FAZ 27.12.2025
14:02 Uhr

Jahresrückblick: Unsere Serien-Szenen des Jahres 2025


Ein flackernder Blick, eine falsche Leiche, eine Kapitulation auf dem Bett und ein Abschied in Würde: Neun unserer liebsten Momente aus den Fernseh-Serien des Jahres 2025.

Jahresrückblick: Unsere Serien-Szenen des Jahres 2025

„Die Affäre Cum-Ex“, Folge 5, ZDF Die Kölner Staatsanwältin Lena Birkwald (Lisa Wagner) ahnt bereits, wie groß das Ausmaß des Finanzverbrechens sein dürfte, dem sie auf der Spur ist. In Den Haag soll sie Eurojust-Anwälte dafür gewinnen, Durchsuchungen durchzuführen. Gerade hat sie in entschiedenem Tonfall ihr Anliegen vor dem ausladenden Round Table vorgetragen, da unterbricht sie der Vertreter der Schweizer Staatsanwaltschaft: Wenn sie so rede, habe man den Eindruck, es handle sich um ein internationales Verbrechersyndikat; um welche Kreditinstitute es denn ginge? „Ich kann die Liste auch schnell vorlesen“, sagt Birkwald unbeirrt und setzt an, Banken zahlreicher Länder vorzutragen. Man erwartet ein baldiges Ausblenden – aber die Kamera gleitet immer weiter den langen Tisch entlang. Mehr als drei Minuten dauert diese Szene, und mit jedem weiteren Namen wird einem die Übermacht derjenigen bewusster, die über Geld verfügen und es sich gefügig machen. Gerade hat die echte Lena Birkwald, Anne Brorhilker, ein Buch über ihre damalige Arbeit herausgebracht. Ihr Beamtenverhältnis hatte sie letztes Jahr aufgegeben: zu frustrierend sei es gewesen, mitanzusehen, wie lax White-Collar-Kriminalität in Deutschland geahndet werde. Sie versucht mittlerweile, der Finanzlobby mit einer Bürgerbewegung die Stirn zu bieten. Mit wem sie es zu tun haben dürfte, veranschaulicht diese Liste der fiktiven Staatsanwältin.  Caroline O. Jebens „Severance“, Staffel 2, Folge 4, Apple TV Wer kennt es nicht? Bei der Weihnachtsfeier hakte sich der Chef noch betrunken unter, zwei Tage später will er von Lohnerhöhung und 4-Tage-Woche nichts mehr wissen. Da hilft nur eines: die klare Trennung von Arbeit und Privatem. Die Firma Lumen aus der Psychothriller-Serie „Severance“ bietet genau das. Wer bei Lumen arbeitet, wird einer Bewusstseinsspaltung unterzogen. Der oder die Angestellte wird in zwei geteilt: die eine Hälfte Innie, der nichts als seinen tristen Arbeitsplatz kennt, die andere Hälfte Outie, der seine Freizeit genießt. Klingt schizophren? Ist es auch. Und so tut die Lumen-Führung alles dafür, die leidenden Innies davon abzuhalten, gegen ihr Kerkerleben zu rebellieren. In der zweiten Staffel zum Beispiel, mit einem Teambuilding-Event in weihnachtlich-verschneiter Waldlandschaft. Irving B. (John Turturro), einer der älteren Angestellten, will aber nicht mehr. Er hat die Manipulationsversuche seiner Chefs durchschaut, nur seine Co-Worker wollen ihm die Wahrheit über die Lügen der Firma nicht glauben. Doch dann passiert das Schöne: Irving streikt. Er beschließt, seinem Leben als Innie ein Ende zu setzen. Dafür versucht er, die Tochter des Firmenbosses, die als Saboteurin eingeschleust wurde, in einem Bach zu ertränken. Natürlich nur, um den Schwindel aufzudecken, sonst wäre die Szene nicht schön. Als Strafe wird Irvings Innie-Bewusstsein gelöscht: „Es wird so sein, als ob Irving B. niemals existiert hat“, ruft ihm der Vorarbeiter demütigend hinterher. Aber Irving, der Gekündigte, geht in Würde. Die Rebellion der Angestellten hat begonnen. Jonathan Guggenberger „Diplomatische Beziehungen, Staffel 3, Folge 8, Netflix Die Ehe des amerikanische Diplomaten-Ehepaars Kate und Hal Wyler (Keri Russell und Rufus Sewell) ist ziemlich am Ende, den transatlantischen Beziehungen geht es kaum besser. Kate ist Botschafterin in London, privat irgendwie getrennt, offiziell mittlerweile aber Second Wife, seit Hal zum Vizepräsidenten ernannt wurde, die Scheidung muss warten. Nach einem Krisentreffen der Staatsoberhäupter sitzen die beiden mit der amerikanischen Präsidentin Grace Penn, dem britischen Premier Nicol Trowbridge (Rory Kinnear), seinem Außenminister und allerlei Lebenspartnern beim Dinner. Als Gattin hätte Kate am Rahmenprogramm teilnehmen sollen, das sie als Botschafterin aber verpasste, und so macht Trowbridge einen Witz: Sie sei also gewissermaßen „Heisenbergs Frau“, gleichzeitig Ehefrau und nicht. „Schrödinger“ berichtigt ihn da leise First Gentleman Todd Penn (Bradley Whitford), ein Wissenschaftler, und weil nicht jeder am Tisch gleich versteht, was gemeint ist, erklärt er: Heisenberg habe zwar das Prinzip der Unschärferelation aufgestellt, nachdem man nicht wisse, ob die Katze tot oder lebendig sei; die Katze aber sei definitiv die von Schrödinger. Gleichzeitig tot und lebendig ist spätestens in diesem Moment auch die NATO, sagt erst Trowbridges gekränktes Gesicht, dann auch er selbst. Und alle grandiosen Gleichzeitigkeiten dieser Serie drücken sich darin aus, die in fast jedem Moment Liebesszene und internationale Affäre ist, geopolitische Intrige und zwischenmenschliches Machtspiel, privates Kalkül und politische Leidenschaft. Als hätte Schrödinger das Drehbuch geschrieben. Oder Heisenberg? Harald Staun „The White Lotus“, Staffel 3, Folge 8, HBO/Sky „Ich bin wohl doch extrem verwöhnt. Aber ich kann so nicht leben!“, schluchzt Piper (Sarah Catherine Hook). Mutter Victoria (Parker Posey) ist erleichtert. Sie wusste doch, dass ihre Tochter nicht auf all den Luxus verzichten kann, um als Buddhistin (für ein Jahr!) ihr Glück zu finden. Hier auf der Hotelterrasse im thailändischen Luxusresort fühlen sich Tochter und Mutter endlich wieder in ihren Privilegien verbunden. Dann zoomt die Kamera auf Tims (Jason Isaacs) Gesicht. Panik zeichnet sich in jeder Stirnfalte des verschuldeten Familienvaters ab. Es ist der Moment, in dem ein Mann entscheidet, das Leben seiner Familie einschließlich seines eigenen, zu beenden. Gerade noch hatte sich Tim an den Gedanken geklammert, dass die Ratliffs auch gemeinsam in Armut leben könnten, jetzt ist auch das keine Option mehr. Nur einer soll verschont werden: der Jüngste. „Könntest du auch ohne Geld leben?“, fragt Tim seinen Sohn Lochlan. Der schaut kurz auf, lässt sein Buch sinken und sagt: „Ja, ich denke schon.“ Also nur eine Cola für Lochlan, keine vergiftete Piña Colada wie für alle anderen. Ein schrecklicher Umstand führt dazu, dass ausgerechnet Lochlan vergiftet am Poolrand liegt. „Wer stirbt?“, fragt man sich zu jedem Staffelbeginn von Mike Whites „The White Lotus“ aufs Neue. Am Ende ist die Leiche doch wieder eine andere. Helene Rönsch „Pluribus“, Folge 6, Apple TV Dreizehn Individuen bilden in „Pluribus“ einen Rest, der von einer außerirdischen Intervention übrig bleibt. Ein Signal aus dem Kosmos hat die Menschheit in ein amorphes, vernetztes Riesensubjekt verwandelt, das keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Nur in Albuquerque, New Mexico, wo Vince Gilligan auch schon seine epochale Serie „Breaking Bad“ spielen ließ, hält die Schmökerautorin Carol Sturka (Rhea Seehorn) an ihrer Außenseiterrolle fest. Sie ist dementsprechend einsam, und wie man es von amerikanischem Content gewohnt ist, rechnet man auch damit, dass die Rettung der Welt (in diesem Fall: die Rettung des anfechtbaren, aber eben menschlichen Menschseins) von Amerika ausgeht. Bis Carol in Folge 6 den Mauretanier Koumba Diabaté (Samba Schutte) trifft, einen der restlichen Zwölf, der in Las Vegas ein Playboyleben mit dem willfährigen weiblichen Teil der Zombie-Menschheit führt. Und der ihr eröffnet, dass sehr wohl auch die zwölf Nebenfiguren etwas tun: „We stay in touch.“ In „Pluribus“ geht es um das Ganze der Menschheit, und in diesem Moment zerbricht sehr beiläufig, sehr ironisch der Mythos von der größten Nation auf Erden – bleibt aber natürlich durch Plattform-Macht weiterhin intakt. Bert Rebhandl „Andor“, Staffel 2, Folge 3, Disney+ „Star Wars“ war lang eine Saga ohne Sex, aber mit Gewalt. Amerikanisch, was die Grenzen des Darstellbaren angeht, jedenfalls in populären Produkten wie dieser sich immer weiter verzweigenden Geschichte um Machtkämpfe in einer Galaxie, weit entfernt, vor langer Zeit. Das äußerste Ende der Verzweigung scheint mit „Andor“ erreicht, erzählerisch, ästhetisch, politisch: Die erste Staffel handelte vom Rebell Andor (Diego Luna), der nichts von Jedi-Ritter hat, aber viel – das zeigte die zweite – von einem Agenten der russischen Revolution. In dieser Analogie gehören seine Feinde Syril Karn (Kyle Soller) und Dedra Meero (Denise Gough) zur zaristischen Bürokratie. Dass die beiden ein Paar werden, finster und sexy, war eine spektakuläre Entwicklung der zweiten Staffel, dass Dedra die mommy issues ihres Freunds löst, indem sie dessen übergriffige Mutter Eedy (Kathryn Hunter) so eiskalt bedroht, wie sie es sonst nur mit Rebellen tun würde, lustig. Das Paar lädt Eedy zu sich in ihre Wohnung, zum Kennenlernen, als die Mutter wieder ihren Sohn attackiert und die neue Freundin sich die Mutter vorknöpft, legt sich Syril stumm nebenan aufs Bett. Das stand nicht im Skript, Kyle Soller hat es improvisiert, ein Meme geschaffen und die Galaxie ins Schlafzimmer erweitert. Tobias Rüther „Adolescence“, Folge 3, Netflix Es ist viel diskutiert worden über diese Szene. Weil die ganze Folge in einem Take gedreht wurde, im Zentrum ein damals 14-Jähriger, der seine erste Rolle spielte: Jamie, einen Mörder. Weil schon der Raum, das Licht, die Dramaturgie zum Hinschauen zwingen. Weil man Zeugin wird, wie zwei sehr gute Schauspieler, Erin Doherty und Owen Cooper, an einem sehr tiefen Abgrund tanzen. Aber vor allem deshalb: Die dritte Folge von „Adolescence“ berührt etwas in einem Jahr, das mit Vorwürfen gegen Gérard Depardieu begann und mit einer Dokumentation über den inzwischen verurteilten Sean Combs endete, die den Namen „The Reckoning“ trägt. Wenn Jamie auf den Tisch schlägt, den Becher mit der heißen Schokolade vom Tisch fegt, „look at me now“, schreit, steht da für einen Moment nicht das Böse vom Ende der Straße, wie manche meinten, da steht unser ganz persönliches Riesenproblem in Kindergestalt, von einer Wut übermannt, so groß und gewalttätig, dass sie niemand begreifen kann. Der Schreck ist zweigeteilt. Er besteht aus dem Entsetzen über Jamies Tat und über die eigene Rührung. Die Person, die dabei hilft, nicht zu vergessen, was dieser Junge getan hat, ist die Frau, in deren Blick plötzlich alles flackert, inklusive ihrer Vorstellung davon, was sie über Jamie zu wissen glaubte: die Psychologin. Ihr dumpfer Herzschlag, während Jamie erzählt, was er getan hätte – wenn. In diesem Jahr haben wir gelernt, weniger nach dem Wenn, mehr nach dem Wann zu fragen. Elena Witzeck „Tatort: Dunkelheit“ Es wird geweint, und es wird umarmt im jüngsten „Tatort“. Das ist überraschend, denn Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanović), das neue Team aus Frankfurt, sitzen meist allein im Keller und bearbeiten Cold Cases, also Altfälle. Sie wälzen Akten, um Mörder auch nach zehn oder zwanzig Jahren noch zu stellen. Inhaltlich wird das teils abwegig, wenn es um bizarre Sektenkulte geht. Aber aus der Tiefe des Kellers kommt so viel Menschlichkeit. Am Ende der ersten Folge bringt Hamza dem Vater eines vor Jahren ermordeten Jungen dessen Torwarthandschuhe zurück. Aus der Asservatenkammer. Der Alte, bisher ein verhärmter Wutbürger, unkooperativ, einsam im kargen Plattenbau, staunt, dankt – und weint. Und der Kommissar nimmt ihn fest in den Arm. Das gehört nicht zur Dienstpflicht. Aber so etwas tun Männer heute, sie wollen Wärme spenden, oft ohne zu wissen, wie das geht. Das alles sieht man in den Augen des Ermittlers. So echt war „Tatort“ lange nicht. Thomas Lindemann „Slow Horses“, Staffel 5, Folge 4, Apple TV Im Verhörverlies des britischen MI5: Der arrogante und sozial inkompatible Roddy Ho (Christopher Chung), Tech-Spezialist beim MI5, der sich selbst als Sex-Gott feiert, hat sich mit der schönen Tara eingelassen, wodurch die falsche Seite hochsensible Daten bekommen hat. Ho hält aber daran fest, Tara liebe ihn und sei zu allem anderen bloß gezwungen worden. Agentin Flyte (Ruth Bradley) übernimmt. Sie widerspricht Ho nicht, sondern erzählt, auch sie habe sich undercover einmal so wie Tara in jemanden verliebt, in den sie sich nicht hätte verlieben sollen, ihn dann aber dem MI5 übergeben. Da wird Ho weich; sie als Lockvogel, also, das könne er sich doch sehr gut vorstellen, sagt er. Draußen vor dem verspiegelten Fenster steht die Vize-Geheimdienstdirektorin Diana Taverner (Kristin Scott Thomas), die Hände auf dem Rücken verschränkt und hört konzentriert zu, während neben ihr Claude Whelan (James Callis), der, weil er die richtigen Golfpartner hat, anstelle von ihr die Nr. 1 beim MI5 wurde, immer zappeliger wird und schließlich aufgeregt fragt: „Ist Flyd das wirklich passiert?“ Taverner wendet nicht einmal den Blick. Die Kamera zeigt ihren Rücken, dann ihr Profil. Ihre Augenlider flattern, sie öffnet den Mund, atmet aber nur einmal tief ein und wieder aus. Es ist eine stille Geste der genervten Resignation, die über die naive Frage hinausweist. In ihr liegen die Müdigkeit und der ganze Frust, sich nach Jahren des Bemühens um Gleichberechtigung noch immer mit Männern wie Claude und Ho herumschlagen zu müssen, deren soziale oder fachliche Inkompetenz offensichtlich ist, die aber dennoch vor Selbstüberschätzung strotzen, was regelmäßig zu einem Haufen Scherben führt. Und wer kehrt ihn dann zusammen? Karen Krüger