FAZ 16.02.2026
07:30 Uhr

Jacques Tilly: Er verteidigt die Narrenfreiheit gegen Putin


Weil die von ihm gestalteten Wagen beim Düsseldorfer Rosenmontagszug Russlands Präsidenten verspotten, ist Jacques Tilly in Moskau angeklagt. Einschüchtern lässt er sich davon nicht.

Jacques Tilly: Er verteidigt die Narrenfreiheit gegen Putin

Welche Karikaturen Jacques Tilly mit seinem Team im ehemaligen Straßenbahndepot im Düsseldorfer Stadtteil Bilk aus Flechtdraht, Dachlatten und Pappmaché gebaut hat, bleibt bis kurz vor Beginn des Rosenmontagsumzugs geheim. Das ist schon lange so Tradition in Düsseldorf. Es hat nichts mit dem kafkaesken Prozess zu tun, den Wladimir Putins Justizapparat gegen den Künstler angestrengt hat. Die Moskauer Ankläger werfen Tilly vor, „aus eigennützigen Motiven und politischem Hass Falschnachrichten“ über die russische Armee verbreitet zu haben. Der Tatbestand war kurz nach Putins Befehl zum Überfall auf die Ukraine eingeführt worden und hat schon zahlreiche Russen ins Straflager gebracht. Eine neue Qualität ist, dass die russische Justiz nun auch gegen einen Deutschen vorgeht, der in Deutschland Putin karikiert. Der 1963 in Düsseldorf geborene Tilly wollte eigentlich Journalist werden, war sich aber unsicher, ob seine Schreibbegabung ausreicht. Im Zeichnen und Karikieren dagegen fühlte er sich von früh an sattelfest. Als ihn ein Freund 1983 darauf aufmerksam machte, dass in der Wagenbauhalle noch Leute gesucht werden, erkannte Tilly seine Chance. Düsseldorfs hat besondere Motivwagen Der damals noch nicht einmal Zwanzigjährige überzeugte direkt mit seinen Ideen und durfte einen eigenen Wagen zum neu gewählten Kanzler Helmut Kohl (CDU) bauen. Tilly hatte seine Berufung gefunden. Sein Kommunikationsdesign-Studium in Essen musste nebenherlaufen. Denn kaum ist Karneval vorbei, beginnen schon die Vorbereitungen für die nächste Session. Während die Rosenmontagsumzüge in Köln und Mainz sich zumeist in biederer Obrigkeitsschelte verlieren, ist der „Zoch“ in Düsseldorf dank Tillys Motivwagen bunt, boshaft-satirisch, politisch – und mittlerweile international bekannt. Einige Leute hat Tilly schon gegen sich aufgebracht. Auch aus dem Ausland gab es schon Protest. Aber erst das Putin-Regime kam auf die Idee, den Karnevalskünstler vor Gericht zu zerren. Dass Putin ein gefährlicher Despot ist, erkannte der Bildhauer-Narr früher als andere. Schon vor 17 Jahren – es war noch gar nicht lange her, dass ein deutscher Kanzler Putin als „lupenreinen Demokraten“ gewürdigt hatte – ließ Tilly seinen ersten Pappmaché-Putin durch Düsseldorf rollen. Nach Russlands Großinvasion in die Ukraine zeigte er Putin, der sich eine Ukraine-Karte in den Mund stopft, auf der „Erstick dran!!!“ stand. Dass Tilly an diesem Montag auf „sein“ Moskauer Verfahren reagiert, ist wahrscheinlich. Angst habe er keine, sagt der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder. Von einem Unrechtsstaat zum Staatsfeind erklärt zu werden, sei zwar nicht unbedingt ein Vergnügen, doch habe die Sache zwei Seiten. Sie sei auch „amüsant, weil man sieht, dass Satire eben doch wirkt und wehtut“.