Mit starken Quartalsergebnissen nimmt der Chef des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo, Roberto Cingolani, Abschied von seinem Unternehmen. Nach drei Jahren an der Spitze des Konzerns hat die italienische Regierung entschieden, den Vorstandsvorsitz dem Manager Lorenzo Mariani zu übergeben. Dieser hat zuvor schon bei Leonardo in Führungspositionen gearbeitet und war zuletzt beim europäischen Raketenhersteller MBDA tätig. Im Gespräch mit Journalisten deutete Cingolani am Mittwoch an, dass ihm die Vertragsverlängerung verweigert wurde, weil er „zu viel europäischen Geist“ gezeigt habe. Umstritten war etwa sein Vorstoß, eine italienische Sicherheitskuppel namens Michelangelo durch die Vernetzung von verschiedenen europäischen Verteidigungssystemen zu schaffen. Das soll in amerikanischen Sicherheitskreisen auf Widerstand gestoßen sein, hieß es in Medienberichten, auf die Cingolani verwies. „Auf eine bestimmte Art könnte diese Technologie ein Stück weit als Konkurrenz gesehen werden. Auf der anderen Seite ist Wettbewerb für die Staaten als Kunden ja segensreich.“ Ein Dome soll Italien und Europa schützen Der „Michelangelo-Dome“ ist ausdrücklich als offene Sicherheitsarchitektur geplant, in die andere europäische Nationen ihre Land-, Luft- und Weltraumsysteme einbringen können. Erstmals soll der Dome im November in der Ukraine auf einem geographisch begrenztem Raum zum Einsatz kommen, berichtete Cingolani. Die italienische Regierung hat sich nicht zu ihren Motiven für den Stabwechsel geäußert. Informell heißt es, Cingolani sei der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zu unabhängig geworden. Der Manager kritisierte nun die übliche Amtsperiode von drei Jahren an der Spitze von Leonardo; das sei zu wenig, um ein Unternehmen nachhaltig zu prägen, fünf Jahre wären besser. Er gestand dem Staat das Recht auf Einflussnahme zu. „Ich verstehe, dass der Staat bei einem so heiklen Thema wie der Verteidigung eine Aufsichtsrolle haben muss.“ Doch er unterstrich auch die Bedeutung der Beständigkeit. „Wenn ein Manager gute Ergebnisse bringt, ist Kontinuität wichtig für ein Unternehmen.“ Solche guten Ergebnisse nimmt er für sich in Anspruch: In seiner Amtszeit stieg der Börsenwert um mehr als das Sechsfache auf 34 Milliarden Euro, der Zufluss flüssiger Mittel überschritt erstmals die Grenze von einer Milliarde Euro im Jahr. Und die Belegschaft wuchs um rund 20.000 Personen auf einen Mitarbeiterstamm von 65.000 Beschäftigten, darunter viele Frauen und viele junge Menschen. Auch die Digitalisierung habe er intern erfolgreich vorangetrieben, betonte der Italiener. Viel Zusammenarbeit mit deutschen und europäischen Partnern Unter Cingolani hat sich die Angebotspalette von Leonardo deutlich verbreitert. Er sieht Sicherheit nicht nur als militärisches Konzept, sondern weitet es aus auf den Schutz von Infrastruktur wie Energieanlagen, auf die Abwehr von Cyberattacken und die Sicherung der Lebensmittelversorgung. Allianzen innerhalb Europas waren ihm dabei eine Herzensangelegenheit. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit Rheinmetall, mit KNDS, zudem mit Airbus und Thales für das geplante Satelliten-Gemeinschaftsunternehmen mit dem Arbeitstitel Bromo sowie die Kooperation mit dem türkischen Drohnenhersteller Baykar. Bei der sechsten Generation der Kampfflugzeugsysteme arbeitet Leonardo mit British Aerospace und mit Mitsubishi aus Japan zusammen. Cingolani erwartet, dass sein Nachfolger Mariani die grenzüberschreitenden Kooperationen fortführen werde, darunter auch den Michelangelo-Dome. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg der Auftragsbestand gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 23 Prozent auf 57 Milliarden Euro, vor allem weil das zugekaufte Verteidigungsgeschäft von Iveco integriert wurde. Der Umsatz stieg um sieben Prozent auf 4,4 Milliarden Euro, der Nettogewinn um 60 Prozent auf 184 Millionen Euro. Die Leonardo-Aktie legte am Mittwoch an der Mailänder Börse zeitweise um rund vier Prozent zu. Die Quartalsergebnisse sieht Cingolani als gelungenen Schlusspunkt für seine Zeit bei Leonardo. Im Alter von 64 Jahren hat er eine abwechslungsreiche Karriere hinter sich. Er arbeitete eine Weile beim Stuttgarter Max-Planck-Institut, hat einen Titel als Physikprofessor und war Energie- und Umweltminister unter Mario Draghi. Jetzt will er eine Auszeit nehmen und mit dem Motorrad durch Europa touren.
