Manche wichtigen Dinge laufen kurz vor dem Weihnachtsfest Gefahr, am Bewusstsein vorbeizurauschen, obwohl sie von fundamentaler Bedeutung sind. Doch wenn sich bei einem der größten Arbeitgeber der Rhein-Main-Region ein Chefwechsel anbahnt und die jetzige Chefin und ihr Nachfolger sich gemeinsam äußern, dann lohnt es sich, bei den Aussagen zur Zukunft des Standorts genau zuzuhören. Es geht um das Unternehmen Merck und seine Heimat Darmstadt, wo die Anlagen des Konzerns in den vergangenen zehn Jahren rundum erneuert worden sind. Es ist ein moderner, flexibler Standort mit einem hohen Grad an Flexibilität: eine Erfolgsgeschichte. Aber wie zukunftssicher ist sie? Belén Garijo und Kai Beckmann beschönigen die Lage nicht: Die Rahmenbedingungen für die Produktion in Europa seien weiterhin herausfordernd. Es müsse sich etwas tun, man brauche einen echten Binnenmarkt, der nicht so fragmentiert sei wie heute. Es fehle an Nachfrage von europäischen Kunden, was mit den Rahmenbedingungen zusammenhänge, wie zum Beispiel der Regulierung. Merck, inzwischen ein bedeutender Zulieferer für Chiphersteller, bezieht solche Aussagen nicht nur auf sein Pharma- oder Chemiegeschäft. Auch bei den Chips müsse Europa aus sich heraus wettbewerbsfähig sein, noch viel mehr Projekte für Chipfabriken seien notwendig. Zwischenzeugnis „mangelhaft“ Würde man der Wirtschaftspolitik der Bundesregierungen und der Europäischen Kommission bis hierher ein Zwischenzeugnis aus Darmstadt schicken, fiele es schwer, die Note „ausreichend“ zu vergeben. Und nicht nur große Unternehmen wie Merck klagen. Wenn man sich im Mittelstand und bei den Industrie- und Handelskammern umhört, hellt sich das Bild nicht auf: Zu viel Regulierung, zu viel Verunsicherung, zu hohe Kosten, heißt es allenthalben: „Mangelhaft“ lautet die Note also – und wie weiter nun? Immerhin, es läuft nicht alles schief. Das Terminal 3 am Flughafen wird bald eröffnet, die Brücke hinter Lüdenscheid sorgt bald wieder für freie und direkte Fahrt von Frankfurt ins östliche Ruhrgebiet. Aber reicht das, ist das schon „Deutschlandtempo“? Zurück nach Darmstadt: Immerhin gebe es das gemeinsame Verständnis, dass mehr Autonomie bei der Chipherstellung eine der zentralen Herausforderungen sei, heißt es bei Merck. Doch bei der Medikamentenversorgung gebe es nicht einmal das. Auch hier klafft eine Lücke zwischen politischem Wunsch und der Wirklichkeit betriebswirtschaftlicher Kalkulation. Die Erkenntnis über das, was in Deutschland und Europa wirtschaftspolitisch geboten wäre, ist also nicht schwer zu gewinnen. Es ist zum Jahreswechsel Zeit dafür, den Spurwechsel einzuleiten, nicht nur bei einzelnen Projekten, sondern im Großen und Ganzen.
