Electro-Beats sind zu hören, man sieht die nachtblaue Frankfurter Skyline. Und den Schriftzug „Vegane Food Spots in Frankfurt“. Den ersten Tipp, den Tiktok-Nutzerin Jasmin in ihrer Liste aufzählt, nennt sie eine „absolute Herzensempfehlung“. Jasmin, die sich selbst als Tierrechtsaktivistin bezeichnet, preist das Restaurant „Dominion“ im Frankfurter Stadtteil Westend an. Dort gibt es Hummus, Schawarma, Falafel und Burger. Alles wird vegan zubereitet. Für Zoe Rosenfeld und Bruno Albrecht, die Betreiber des Restaurants, wäre der Tiktok-Tipp eigentlich ein Grund zur Freude. Wären da nicht die Kommentare unter dem Beitrag. „Dominion ist ein israelisches Restaurant“, steht dort. Dahinter: ein Kotz-Emoji. „Dominion Food Revolution is pro-Israel“, schreibt ein anderer. Oder: „Pro-Israel zu sein, unterstützt den Völkermord.“ Kommentare und Nachrichten wie diese sind für das „Dominion“-Team Alltag. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gazakrieg wird das Restaurantteam in den sozialen Netzwerken mit zahllosen Negativkommentaren konfrontiert. Der Grund dafür? Zoe Rosenfeld ist Jüdin, kam in Israel zur Welt. Das genügt vielen, um ihre Abneigung gegen das vegane Restaurant zu zeigen. „Boycott Dominion!“, schreiben sie. Oder: „Auf israelische Restaurants kann ich sehr gut verzichten. Die gestohlenen Gerichte esse ich lieber beim Original.“ Und: „Unmenschlich, daher boycott und free Palestine.“ Anrufe mit unterdrückter Nummer nehmen sie nicht mehr an Auch mit beleidigenden Telefonanrufen haben die „Dominion“-Betreiber zu kämpfen. Kürzlich gab es wieder einmal einen besonders bösartigen. „Kocht ihr mit Gas?“, wollte der Anrufer wissen. Die Betriebsleiterin, die den Anruf entgegengenommen hatte, war perplex, die Frage konnte sie erst einmal nicht einordnen. Dann wurde ihr klar: Die Frage war eine Anspielung auf den Holocaust, auf die millionenfache Ermordung von Juden mit dem Giftgas Zyklon B. Zoe Rosenfeld und Bruno Albrecht haben ihren Mitarbeitern deshalb geraten, bei Anrufen mit unterdrückter Nummer nicht mehr ans Telefon zu gehen. Zoe Rosenfeld, 23 Jahre alt, stammt aus einer Familie, die seit Langem in der Gastronomie aktiv ist. Geboren ist sie in der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort hat schon ihr Großvater ein Steak- und Fischrestaurant betrieben. Als er starb, hat ihr Vater Nir Rosenfeld es übernommen. In Tel Aviv verliebte er sich in eine Frau aus Frankfurt, die dort Urlaub machte. Eineinhalb Jahre war Zoe Rosenfeld alt, als ihre Eltern beschlossen, nach Deutschland zu ziehen. Der erste Betrieb, den sie dort übernahmen, war wieder ein Steakrestaurant. Schon bald eröffnete Nir Rosenfeld weitere Läden in Frankfurt, die Geschäfte liefen gut. Im Fernsehen sah er dann eine Dokumentation über den Zustand in Schlachthäusern – und änderte sein Leben radikal. Rosenfeld wurde Veganer. Er engagierte sich nun in der Tierrechtsbewegung, nahm an Demonstrationen gegen die Pelzindustrie teil. Und er stellte seine Restaurants um: Wo vorher Fleisch und Fisch serviert wurden, gab es jetzt Tofu, Seitan, Soja. Das „Dominion“, eher ein Imbiss als ein klassisches Restaurant, in dem Falafel und fleischfreier Kebab verkauft werden, eröffnete er 2021 gemeinsam mit seiner Tochter. Zoe Rosenfeld war damals 17 Jahre alt. Der 24 Jahre alte Bruno Albrecht ist ihr Freund. Die Gastronomie ist für ihn Neuland. Albrecht, der in Cottbus aufgewachsen ist, war mehrere Jahre Profi-Basketballer, hat für Mannschaften aus Chemnitz, Bonn, Köln und Hanau gespielt, zuletzt stand er bei den Skyliners Frankfurt unter Vertrag. Doch ein doppelter Bandscheibenvorfall beendete seine Karriere. „Ich dachte mir: Ich ziehe besser jetzt die Reißleine, bevor es zu spät ist.“ Zoe Rosenfeld versteckt ihre jüdische Identität Zoe Rosenfeld berichtet, dass sie ihre jüdische Identität schon lange verstecke – nicht erst seit dem 7. Oktober. Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, trägt sie keine Kette mit Davidstern um den Hals, spricht mit ihrer Großmutter nicht wie sonst Hebräisch. „Ich bin leise, weil ich es mich anders nicht traue“, sagt sie. Schon früh hat Rosenfeld bemerkt, dass manche Menschen Vorurteile gegenüber Juden oder Israelis haben. Sie berichtet von einem Vorfall, der sich abspielte, als sie 13 Jahre alt war. Sie fuhr in der U-Bahn, wurde von einer Gruppe Jugendlicher angesprochen. „Das war Smalltalk, einer wollte von mir wissen: Wo kommst du her?“, erinnert sie sich. Instinktiv habe sie damals gelogen. Sie sei Türkin, sagte sie zu dem Jungen. Auf ihren Satz entgegnete er: „Gott sei Dank, ich hatte schon befürchtet, du kommst aus Israel.“ Zoe Rosenfeld äußert sich nach eigenen Worten grundsätzlich nicht in der Öffentlichkeit zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, und sie bezieht in sozialen Netzwerken keine Stellung zum Gazakrieg. „Ich habe nichts mit der Netanjahu-Regierung zu tun, ich habe nichts mit dem Krieg zu tun, außer dass ich dort herkomme.“ Gerade deshalb, meint sie, könne hinter den Anfeindungen gegen ihre Person und ihr Restaurant nur eines stecken: Judenhass. Der Uber-Fahrer wirft Albrecht aus dem Wagen Bruno Albrecht sagt, dass er sich, bevor er und Zoe ein Paar wurden, nicht habe vorstellen können, wie stark deutsche Juden unter Druck stünden. Er hatte kein Gefühl für ihre Sorgen, ihre Angst, er wusste wenig über die Anfeindungen, denen sie ausgesetzt sind. Letztens aber hat er es sogar selbst erlebt. Albrecht war in Offenbach gewesen, hatte sich für den Rückweg nach Frankfut ein Uber-Taxi bestellt. Als Zieladresse hatte er eines der Restaurants der Rosenfelds angegeben. Nach etwa fünf Minuten hielt der Fahrer auf der Landstraße abrupt an. „Und dann sagte er zu mir: Steig aus, ich fahre dich nicht weiter. Du willst zu einem israelischen Restaurant, ich boykottiere das.“ Die Zahl der Gäste habe im „Dominion“ seit dem 7. Oktober kontinuierlich abgenommen, berichten Rosenfeld und Albrecht. Gerade jedoch sei es besonders heftig: Höchstens noch halb so viele Gäste wie vor dem Gazakrieg würden zurzeit kommen. In anderen Restaurants der Familie sieht es dagegen besser aus. Zoe Rosenfeld glaubt, dass das „Dominion“ vor allem wegen seiner Lage – in direkter Nähe zum Westend-Campus der Goethe-Universität – so besonders betroffen sei. „Gerade unter jungen Menschen und Studenten gibt es viele Palästina-Aktivisten.“ Ein Bekannter habe ihr von einer Whatsapp-Gruppe erzählt, in der explizit zum Boykott des Restaurants aufgerufen worden sei. „Da geht es wirklich darum, unsere Existenz zu gefährden.“ Und Bruno Albrecht hat sich die schlechten Google-Bewertungen für das „Dominion“ einmal genauer angeschaut. Er geht davon aus, dass viele, die das Restaurant dort mit nur einem Punkt und einem negativen Kommentar bewerten, noch nie bei ihnen zu Gast waren. „Da finde ich dann Leute, die bewerten zahlreiche Restaurants in Jordanien mit Topnoten. Und das einzige Restaurant, das sie schlechtmachen, ist unseres hier in Deutschland.“ Ein Einzelfall ist das „Dominion“ nicht, auch in anderen deutschen Städten sind jüdische und israelische Restaurants von Boykottaufrufen und Anfeindungen betroffen. In Freiburg etwa wurde das israelische Restaurant „Jaffa“ mit Eiern beworfen. Schon in den Monaten zuvor hatte der Betreiber Drohungen im Internet und per Telefon beklagt. Nach der Eierattacke nahm der Staatsschutz Ermittlungen auf. Plakate mit Hamas-Geiseln werden mit Bierflaschen beworfen In Berlin musste das koschere Restaurant „Bleibergs“ schließen, weil nach dem 7. Oktober die Gäste weggeblieben sind. Heftige Anfeindungen gab es in der Hauptstadt auch gegen „DoDa’s Deli“: Slogans wie „Fuck Israel“ und „Free Gaza“ wurden in die Holztische geritzt, Plakate mit den Gesichtern von Hamas-Geiseln mit Bierflaschen beworfen. Die Betreiber haben den Laden bald darauf geschlossen, heute arbeiten sie als Catering-Unternehmer. Seit vielen Jahren schon unter Druck steht Uwe Dziuballa, der in Chemnitz das koschere Restaurant „Schalom“ betreibt. Nach dem 7. Oktober wurde sein Lokal dauerhaft unter Polizeischutz gestellt. In einem Interview berichtete Dziuballa von einem Übergriff auf seine Frau. „Wir werden euch alle schlachten“, hatte eine Passantin ihr zugerufen. Weil der Vorfall auf einem Video dokumentiert wurde, brachte der Wirt ihn zur Anzeige. Vor allem ein Vorwurf wird gegen die Betreiber israelisch-jüdischer Restaurants immer wieder laut: Sie würden die arabische Küche bestehlen und als israelisch ausgeben, was man eigentlich palästinensisch, syrisch oder libanesisch nennen müsste. Auch in den Negativkommentaren zum „Dominion“ ist dieser Vorwurf oft zu finden. „Ich muss nicht nach Israel, um zu wissen, dass keines der Gerichte israelisch ist und sich hier einfach nur zwei Zionisten durch die arabische Küche bereichern wollen“, heißt es dann. Oder: „Da gehe ich lieber zum authentischen Araber anstatt bei euch Kulturdieben.“ Über den Ursprung von Hummus und Falafel wird heftig gestritten Der Kampf darum, ob einzelne Gerichte israelischen oder arabischen Ursprungs sind, wird schon seit Jahren geführt. Vor allem über die beliebte Kichererbsenpaste Hummus und über Falafelbällchen wird gestritten. Muslime gehen davon aus, dass es der islamische Herrscher Saladin war, der im zwölften Jahrhundert als Erster auf die Idee kam, eingeweichte Kichererbsen mit Sesampaste, Olivenöl und Salz zu einer Creme zu verarbeiten. Der libanesische Industriellenverband hat Israel deshalb sogar einmal des Diebstahls bezichtigt: Weil das Nachbarland den Hummusmarkt dominiere, fehlten dem Libanon Einnahmen in Millionenhöhe, hieß es. Zoe Rosenfeld denkt, dass dieser Streit nur deshalb immer wieder hochkocht, weil er um Israel kreist. „Bei keinem anderen Land sonst wäre das so heftig“, glaubt sie. „Eigentlich ist es doch superschön, wenn wir Gemeinsamkeiten haben und uns unsere Lieblingsgerichte teilen: Wir lieben Hummus, ihr liebt Hummus.“ Sie selbst spricht deshalb auch nicht von israelischer, sondern von levantinischer Küche. „Damit ist die Esskultur im gesamten östlichen Mittelmeerraum gemeint.“ „Dass Restaurants wegen der Politik angegriffen werden, das gibt es nur im Fall Israel“, sagt auch Bruno Albrecht. „Es würde doch auch niemand auf die Idee kommen, ein American Diner zu boykottieren, wenn Donald Trump mal wieder durchdreht.“ Auch von Boykotten gegen Dönerrestaurants wegen der autoritären Erdoğan-Regierung oder gegen China-Imbisse habe er noch nie gehört. Zu Recht, findet Albrecht. „Es geht ums Essen, nicht um Politik.“ Ein Foto mit Israel-Fahne ruft Kritik hervor Aber haben die intensiven Reaktionen gegenüber dem „Dominion“-Imbiss nicht auch etwas damit zu tun, dass Rosenfelds Vater sich häufig so klar positioniert? Sein Eintreten für einen veganen Lebensstil ist gewiss nicht jedermanns Sache. Mit seinem Foodtruck war er bei Kundgebungen gegen die AfD und Rechtsextremismus zu sehen. Und auch beim Israel-Tag in der Frankfurter Innenstadt hatte Nir Rosenfeld einen Stand und sammelte Spenden für die Opfer des Hamas-Terrors. „Das stimmt, mein Vater hält sich weniger zurück als ich“, sagt Zoe Rosenfeld. Einmal zum Beispiel habe er im Internet ein Foto von sich mit Israel-Fahne gepostet – und dafür viel Kritik eingesteckt. „Er hat darunter ganz klar geschrieben: Wir kämpfen für Frieden auf allen Seiten. Aber das liest natürlich keiner. Gesehen wird nur die Fahne, und dann ist die Aufregung groß.“ Zoe Rosenfeld sagt auch, man dürfe nicht unterschätzen, welche große Bedeutung der jüdische Staat für ihren Vater habe. Dessen Großvater habe als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust überlebt, erzählt sie. Gerettet hat ihn die Flucht ins Mandatsgebiet Palästina. 1948 wurde Israel dort gegründet. Sie selbst werde heute oft gefragt, ob sie „pro Israel“ oder „pro Palästina“ sei. Ihre Antwort darauf falle immer gleich aus, sagt Rosenfeld: „Ich bin pro Frieden.“
