In diesen turbulenten Tagen würde man zuweilen gerne mal wild umhertanzen und sich die Seele aus dem Leib trommeln, um all die bösen Geister dieser Welt zu vertreiben. Die Bewohner der japanischen Insel Sado tun dies seit Jahrhunderten. Onidaiko heißt dieses Ritual, bei dem zu verschiedenen Anlässen Gruppen durch die Straßen ziehen, um Häuser, Tempel und Felder von allem Negativen zu befreien – mit grimmigen Masken und wirrem Haar, mit fassgroßen Trommeln, deren Schläge durch Mark und Bein gehen. Das tun sie zur Reispflanzung im April, zur Ernte im Oktober oder wenn irgendwo ein Unglück passiert ist. Noch heute existieren 126 Gruppen – bei einer Insel mit gerade mal 46.000 Einwohnern. Auch Aida Tadaaki aus dem Dorf Niibo ist dabei und stolz auf diese Tradition. Doch der 51-Jährige ist auch besorgt, dass dieser Brauch einmal verschwinden könnte. „Vor sechs Jahren habe ich die Firma Sadoya Nippon gegründet, um unsere alten Feste und Handwerkskünste zu erhalten“, erklärt der dreifache Vater. „Beispielsweise schnitzen wir die Onidaiko-Masken aus dem leichten Holz des Paulownia-Baumes und basteln die Trommeln.“ Das Geschäft läuft ganz gut, mittlerweile hat er fünf Angestellte. In seiner Werkstätte können auch Touristen die alten Traditionen erlernen – beispielsweise wie man aus Reisstroh Sandalen flicht oder eben wie man mit Onidaiko-Tänzen böse Geister vertreibt. Aida, der als Ökobauer sein Geld verdient, liegt es am Herzen, dass mehr internationale Besucher nach Sado kommen, denn seine Heimat hat ein gewaltiges Problem: Sie ist zwar mit 854 Quadratkilometern die sechstgrößte Insel Japans, liegt aber etwas verloren im Japanischen Meer. Bis zur Präfektur-Hauptstadt Niigata auf dem Festland sind es 70 Kilometer. Sado ähnelt einem zusammengedrückten S, mit zwei parallelen Gebirgsketten und einer fruchtbaren Ebene in der Mitte. Ein Großteil ist dicht bewaldet, die Küste steil und steinig. Gold- und Silbervorkommen aus dem Vulkangestein haben die Insel reich gemacht und wirkten über 400 Jahre wie ein Magnet. Glücksritter, Armutsflüchtlinge und Händler aus ganz Japan ließen sich nieder und brachten die Traditionen aus ihrer Heimat mit – es gab ein Geisha-Viertel für die Reichen, auf Dutzenden Bühnen wurde das elitäre Noh-Theater gespielt, jedes Dorf baute seinen eigenen Shinto-Schrein. Noch heute gibt es über 400 Kulturdenkmäler, seit 2024 sind die Goldminen UNESCO-Welterbe. Die Bevölkerung hat sich halbiert Trotz dieses kulturellen Reichtums ziehen die Jungen weg, rund die Hälfte der Inselbewohner ist über 60 Jahre alt. Seit 1960 hat sich die Bevölkerung halbiert. Auch internationale Touristen kommen kaum vorbei – sie drängeln sich lieber in den Hotspots von Kyoto, Tokio oder Osaka. Dabei ist man von der Hauptstadt schon in einem halben Tag dort: Der Toki-Shinkansen braucht gerade mal zwei Stunden von Tokio nach Niigata, von wo die Fähren nach Sado ablegen. Mit dem Tragflügelboot sind es weitere 60 Minuten bis zum Hafen von Ryotsu. Auch Onidaiko-Fan Aida Tadaaki war länger weg. Mit 28 Jahren kehrte er zurück und übernahm nach einiger Zeit in der Gemeindeverwaltung den elterlichen Bauernhof. Den hat er mittlerweile vergrößert und pflanzt auf nunmehr 22 Hektar Bioreis an. Das hat nicht nur mit den lokalen Sake-Brauern zu tun, denen er einen Teil seines Reises verkauft und die höchste Qualität erwarten, sondern auch mit „Toki“. So nennen die Einheimischen liebevoll den Japanischen Schopfibis. Mit bis zu 80 Zentimeter Körpergröße und einer Flügelspanne von rund 140 Zentimetern ist der Vogel ziemlich groß. Zu seinen Markenzeichen gehören der buschige Schopf und das rote Gesicht. Doch Pestizide und die schwindenden Lebensräume machten dem gefiederten Schönling den Garaus. 2003 starb auf Sado das letzte Exemplar. Fünf Jahre später wurden fünf importierte Paare ausgewildert, mittlerweile sind es wieder über 500. Und die kann man beim Fröschejagen auf den Reisfeldern von Aida Tadaaki oder über ihren Nistplätzen kreisend in den bewaldeten Hügeln sehen. Mit dem Tokinomori-Park wurde ein eigenes Schutzgebiet zur Aufzucht und für Forschungszwecke angelegt. „Toki“ ist heute eine Touristenattraktion und auch ein Zeichen des Überlebenswillens auf Sado. Letzteres zeigen auch die Frauen von Mushizaki. Das kleine Dorf liegt im Inselnorden an der Steilküste und lebte gut vom Fischfang. Lange her. Von den einst 100 Einwohnern sind gerade mal 26 geblieben – fast alles Rentner. Das bewaldete Hinterland rund um den inselhöchsten Berg, den 1172 m hohen Kinpoku-san, ist ein beliebtes Wandergebiet. Und Bewegung macht bekanntlich hungrig. So kamen einige Frauen vor knapp drei Jahren auf die Idee, in einem umgebauten Fischerhaus mit Traumblick aufs Meer Kochkurse anzubieten. Die Zutaten sind sehr frisch. Der Fisch könnte quasi aus dem Wasser in die Teller springen. Chrysanthemenblüten zum Essen Auch Gemüse und Reis haben es nicht weit. Sie kommen von nahen Terrassenfeldern, die sich wie Riesentreppen in den Steilhang schieben. Einige von ihnen gehören Yaeko Hyogo. Mittlerweile 75 Jahre alt und Mutter von vier erwachsenen Kindern, ist sie mit ihrem runden, windgegerbten Gesicht eine japanische Bäuerin wie aus dem Bilderbuch – und eine exzellente Werberin für ihre Heimat: „Das Leben ist gut hier auf Sado, und ich möchte Besuchern zeigen, warum das so ist. Schau her, alles bio“, sagt sie und streckt die lilafarbenen Chrysanthemenblüten entgegen: „Die gibt es nachher zum Essen.“ Schon marschiert sie zum nächsten Beet, wo sie einen Rettich aus dem dichten Grün zieht. Die Sonne glitzert im nahen Meer, während ein sanfter Wind weht – als wolle die Natur Yaekos Worte unterstreichen. Beim gemeinsamen Sushi-Rollen kommen die Frauen von Mushizaki ins Plaudern. „Vor zwei Jahren bin ich nach Sado gezogen, ich wollte unbedingt auf eine Insel“, erzählt Tomoko Ike, die ebenfalls zur Gruppe gehört. „Dann traf ich Yaeko und habe mit meinem Mann das leer stehende Fischerhaus umgebaut.“ Mit 50 Jahren zählt sie in dem Dorf zu den Jüngeren und verdient ihr Geld als Hochzeitsplanerin. Ihr Mann arbeitet als Musiker. „Ich mag das ausgeglichene Leben hier. Es ist einfach, aber trotzdem reich. Ich habe so viel von den Menschen hier gelernt. In den Traditionen steckt so viel Wissen“, meint sie weiter. Ruhe, Ausgeglichenheit, Traditionspflege – es sind Begriffe, die man immer wieder auf Sado hört. Und sie sind auch der Grund, warum das weltberühmte Taiko-Trommel-Ensemble Kodo seit 45 Jahren seinen Sitz auf Sado hat. Denn die „dicke Trommel“, auf Japanisch Taiko, ist hier Bestandteil der Onidaiko-Rituale. Die 60 Mitglieder von Kodo, die im Frühjahr wieder durch Europa tourten, leben abgeschieden in einer Community im Inselsüden. Die zweijährige Ausbildung ist ziemlich hart, mittlerweile können auch Touristen üben. Das angeschlossene „Sado Island Taiko Centre“ unweit von Ogi bietet Kurse für Anfänger an. Schon ein paar Trommelschläge erzeugen eine gute Stimmung – und für einen Augenblick glaubt man, sogar böse Geister vertreiben zu können. Anreise Täglich Direktflüge mit Lufthansa von München und Frankfurt nach Tokio. Von dort fährt der Toki-Shinkansen in zwei Stunden nach Niigata. Nach kurzem Transfer mit dem Lokalbus zum Hafen geht es per Autofähre (2,5 Std.) oder Tragflügelboot (1 Std.) nach Ryotsu auf Sado. Einreise Deutsche Staatsangehörige können für Aufenthalte bis 90 Tage visafrei einreisen. Allerdings muss man sich vorab registrieren, online auf Visit Japan Web Auf Sado Die Sado Tourism Association vermittelt allerlei lokale Aktivitäten.
