FAZ 27.02.2026
13:43 Uhr

Japanmakake Punch: „Der Affe hat mehr Likes, als du und ich jemals bekommen werden“


Ein von seiner Mutter verstoßener Affe findet Trost bei einem Stofftier. Memes mit Makake Punch gehen viral – doch warum fiebern wir mit einem kleinen Affen so mit?

Japanmakake Punch: „Der Affe hat mehr Likes, als du und ich jemals bekommen werden“

Halte durch, möchte man ihm zurufen. Das Äffchen klammert sich an sein Stofftier, schaut einen mit seinen großen Augen an. Erst auf einem Bild, dann zwei Videos, drei weiteren Memes. Punch und seine Geschichte sind in den sozialen Medien zurzeit allgegenwärtig. Der Japanmakake lebt in einem Zoo nahe Japans Hauptstadt Tokio, wo er nach der Geburt von seiner Mutter verstoßen wurde. Videos zeigen, wie er von anderen Makaken im Gehege gejagt wird und dabei seinen Spielzeug-Orang-Utan hinter sich her zerrt. Unter dem Hashtag #HangInTherePunch wird er in Memes zum Sinnbild für die Krisen unserer Zeit, für Vereinsamung, aber auch für Widerstandskraft gemacht. Ein Stofftier als Ersatzmutter Die Pfleger im Ichikawa City Zoo vermuten, dass Punchs Mutter im vergangenen Sommer angesichts der Hitze mit ihrer ersten Geburt überfordert war. In solchen Situationen priorisieren Muttertiere oft das eigene Überleben. Affen klammern sich kurz nach der Geburt an das Fell ihrer Mutter, um Geborgenheit zu finden und Muskeln aufzubauen. Da Punch diese Möglichkeit nicht hatte, versuchte man es mit Alternativen wie zusammengerollten Handtüchern. Doch Punch soll sich für einen Stoff-Orang-Utan entschieden haben. Als der Zoo Punch kürzlich mit seinem Plüschtier auf X vorstellte, ging die Geschichte viral. Frühe Aufnahmen zeigen, wie Punch von anderen Makaken weggestoßen oder aggressiv im Kreis herumgeschleift wird, bevor er hinter einen Felsen rennt und sich an sein Stofftier klammert. Doch dann sorgten Videos, in denen ein anderer Affe Punch tröstet und ihn putzt, in der Netzwelt für Erleichterung. Inzwischen lässt Punch öfter mal seine Ersatzmama liegen, um mit anderen zu spielen. „Wir sehen nicht nur einen Affen“ „Unser Ziel ist es, dass er in einer Gruppe lebt“, erklärt Takashi Yasunaga, für den Zoo zuständiger Leiter bei der Stadtverwaltung von Ichikawa, der Deutschen Presse-Agentur in Tokio. „Ich glaube, er ist auf dem besten Weg dorthin“. Was manche in den sozialen Medien als Mobbing ansehen, ist laut Experten ganz normales Verhalten unter Makaken. Doch viele deuten in die Videos ein Verhalten, das sie aus ihrem eigenen Leben kennen. „Wenn wir Punch sehen, sehen wir nicht nur einen Affen“, schreibt ein User auf Instagram. „Wir sehen uns selbst. Die Momente, in denen wir uns klein, verängstigt und missverstanden fühlen. Die Momente, in denen wir uns an Trost, Liebe und Hoffnung klammern. Wir sehen Widerstandsfähigkeit, Neugier und den nötigen Mut, um weiterzumachen“, schreibt der Instagram-Nutzer weiter. Dass Punch auch in Japan viral geht und sich viele mit ihm verbunden fühlen, verwundert in vielen Einschätzungen nicht. In dem Land leiden viele Menschen unter Einsamkeit. „Dramadreieck aus Held, Täter und Opfer“ Oft wird Punch in einen Zusammenhang mit dem einsamen Pinguin gestellt, der begleitet von Werner Herzogs melancholisch-rauer Stimme nicht mit seinen Artgenossen Richtung Wasser wandelt – sondern alleine in Richtung der weit entfernten Berge zieht. Videos mit einem Ausschnitt aus Herzogs Dokumentation „Begegnungen am Ende der Welt“ von 2007 gingen im Januar ebenfalls viral. Ähnlich wie Punch wird der Pinguin in den sozialen Medien für seine Entschlossenheit und Einstellung, seinen Weg zu gehen, bewundert. Das Interesse an vielen dieser Tiergeschichten habe damit zu tun, dass sie sich leicht uminterpretieren ließen, sagt der Philosoph Kai Denker, der sich mit Meme-Forschung befasst, im Gespräch mit der dpa. „Tiergeschichten sind einfach – man muss nicht nach dem Warum fragen, man hat eine grundlegende Sympathie, für die es keine weitere Recherche braucht.“ Die Geschichten machten es durch die Komplexitätsreduktion leicht, Empathie zu empfinden. „Es ist eine Art Wohlfühlregion – das kann dann auch eine Art Eskapismus sein“, sagt Denker. Laut Denker sind viele Tiergeschichten leicht übersetzbar in Heldengeschichten, in denen das „Dramadreieck aus Held, Täter und Opfer“ zu finden sei. „Hier ist Punch das Opfer, der andere Affe der Täter.“ Der Rhetoriktrainer Michael Ehlers verweist in einem Facebook-Video zudem darauf, dass man durch Likes öffentlich Mitgefühl mit Punch zeigen könne. Er nimmt Bezug auf ein Video von Punch, der zu seinem Stoffaffen flüchtet. Likes seien nicht nur Reaktion, sondern Selbstbild. „Das Video funktioniert, weil es drei Dinge verbindet: Biologie, Story und Moral. Süß ist kein Zufall, süß ist Strategie.“ In die Caption schreibt er: „Der Affe hat mehr Likes als du und ich jemals bekommen werden.“ Auch Marken wollen vom Hype um Punch profitieren Punchs Stoff-Orang-Utan entstammt Ikeas „Djungelskog“-Tierserie. Kein Wunder also, dass die Möbelhauskette den Makaken für ihr Marketing aufgriff. Mit Posts etwa in Singapur und Indien erreicht Ikea Zehntausende Likes. Das Branchenmagazin „Horizont“ schätzt, dass Ikea von der Geschichte insgesamt profitieren dürfte, „auch wenn Ikea im weltweiten Hype aus Tierschutzgründen sowie für eine mögliche Kapitalisierung des Leids von Punch“ von einigen auch kritisiert werde. Auch Marken wie Duolingo, Sixt und Gustavo Gusto greifen die Geschichte von Punch in Posts auf den sozialen Netzwerken und in Zusammenhang mit ihren Produkten auf.