FAZ 24.12.2025
13:52 Uhr

Israels Hamas-Geiseln: Fußball als Treibstoff des Überlebenswillens


Als die überlebenden israelischen Geiseln endlich aus den Tunneln der Hamas freikommen, wird deutlich, wie wichtig die Liebe zu ihren Fußballvereinen war. Ihre Geschichten sind eindrücklich.

Israels Hamas-Geiseln: Fußball als Treibstoff des Überlebenswillens

Der israelische Fußball definiert sich oft, vielleicht zu oft, über seine intensiven Rivalitäten und die häufig turbulente Fankultur. In der langen Zeit, die Geiseln in Gefangenschaft der Hamas in den Tunneln des Gazastreifens verbringen mussten, wurde die Identität als Fußballfan allerdings zu einem gemeinsamen Band. Die Geschichten derjenigen, die in diesem Herbst nach Hause zurückkehren konnten, häufig traumatisiert, offenbaren manches Mal einen roten Faden: Die Verbundenheit zu einem Verein war zu mehr als einer Leidenschaft geworden, sie diente als Anker für den eigenen Verstand, als Ausdruck der eigenen Widerstandskraft, als Pfad zurück in das Leben, das ihnen geraubt worden war. Die Identität als Fußballfan wurde zum Überlebenswerkzeug, zum kulturellen Artefakt und zur verbindenden Kraft aus den Tunneln hinaus, über Kontinente hinweg. Die jeweiligen Vereinsfarben wurden auch zu Farben der Hoffnung. In den Geschichten der Überlebenden spiegeln sich Erinnerungen an Erlebnisse im Stadion als Ausdruck des eigenen Durchhaltewillens. Es geht nicht um allgemeine Gefühle, sondern um konkrete Erinnerungen als spezifische Akte der Selbstbehauptung. Im Widerstand gegen die psychologische Kriegsführung der Hamas wurde die Fähigkeit, ein Tor, einen Gesang, ein Erlebnis zu rekonstruieren zu einem Fluchtpunkt in der Dunkelheit. „Nach 458 Tagen musste ich das tun“ Yair Horn, leidenschaftlicher Fan von Hapoel Beerscheva, war am 7. Oktober 2023 im Kibbutz Nir Oz als Geisel gefangen genommen worden. Als er 458 Tage später freigelassen wurde, war seine erste Handlung als freier Mann die Rückeroberung seiner Identität als Fußballfan. Er bat den Piloten des Hubschraubers, der ihn in ein Krankenhaus in Tel Aviv bringen sollte, um eine Kursänderung: Der Pilot möge das Turner-Stadion von Beerscheva überfliegen. „Nach 458 Tagen musste ich das tun, es war das einzig Richtige. Eine andere Möglichkeit gab es gar nicht, als von oben darauf zu schauen.“ Es war Ausdruck der eigenen Freiheit. Hapoels Rot stand für das Leben, das die Hamas ihm hatte nehmen wollen. Mit Sagui Dekel Chen hatte Horn in den Monaten ihrer Gefangenschaft häufig über Stadionerlebnisse gesprochen. Über die Mannschaft, einzelne Spiele, die Stimmung im Turner-Stadion, Graffitis in der Umgebung. Sagui sagte später, diese Dialoge hätten ihm das Leben gerettet. Alona Berkat, Hapoels Eigentümerin, sagte: „Sie haben ihn mit Hapoel Beerscheva bekannt gemacht. Man sieht, wie viel Raum eine Fußballmannschaft in einem Leben einnehmen kann. Unglaublich.“ Die gemeinsamen Gespräche wurden zu einem Fluchtpunkt im Angesicht täglicher Misshandlung, Hunger und Angst. Aus kollektiver Leidenschaft wurde individueller Schutz. Ori Levy, Fan von Hapoel Tel Aviv und 491 Tage in Gefangenschaft der Hamas, sprach nach seiner Freilassung ebenfalls davon, wie der Sport ihm in Gefangenschaft geholfen hatte. „Mit den Freunden, mit denen ich gefangen war, haben wir uns Sporträtsel gestellt, aber auch in einsamen Momenten hat das geholfen.“ Als er, zurück in Freiheit, auf die Tabelle der ersten israelischen Liga schaute, fand er seinen Verein nicht mehr. „Ich verstand nicht, wo Hapoel geblieben war. So wurde mir klar, dass sie abgestiegen sind.“ Und so wurde Levy klar, was er verpasst hatte, dass sich die Welt weitergedreht hatte, dass er ab jetzt wieder Teil davon sein würde. „Es geht ja nicht um die Spielklasse, es geht um die eigene Identität und die Verbundenheit.“ „In Rot gehe ich hier nicht raus“ Die Loyalität zum eigenen Verein wurde sogar zum Ausdruck des gewaltfreien Widerstands, zum Ausdruck der individuellen Autonomie für Emily Damari, Anhängerin von Maccabi Tel Aviv. Ihr gaben die Hamas-Kämpfer vor der Freilassung ein Sweatshirt in Rot, der Farbe des Lokalrivalen Hapoel. „Der Hoodie war rot. Also habe ich ihm gesagt: Moment mal, das ziehe ich nicht an“, erzählte sie anschließend. „In Rot gehe ich hier nicht raus.“ Es war ein Akt der Selbstbestimmung, des Identitätsschutzes, den sie auch vor den Terroristen aufrechterhielt. Später dankte sie auch den Fans ihres englischen Lieblingsklubs Tottenham Hotspur für deren „unerschütterliche Unterstützung“. Auch die Zwillinge Gali und Ziv Berman sind Fans von Maccabi Tel Aviv, auch sie baten um einen Hubschrauberflug über das Stadion ihres Vereins. Sie bedankten sich in einer Videobotschaft bei den Maccabi-Fans: „Wir wollen uns bedanken für alles, was ihr in den letzten zwei Jahren für unsere Freilassung getan habt. Wir können es nicht erwarten, wieder ins Bloomfield-Stadion zu kommen. Gebt bis dahin alles, macht Lärm. Yalla Maccabi!“ Die Aufforderung, „Lärm“ zu machen, wurde zum Ausdruck ihrer Geräuschkulisse der Freiheit. Was Fußball als lebenserhaltende Kraft in den Hamas-Tunneln bedeuten konnte, hatte Matan Angrest auf den Punkt gebracht. Überlebende Gefangene berichteten nach ihrer Freilassung, der Fan von Maccabi Haifa habe ihnen Liedgut der Fans seines Lieblingsklubs beigebracht – und sich selbst dadurch den Verstand gewahrt: „Haifa hält Matan am Leben.“ Es war geistige Nahrung, ein Treibstoff für den Überlebenswillen. Nach seiner eigenen Freilassung meldete sich Angrest von der Videowand im Sami-Ofer-Stadion: „Danke, dass Ihr meinen Namen zwei Jahre lang genannt habt. Yalla Haifa!“ Seine Welt hatte ihn nicht vergessen, sein Name war durch das Stadion geklungen, während er in den Tunneln der Hamas gefangen war. Solidarität als Licht in der Dunkelheit Die Zuwendung, die permanente Erinnerung von Fußballfans an das Schicksal der Geiseln, erstreckte sich weit über die Grenzen Israels. Es waren gerade Klubs aus der deutschen Bundesliga, die mit moralischer Eindeutigkeit ein eindrückliches Beispiel dafür abgaben, was menschliche Solidarität im Sport bedeuten kann. Diese Solidarität war weder Zufall noch bloße Symbolik, es war ein Licht in der Dunkelheit. Fans von Borussia Dortmund, eines Vereins mit einer seit Langem gepflegten Beziehung zu Israel, trauerten öffentlich um BVB-Fan Neta Epstein und forderten regelmäßig die Freilassung der Gefangenen. Kinder aus vom Terror betroffenen israelischen Gemeinden wurden zu Spielen eingeladen, das Westfalenstadion wurde zu einem Ort der Erinnerung und des Widerstands. Fans von Werder Bremen erinnerten im Weserstadion an Hersh Goldberg-Polin, einen Fan von Hapoel Jerusalem. Als seine Leiche im August 2024 gefunden wurde, veröffentlichte der Verein einen bewegenden Nachruf auf den jungen Mann, der das Leben und den Fußball liebte. Bayern München lud Familienmitglieder von Geiseln in die Allianz-Arena ein und brachte so die „klare Botschaft gegen Terrorismus“ zum Ausdruck. Es waren die deutschen Fans und Vereine, die eine internationale Brücke bauten und ihre emotionale Verbundenheit plakatierten. In ihrem kollektiven Einsatz kam in Zeiten global verbreiteter Uneindeutigkeit ein Sportsgeist der Moral zum Ausdruck. Für die Geiseln waren die Farben ihrer Klubs ein Lebenszeichen, zugleich Ausdruck ihres Selbst und ein Zielpunkt am Ende der Tunnel. Ein Versprechen auf ein besseres Leben. Hapoel Jerusalem, der Verein, dessen Fan Hersh Goldberg-Polin dieses Ende des Tunnels nicht erreichte, hat eine kleine, aber überaus treue Fangemeinschaft. Hersh Goldberg-Polin trug sein Einsatz gegen Rassismus durch das Leben und verband ihn mit seinem Verein. Seine Eltern Rachel und Jon, die zu Gesichtern des Einsatzes für die Geiseln wurden, sprachen häufig über die Rolle, die Hapoel Jerusalem spielte. Sie verstanden, was die Unterstützung durch die Bremer Fans und die Hapoels bedeutete: eine moralische Unterstützung der Menschlichkeit. „Hapoel Jerusalem ist mehr als ein Sportverein; Hapoel Jerusalem ist eine Gemeinschaft, die den Sport mit Werten und gesellschaftlichen Taten verknüpft“, sagte Jon Polin. In den dunkelsten Stunden der Menschheit ist eben das der nachhaltige Wert des Fußballs: Er ist ein Gesellschaftsvertrag, der geehrt wird, wenn alle anderen Systeme ausfallen.