FAZ 17.12.2025
16:03 Uhr

James Tureks Wimmelbuch: Warum soll ein Elefant denn immer gleich aussehen?


Großer Kinderspaß: James Turek hat im Selbstverlag sein „Entdecker Buch“ herausgebracht, in dem es ein kleines bisschen anders zugeht, als wir das aus Wimmelbildern gewohnt sind.

James Tureks Wimmelbuch: Warum soll ein Elefant denn immer gleich aussehen?

Haben Sie ein kleines Kind in der Verwandt- oder Bekanntschaft, für das Sie noch im letzten Augenblick ein Buchgeschenk zu Weihnachten brauchen? Dann habe ich das Richtige für Sie. Nun ist ja noch gar nicht der letzte Augenblick, sondern Weihnachten eine ganze Woche hin, und das wird routinierte Last-minute-Schenkerinnen und -Schenker nicht schocken. Aber bei dem von mir heute vorgestellten Buch ist Eile beim Einkauf geboten, denn Sie werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht beim Buchhändler um die Ecke bekommen. Und schon gar nicht beim als ach so bequem für die Besteller beschriebenen Riesenversender im Netz (den Sie sich nicht nur beim Kauf von Buchgeschenken eh schenken sollten). Der nennt als Lieferdatum für das von mir empfohlene Buch aktuell den 26. Juni 2026, obwohl es vor drei Wochen in Deutschland erschienen ist. Aber eben nur bei einem Kleinverlag, dem Handstandstudio in Leipzig. Über dessen Website bekommen Sie oder Ihr Buchhändler das Buch am schnellsten, aber wohl kaum am nächsten Tag (obwohl das bei meinem geklappt hat, aber mein Buchhändler ist ebenfalls in Leipzig, und einer der beiden Verleger brachte das Buch kurzerhand selbst ins Geschäft). Jedenfalls erscheint diese Last-minute-Geschenk-Kolumne eine ganze Woche vor Weihnachten, um das zeitliche Risiko des etwas umständlicheren Bestellvorgangs zu minimieren. Jetzt aber endlich zum Gegenstand selbst: „Das Entdecker Buch“ heißt er, und gezeichnet hat es James Turek. Der in Florida gebürtige Amerikaner lebt seit mehr als einem Jahrzehnt mit ein paar Unterbrechungen in Leipzig und ist dort unentbehrlicher Teil der lokalen Comicszene. Von ihm stammen „Taco Days“ (erschienen im Trottoir Noir Verlag) und „Motel Shangri-La“ (Avant), aber hier soll es um ein Buch des Comiczeichners gehen, das kein Comic ist, sondern ein Bilderbuch, genauer gesprochen: ein Wimmelbuch. Das Suchen macht die größte Freude Diese Gattung ist durch Ali Mitgutsch in Deutschland populär geworden, und Rotraut Susanne Berner hat mit ihrer vielteiligen Buchserie zur fiktiven Ortschaft Wimmelhausen dann sogar international Furore gemacht. Turek selbst wiederum hat bereits vor einem Dutzend Jahren (noch vor seinen beiden Comics) beim Klett-Kinderbuchverlag „Make My Day! – Mein wildes Englisch-Wimmelbuch“ veröffentlicht, das sich an Kinder im Grundschulalter richtete, denen damit erste Englischkenntnisse vermittelt werden sollen. Das neue Werk dagegen ist für Kinder im Vorschulalter gemacht: Es gibt darin keine Texte, obwohl mit Erik Weiser ein Texter genannt wird, aber dessen im Buch lesbare Schreibarbeit erschöpfte sich auf zwei Sätze der letzten Seite, die Hilfe anbieten, wenn man mit der Suche im Buch nicht recht vorangekommen ist. Jetzt nähern wir uns dem Prinzip des „Entdecker Buchs“. Wie bei jedem Wimmelbuch geht es darum, in der Fülle von Figuren, die eine der ganzseitigen Szenen bevölkern, die vielen kleinen Einzelgeschichten zu entdecken. Über die Seiten gestreut sind mindestens sieben wiederkehrende Akteure, deren Porträts ganz am Schluss auch namentlich bezeichnet werden, falls man sie noch nicht identifiziert haben sollte oder eine noch persönlichere Bindung zu Molly, Rocco oder Edward aufbauen will. Und gleich auf der ersten Seite des Buchs (und einem beigefügten Lesezeichen mit dem Titel „Such uns im Buch“) werden zwei Dutzend ständig wiederkehrende Gegenstände und Tiere gezeigt.So weit, so normal. Was das „Entdecker Buch“ ungewöhnlich macht, ist einmal seine Grafik. Turek gehört zur großen weltweiten Zeichnergemeinde, die sich von Lewis Trondheim hat inspirieren lassen, dessen vermenschlichte Tiere im souveränen Krakelstil geradezu Epoche gemacht haben. Damit wird an die große Tradition von Tierfiguren in der Comicgeschichte angeknüpft, und tatsächlich erweckt Tureks Bilderbuchpersonal viel eher den Eindruck von Comic- als von Bilderbuchfiguren. Das größte Gewimmel herrscht auf dem doppelseitigen Bahnhofsbild Dann ist da der Aufbau. Es gibt keine fortlaufende Geschichte in diesem Wimmelbuch, sondern eine Dramaturgie der Gegenüberstellung. Jede Doppelseite bietet inhaltliche Gegensätze: idyllische Waldlichtung – futuristischer Kletterpark, Sportplatz – Spielplatz, Sommertag am Fluss – Regentag in der Stadt, Gartenfest – Kirmes, Verkehrschaos – Bäckereigewimmel, Hausreinigung – Gartenpflege. Nur das allerletzte Motiv, das Innere eines Großbahnhofs, erstreckt sich über eine ganze Doppelseite. Und da ist dann wirklich die Hölle los (auch ohne Bahn-übliche Verspätung). Die vielen wiederkehrenden Elemente sind nicht auf jedem Bild zu finden, aber zumindest auf jeder Doppelseite. Erschwerend kommt hinzu, dass sie nicht sklavisch in derselben Form gehalten sind, die die Auftaktseite oder das Lesezeichen vorstellen. Der Elefant etwa wird von Turek in allen nur möglichen Größen und Farben gezeichnet, mal auch bekleidet, und einmal sieht er aus wie eine zu groß geratene langnasige Maus. Doch genau diese Freiheit ermöglicht unter und mit Kindern die tollsten Gespräche über das, was sie sehen – oder erst einmal auch nicht sehen. Auch darüber, warum es hier orangefarbene Himmel gibt. Oder warum ein Bäcker ein Buch in den Ofen schiebt (darüber kann man rätseln, auch wenn ein anderes Buch im Bild den Titel „Kuchen“ trägt). Turek ist selbst seit ein paar Jahren Vater, und das merkt man seinem kindgerechten Buch aufs Schönste an. Erik Weisers Gestaltung des Pappbands ist erfreulich unverwüstlich, das von beiden zusammen gegründete Handstandstudio hat also ganze Arbeit geleistet. Und die dürfte bei entdeckerfreudigen Betrachterinnen und Betrachtern für stundenlange Beschäftigung sorgen. Zumindest hat sie das bei mir. Und ich bin ja nicht einmal Teil der Zielgruppe.