nicht in ei­nen Zweifrontenkrieg geraten und auf der einen Seite die Völkischen um Höcke gegen mich haben und auf der anderen Seite Frauke Petry und Marcus Pretzell.“ Das sei falsch gewesen, sagt er nun. Von Dezember 2017 an war Meuthen Mitglied des Europaparlaments. 2022 trat er aus der AfD aus und als Bundesvorsitzender zurück. Es folgte eine kurze Zeit bei der Zentrumspartei. Im Juli 2024 schied der dann aus dem Europapar­lament aus. Im Januar vergangenen Jahres kehrte er an die Verwaltungshochschule in Kehl zurück. Meuthen verließ die AfD – nach eigener Darstellung – wegen der offen rechtsextremistischen, völkischen sowie sektiererischen Entwicklung. 2023 trat Meuthen dann auch aus der Zentrumspartei aus. Seit 2024 ist er stellvertretender Bundes- und Landesvorsitzender der Partei Werteunion, die man vom „Förderverein Werteunion“ unterscheiden muss. In der Werteunion setzte Meuthen einen libertär-freiheit­lichen Kurs durch. Der frühere Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, der der erste Parteivorsitzende der Werteunion war, gab schließlich auf. Zur strategischen Ausrichtung der Werteunion sagte Dirk Spaniel der F.A.Z. jetzt: „Wenn etwas die AfD noch stoppen kann, dann ein Wettbewerber im vermeintlich gleichen Wählerspektrum. Wir richten uns damit an die Mehrheit der AfD-Wähler, die eigentlich die AfD nicht wählen wollen, die aber ein Ventil für ihren Protest suchen.“ Die AfD, die sich lautstark gegen eine Brandmauer ausspricht, wenn sie von SPD oder Grünen errichtet und gefordert wird, scheint die freiheitlich-konservative Werteunion durchaus zu fürchten: Auf Betreiben des AfD-Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier hat der Bundesvorstand beschlossen, dass AfD-Landtagskandidaten nicht mit Vertretern der Werteunion auf Podien sitzen dürfen.