Ich bekomme einen Preis, aber viel wichtiger ist, was in meiner Heimat gerade geschieht. Das Kino muss an der Seite der Protestierenden stehen. Ich fühle mich geehrt, diesen Preis des National Board of Review entgegenzunehmen, und möchte allen meinen Dank aussprechen, doch diese Worte kann ich leider nicht mit Leichtigkeit über die Lippen bringen. Weil zur selben Zeit die Regierung in Iran das Feuer auf Demonstrierende richtet und ein brutales Massaker auf den Straßen stattfinden lässt. Die Islamische Republik hat ein Blutbad angerichtet Vielleicht ist es die Pflicht des Kinos, die Zuschauer zum Lachen und zum Weinen zu bringen, sie zu erschrecken und sie in Sicherheit zu wiegen, sie sich verlieben zu lassen und ihnen die Liebe zu entziehen, sie zu belehren und zum Denken anzuregen. Doch heute findet die wahre Szenerie nicht auf der Kinoleinwand statt, sondern auf den Straßen Irans. Die Islamische Republik hat, um ihrem Sturz zu entgehen, ein Blutbad angerichtet. Leiber werden aufeinander getürmt, und jene, die überleben, suchen zwischen Bergen von Leichen nach einem Zeichen ihrer Liebsten. Das ist keine Metapher mehr. Das ist keine Geschichte. Das ist kein Film. Es ist eine Wirklichkeit, die jeden Tag und jede Nacht mit Kugeln geschrieben wird. Ich sehe es nunmehr als meine Pflicht an, diesen Preis zum Anlass zu nehmen, alle Filmschaffenden und Künstler der Welt zu erbitten: Schweigt nicht. Erhebt jede Stimme, die ihr habt, nutzt jede Bühne, die euch zur Verfügung steht. Fordert eure Regierungen auf, vor dieser humanitären Katastrophe nicht die Augen zu verschließen. Lasst nicht zu, dass das Blut im Dunkel des Vergessens trocknet. Heute kann das Kino an der Seite von wehrlosen Menschen stehen. Daher: Steht auf! Aus dem Persischen von Mariam Schaghaghi Der iranische Filmregisseur Jafar Panahi, dessen Film „Ein einfacher Unfall“ gerade in den deutschen Kinos läuft, hielt diese Rede am Dienstag in New York als Dank für die Auszeichnung seines Films durch das National Board of Reviews.
