FAZ 13.01.2026
18:04 Uhr

Japans Regierungschefin: Mit Popstar-Image zu Neuwahlen


Junge Japaner lieben die neue Ministerpräsidentin Sanae Takaichi. Das will sie für Neuwahlen nutzen – und die Minderheitsregierung beenden.

Japans Regierungschefin: Mit Popstar-Image zu Neuwahlen

Unter jungen Japanern gibt es einen neuen Trend: Unter dem Schlagwort „Sana-Katsu“ verehren sie die seit Oktober amtierende Ministerpräsidentin Sanae Takaichi wie sonst nur Popstars oder Influencer. In Videos auf Tiktok und anderen Social-Media-Plattformen feiern sie ihre Auftritte und vor allem ihre Outfits. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt wurde ihre schlichte, aber geräumige schwarze Ledertasche, die „Grace Delight Tote“ des japanischen Herstellers Hamano, zum Verkaufsschlager. Kurz darauf war ein rosafarbener Kugelschreiber, den sie zu mehreren Anlässen genutzt hatte, überall vergriffen. Ihr Ausruf „Ich werde arbeiten, arbeiten, arbeiten“ aus ihrer ersten Pressekonferenz nach der Wahl zur Ministerpräsidentin ist gerade zum „Spruch des Jahres“ gewählt worden. In den Umfragen der großen japanischen Medien kommt die 64 Jahre alte Takaichi nicht zuletzt wegen ihrer Social-Media-Fans auf außerordentlich gute Umfragewerte. Unter den 18 bis 29 Jahre alten Japanern liegt ihre Zustimmung zum Teil bei mehr als 90 Prozent. Über alle Altersgruppen hinweg zeigen sich regelmäßig mehr als 70 Prozent der Befragten zufrieden mit der neuen Regierung. Diese Zustimmungswerte will Takaichi nun offenbar auch in echte Wählerstimmen umwandeln. Laut mehreren japanischen Medien will sie in der nächsten Woche das für die Gesetzgebung maßgebliche Unterhaus auflösen und vorgezogene Neuwahlen für den 8. oder 15. Februar ausrufen. Unter ihrem Amtsvorgänger Shigeru Ishiba, den sie im Oktober abgelöst hat, hatte die Liberaldemokratische Partei ihre Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments verloren. Obwohl sie sich in der noch jungen Innovationspartei einen neuen Koalitionspartner suchte, muss Takaichi seither mit einer Minderheit regieren, die nur durch die lose Zustimmung einiger unabhängiger Abgeordneter die nötigen Mehrheiten zusammenbekommt. Als Idol des rechten Flügels ihrer Partei aufgestiegen Dass ausgerechnet die jungen Japaner Takaichi derart verehren, ist überraschend und sehen manche Beobachter als Beleg dafür, dass diese sich wenig mit der Politik hinter dem charmanten Auftreten der einstigen Fernsehmoderatorin befassen. Denn die Ministerpräsidentin steht für sehr konservative Ansichten in gesellschaftlichen Fragen, mehr Aufrüstung und einen Ausbau der Atomkraft – also üblicherweise nicht gerade die Gewinnerthemen in der Jugend. Innerhalb ihrer Partei ist sie vor allem als Idol des rechten Flügels aufgestiegen. Dabei ist sie durch nationalistische Haltungen und auch immer wieder die Verharmlosung der japanischen Gräueltaten in China und Korea im Zweiten Weltkrieg und den Jahrzehnten davor aufgefallen. Dass das Verhältnis zu China unter Takaichi abkühlen würde – wie nun nach Äußerungen zu einem möglichen Taiwan-Konflikt geschehen –, hatten viele erwartet. Wie sehr sie sich um eine weitere Verbesserung der Beziehungen zu Südkorea bemüht, ist die größere Überraschung. Zum dritten Mal in ihrer kurzen Amtszeit traf Takaichi am Dienstag mit dem südkoreanischen Präsidenten Lee Jae-myung zusammen, der weit links im politischen Spektrum steht. Mit einem Besuch in Nara lud sie ihn sogar in ihre Heimatstadt ein – ein Zeichen dafür, dass sie auch persönlich gute Beziehungen zu ihrem Gegenüber in Seoul aufbauen möchte. Die alte Kaiserstadt in der Nähe von Osaka ist vor allem für ihre frei laufenden Hirsche berühmt, die sich dort in jahrhundertealten Tempelanlagen aufhalten und sich von Touristen füttern und streicheln lassen. In der Region leben allerdings auch traditionell viele Koreaner, die schon vor Jahrzehnten nach Japan ausgewandert sind. Südkorea will sich aus den Machtspielen mit China heraushalten Anlässlich ihres Treffens am Dienstag sagte Takaichi, Japan und Südkorea sollten ihre bilateralen Beziehungen ausbauen und „zusammenarbeiten, um eine Rolle für die Stabilität der Region zu spielen“. Lee sagte, die Zusammenarbeit zwischen Seoul und Tokio sei „wichtiger denn je und wichtiger als alles andere“ angesichts der „sich schnell verändernden internationalen Ordnung“. Damit dürfte er die Machtspiele Chinas gegenüber Japan ebenso gemeint haben wie die scharfe Handelspolitik des US-Präsidenten Donald Trump gegenüber beiden Staaten, die eigentlich enge Verbündete der Amerikaner und nicht zuletzt auf deren militärischen Schutz angewiesen sind. Lee und Takaichi sicherten sich eine engere Zusammenarbeit unter anderem in ihrer wirtschaftlichen Absicherung zu, wollten gemeinsam die Erforschung von Künstlicher Intelligenz und anderen Zukunftstechnologien ausbauen und den Austausch ihrer beiden Völker vorantreiben. Außerdem wollen sich beide, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten, für die Denuklearisierung Nordkoreas einsetzen. Aus dem Konflikt zwischen Tokio und Peking will sich Lee allerdings heraushalten. Der Südkoreaner war in der vorigen Woche zu einem viertägigen Staatsbesuch in China, vor allem um die wirtschaftlichen Beziehungen zu dem wichtigsten Handelspartner zu fördern. Chinas Staatschef Xi Jinping hatte dabei aber auch versucht, Lee in dem Konflikt mit Japan auf seine Seite zu ziehen. Er erinnerte an die gemeinsame Geschichte der beiden Staaten unter japanischer Besatzung. Lee solle „fest auf der richtigen Seite der Geschichte stehen“, hatte Xi seinen koreanischen Gast aufgefordert. In einem Interview mit dem japanischen Fernsehsender NHK gab sich Lee nun aber neutral. Er wolle abwarten und sich auf keine Seite stellen.