Es war eine fesche Geburtstagsfeier, die sich die linke Tageszeitung „La Repubblica“ in der vergangenen Woche über Tage hinweg selbst ausgerichtet hat. Anlass war der fünfzigste Jahrestag der ersten Ausgabe des Blattes vom 14. Januar 1976. Auf reich bebilderten Sonderseiten rief die in Rom redigierte Zeitung publizistische Höhepunkte ihrer Geschichte in Erinnerung. Es gab die üblichen Gratulationen aus Politik und Gesellschaft. Auch Leo XIV. schickte Glückwünsche, schließlich werde die Zeitung „im Bistum des Papstes“ herausgegeben, hieß es in dem Schreiben Leos an Chefredakteur Mario Orfeo. Auch der Papst schickt Glückwünsche Zum offiziellen Geburtstagsempfang samt Ausstellung im Kulturzentrum Testaccio – untergebracht im ehemaligen Schlachthof Roms – kamen Staatspräsident Sergio Mattarella und Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri. Begrüßt wurden die Politiker unter anderen von John Elkann, dem 49 Jahre alten Spross der Turiner Unternehmerdynastie Agnelli und Lieblingsenkel des legendären Fiat-Chefs Gianni Agnelli. Elkann steht dem Aufsichtsrat des italienisch-französischen Autobauers Stellantis sowie des Sportwagenherstellers Ferrari vor. Zudem ist er geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Investmentgesellschaft Exor, in der die Familienholding der Agnelli-Erben ihre diversen Beteiligungen bündelt. Zu diesen Beteiligungen gehört das Medienunternehmen GEDI, das neben Werbeagenturen und Webportalen, Radiosendern und einem TV-Musikkanal diverse Zeitschriften und Zeitungen umfasst, unter ihnen die überregionalen Blätter „La Repubblica“ und „La Stampa“ aus Turin (gegründet 1867, seit 1924 im Besitz der Agnellis). Elkann will sich von zahlreichen Geschäftsfeldern unter dem GEDI-Dach trennen. Vor allem die Medienbeteiligungen machen ihm keine Freude (mehr), sondern Verluste von zuletzt 45 Millionen Euro jährlich. Seit der Eingliederung der „Repubblica“ im Jahr 2019 sollen sich in der GEDI-Gruppe 350 bis 500 Millionen Euro Verluste aufgetürmt haben. Einzig drei populäre Radiosender konnten zuletzt den Umsatz steigern. Die meisten Zeitungen der Gruppe – namentlich die überregionalen – sind notorische Verlustbringer. Die sinkenden Auflagen und Werbeeinnahmen der gedruckten Produkte können durch den Verkauf digitaler Angebote nicht kompensiert werden – es ist die übliche Aporie des Zeitungs- und Zeitschriftengeschäfts fast überall auf der Welt. Die Ironie, dass die Ausstellung über die „Repubblica“ den Titel „Eine Geschichte der Zukunft“ trug und in einem ehemaligen Schlachthof zu sehen war, dürfte den am Rande der Vernissage gegen Elkanns Verkaufspläne protestierenden Redakteuren und Verlagsleuten nicht entgangen sein: Sie werfen dem Exor- und GEDI-Chef vor, er führe „Repubblica“ und „Stampa“ zur Schlachtbank und mache die Blätter zur Geschichte, ohne Zukunft. Die Geschichte von „La Repubblica“ ist größer als ihre Gegenwart Unstrittig ist, dass die Historie der „Repubblica“ größer ist als ihre Gegenwart und wohl auch ihre Zukunft. Gegründet wurde das Blatt von der Journalistenlegende Eugenio Scalfari (1924 bis 2022). Der hatte seine Karriere als glühender Faschist begonnen und beschloss sie als Salon-Linker, der im biblischen Alter vom greisen Papst Franziskus zum Plaudern über die Weltläufte empfangen wurde und das Hintergrundgespräch sogleich als (unautorisiertes) Interview verwurstete. Scalfari erstrebte und erlangte für sein Blatt die Meinungsführerschaft der Linken nach dem Ende der Kommunistischen Partei Italiens von 1991. Ihre beste Zeit – mit Auflagen von bis zu 700.000 Exemplaren täglich – erreichte die „Repubblica“ im epochalen Kampf gegen ihren „Lieblingsfeind“ Silvio Berlusconi. Der um 2010 einsetzende Bedeutungsverlust des Blattes ging einher mit dem Schrumpfen der Auflage auf heute rund 120.000 Exemplare, davon etwa ein Drittel digitale. Die Redaktion bleibt aber bis heute vom politbiographischen und journalistischen Habitus des Gründervaters Scalafri geprägt: Es gilt, den Faschismus desto heftiger zu bekämpfen, je weiter er in der Vergangenheit versinkt und je unwahrscheinlicher seine Wiederkehr in der Gegenwart ist. Die Entwicklung der „Stampa“, ein Blatt klassisch liberaler Ausrichtung in Wirtschaft und Politik, ist nicht besser verlaufen als jene der „Repubblica“ und zahlreicher anderer Blätter. Eher im Gegenteil: Die Verluste im Printgeschäft gleicht das anlaufende Digitalgeschäft bei der „Stampa“ noch weniger aus. Das Blatt hat heute eine Auflage von noch etwa 95.000 Exemplaren, davon sind knapp 11.000 digitale Verkäufe. In Redaktion und Verlag der „Repubblica“ wie der „Stampa“ gab es Streiks, seit die Verkaufsabsichten Elkanns schon vor Monaten bekannt wurden. Wie andere überregionale Blätter Italiens auch, namentlich die mit knapp 190.000 Exemplaren auflagenstärkste Zeitung „Corriere della Sera“ aus Mailand, leisten sich die „Repubblica“ und die „Stampa“ aber bis heute eine erstaunlich umfassende Auslandsberichterstattung. Die Antenna-Gruppe und der saudische Staatsfonds Italienische Medien berichten dieser Tage, dass der Verkauf der „Repubblica“ an das griechische Medienkonsortium Antenna Group unmittelbar bevorstehe. Die Gruppe wird seit dem Tod des Unternehmensgründers Minos Kyriakou 2017, der zunächst als Reeder und Rüstungsunternehmer reüssiert hatte, von dessen ältestem Sohn Thodoris Kyriakou, Jahrgang 1974, geführt. Etwa 30 Prozent der Anteile an Antenna hält seit 2022 die MBC Group aus Riad, die ihrerseits vom saudischen Staatsfonds PIF kontrolliert wird. Ob der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman, der bei der Verwendung von Mitteln aus dem Fonds schalten und walten kann, etwas mit der geplanten Übernahme der „Repubblica“ durch die griechische Antenna Group zu tun hat, ist in Italien Gegenstand wilder Spekulationen. Möglich ist auch, dass es dem griechischen Unternehmen, das über internationale Expertise im Fernseh- und Radiogeschäft verfügt, vor allem um die Radiosender von GEDI geht und die „Repubblica“ gewissermaßen nur als Kollateralnutzen in Besitz nähme. Bei der „Stampa“, die Elkann ursprünglich im Paket mit der „Repubblica“ verkaufen wollte, scheinen die Verkaufsgespräche noch nicht so weit fortgeschritten. Die Antenna Group hat frühzeitig zu erkennen gegeben, dass sie an der „Stampa“ kein Interesse hat. Für das Turiner Blatt soll das norditalienische Konsortium Nord Est Multimedia (NEM) jüngst ein Verkaufsangebot unterbreitet haben. NEM hatte schon 2023 mehrere nordostitalienische Lokal- und Regionalblätter von GEDI übernommen. Das war nur vier Jahre nachdem Elkann und GEDI ihr Portfolio an regionalen Zeitungen um die „Repubblica“ als nationales Flaggschiff erweitert hatten. Seinerzeit hatte sich Elkann, nunmehr Herr über die beiden wichtigsten links-liberalen überregionalen Blätter des Landes, überzeugt gezeigt, „dass Qualitätsjournalismus eine glänzende Zukunft hat, solange er Autorität, Professionalität und Unabhängigkeit mit den Anforderungen seiner Leser verbinden kann“. Diese Überzeugung hat nicht lange gehalten. Sie ist an den ökonomischen Realitäten des überregionalen Printjournalismus im digitalen Zeitalter zerschellt.
