In Italien heizt ein zweiter Fall einer „Waldfamilie“, deren Kinder gewaltsam von staatlichen Institutionen in Obhut genommen wurden, die Debatte über das Recht von Eltern auf die eigenständige Erziehung ihrer Kinder an. Am Vormittag des 16. Oktober wurden die vier und neun Jahre alten Söhne eines italienisch-belarussischen Elternpaars von rund einem Dutzend Carabinieri und Beamten des Jugendamts aus dem Haus der Familie nahe dem Ort Caprese Michelangelo im Nordosten der Toskana abgeholt. Wie auf Aufnahmen der Überwachungskamera des Hauses der Familie zu sehen ist, tragen die verzweifelt schreienden Kinder noch ihre Schlafanzüge, als sie von den Beamten fortgeschafft werden. Der Vater der Kinder, ein aus Südtirol stammender Elektroniker, hat gegenüber italienischen Medien wiederholt beklagt, dass er und seine Frau seit nun anderthalb Monaten keinen Kontakt zu ihren Kindern hätten und nicht einmal wüssten, wo diese untergebracht seien. Die Familie lehnt es ab, sich von einem Anwalt vertreten zu lassen, und bezeichnet den Beschluss des Jugendgerichts von Florenz als rundweg illegal. In der Verfügung des Jugendgerichts wird die Inobhutnahme der Kinder mit Unregelmäßigkeiten beim Heimunterricht der Kinder durch die Eltern sowie mangelnder Zusammenarbeit mit den Sozialdiensten bei vorgeschriebenen Gesundheitskontrollen begründet. Die Eltern sind Impfgegner und Anhänger einer Bewegung, die sich dem Zugriff behördlicher Kontrolle zu entziehen sucht und die Autorität des Staates anzweifelt. Kinder waren weder verwahrlost, noch wurden sie misshandelt Anders als die australisch-britische „Waldfamilie“ aus Palmoli in den Abruzzen, deren drei Kinder am 20. November vom Jugendamt in Chieti in Obhut genommen wurden, lebte die seit Mitte Oktober auseinandergerissene Familie in der Toskana nicht in prekären Verhältnissen ohne moderne sanitäre Einrichtungen, sondern in einem vollständig renovierten Bauernhaus mit hohem Komfort. Die Eltern der Jungen bezeichnen das Vorgehen der Behörden als unverhältnismäßig und beklagen, dass sie kaum mehr Schlaf fänden, seit man ihnen ihre Kinder weggenommen habe. Die Fälle der beiden Familien haben eine breite Debatte darüber ausgelöst, wann die Behörden zum Wohle der Kinder diese gewaltsam von ihren Eltern trennen dürfen. Die unter staatliche Obhut genommenen Kinder waren erkennbar nicht verwahrlost, sie waren weder misshandelt noch gar missbraucht worden, sondern sie wurden von ihren offenbar liebenden Eltern in einer Weise erzogen, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprach. Die Bürgermeisterin von Caprese Michelangelo, Marida Brogialdi, äußerte ihr Bedauern über die Eskalation des Konflikts zwischen den Behörden der Region Toskana und der Familie in ihrer Gemeinde. „Ich bin traurig über das, was geschehen ist. Ich habe nur hinnehmen können, was sich entwickelt hat“, sagte sie. Die Maßnahme sei vom Jugendgericht in Florenz angeordnet und von den Carabinieri sowie den regionalen Sozialdiensten durchgesetzt worden. Die Bürgermeisterin sagte, es sei unter zugezogenen, zumal ausländischen Familien in ihrer Gemeinde weit verbreitet, dass die Eltern in abgelegenen Höfen im Wald ihre Kinder selbst unterrichten, statt sie in die öffentlichen Schulen zu schicken.
