Am Sonntagabend spielten Israel und Irland ihr Nations-League-Spiel in Debrecen vor leeren Rängen. Die Iren führten nach nicht einmal 25 Minuten 3:0, es war das Ergebnis, mit dem das Spiel endete. Soweit die Zahlen, die den Ausgang eines Spiels wiedergeben, das mit Sport nur wenig zu tun hatte und bei dem es, vor allem vor seinem Anpfiff, vor allem um politische Posen, ideologische Kriegführung und gegenseitiges Nichtverstehen ging. In Dublin galt das Spiel als schier untragbares moralisches Dilemma, in Tel Aviv als existentielle Schlacht um die nationale Ehre. Zwei Echokammern einer höchst ungelegenen Ansetzung, durch die sich die Spieler wie Statisten bewegten. Die israelische Delegation hatte den Ton lange vor dem Anpfiff gesetzt: künstliche Normalität, kalte taktische Disziplin, vorgegeben aus dem strategischen Hauptquartier eines Hotelzimmers in der ungarischen Provinz. Was Trainer Ran Ben Shimon und Kapitän Dor Peretz zu sagen hatten, klang choreographiert: Das Team sei allein auf die Leistung fokussiert, auf seine professionelle Pflicht. Kalkulierte, performative Unschuld Und doch barg die klinische Herangehensweise eine ganz eigene Form des Zynismus in sich: kalkulierte, performative Unschuld, die sich immer dann zeigt, wenn behauptet wird, internationaler Sport sei ein unpolitisches Vakuum. Die israelische Delegation hatte bei ihrer Pressekonferenz darauf bestanden, dass sich Fragen „streng auf den Fußball“ zu konzentrieren haben. Sie versuchte internationalen Reportern also vorzuschreiben, dass die Realität der Zerstörung Gazas, die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung und die Wucht der internationalen rechtlichen Bewertung des israelischen Vorgehens zu ignorieren ist. Nach der offiziellen israelischen Linie wird jede Bezugnahme auf Kriegsverbrechen, auf „Genozid“ gar reflexhaft als purer Antisemitismus, Arglist und boshafte Propaganda abgetan, um jeden Versuch einer moralischen Reflexion oder juristischen Debatte abzuwürgen. Dank dieser taktischen Naivität kann das israelische Establishment seinen Sportlern den Mantel des Opfers umhängen. Genuine internationale Empörung über das militärische Vorgehen wird in anlasslose Feindschaft gegenüber israelischen Sportsmännern umgedeutet. Die performative Unschuld auf der Bühne wurde in der Heimat von nationalistischer Mobilisierung begleitet. Den Ton setzte der populistische Kommentator Raz Zehavi mit einer vielgelesenen Kolumne im (Sport-)Kanal 5. Das Spiel sei „das wichtigste seit 56 Jahren“ - 1970 hatte sich Israel das erste und einzige Mal für eine Fußball-WM qualifiziert. Zehavi prangerte „irische Doppelmoral“ an, die Mannschaft der Iren sei „ein unsauberes, verfluchtes Team, das Israel hasst“. Das Spiel, behauptete Zehavi, sei Teil von „Israels Krieg“. Es wurde jedenfalls Teil der digitalen Offensive. Der rechtsextreme Aktivist Yoseph Haddad, Kandidat der „Amcha Yisrael“-Partei für die Knesset-Wahl, dem Hunderttausende folgen, postete vom Ben-Gurion-Flughafen auf dem Weg nach Ungarn, das Spiel sei Teil der „Hasbara“-Propaganda-Strategie zum Schutz israelischer Interessen. Moralische Anspannung und organisatorische Schwächen Die performative Unschuld der Israelis traf auf durch moralische Anspannung und organisatorische Schwächen gelähmte Iren. Am Samstag war es chaotisch geworden. Paul Cooke, Vorstandschef des irischen Fußballverbands FAI, berichtete von einer geheimen Abstimmung, die sein Verband unter etwa 30 Nationalspielern abgehalten habe: Spielen oder boykottieren? Die Mehrheit stimmte für Spielen, unter der Bedingung, dass es vor dem Match keine Handshakes geben würde, keinen Trikottausch und keine gemeinsamen Bilder. Die Mannschaft bestand auf schwarzen Armbändern und stimmte dafür, ihre Prämien in Gaza tätigen Menschenrechtsorganisationen zu spenden. Ersatztorhüter Gavin Bazunu erklärte seinen Verzicht auf das Match, die FAI nominierte den verletzten Verteidiger Jimmy Dunne als dritten Torhüter, um ihren protokollarischen Pflichten nachzukommen. Die Iren stellten ihre Entscheidung als das Ergebnis eines basisdemokratischen Prozesses unter den Spielern dar. Die Realität sah anders aus. Am Samstagsnachmittag hatte eine Absage gedroht. Pressekonferenzen wurden mehrfach verschoben, das Abschlusstraining der Iren war ausgefallen. „Gestern hatte ich nicht gedacht, dass das Spiel stattfinden würde“, sagte der irische Coach Heimir Hallgrimsson nach dem Schlusspfiff. Dass es zustande kam, lag auch an den Gesprächen, die Shino Zuaretz, der Präsident des israelischen Fußballverbands, Mitglied der Exekutive der Union der Europäischen Fußballverbände UEFA, mit der UEFA-Führung geführt hatte. Die UEFA setzte Cooke und der FAI schließlich ein Ultimatum. Dabei wurde den Iren verdeutlicht, welche Konsequenzen drohten, sollte ihre Mannschaft nicht antreten: Der mögliche Entzug der Europameisterschaft 2028, die die Iren mit dem Vereinigten Königreich austragen wollen, massive Geldbußen, ein möglicher längerer Ausschluss von europäischen Wettbewerben. „Ihr habt viel zu verlieren, macht nicht den Fehler, Israel zu boykottieren“, war die Warnung aus Nyon. Israelische Offizielle gaben anschließend zu, „großes Glück“ gehabt zu haben – ein irischer Boykott hätte einen Dominoeffekt nach sich ziehen können, ähnlich dem, der der schwedischen Weigerung 2022 folgte, gegen Russland zu spielen. Derweil machten Spielerberater ihren Mandanten deutlich, welche Folgen der Boykott eines offiziellen Spiels der UEFA für die Karrieren eines einzelnen Spielers bedeuten könnten. „Sie haben dumme Dinge während des Spiels gesagt“ Auf dem Platz erlebte das israelische Team einen peinlichen Kollaps. Ran Ben Shimon war beim Stand von 0:3 nach 24 Minuten zu hören: „Wir müssen im Mittelfeld Zweikämpfe gewinnen, sie nehmen uns auseinander!“ Nach dem Match sprach er von „einer Erniedrigung“, er schäme sich: „Zuallererst müssen wir uns bei jedem zu Hause entschuldigen, der etwas von dieser Mannschaft erwartet hat.“ Manor Solomon, bei West Ham United unter Vertrag, spiegelte in seinen Aussagen nach dem Spiel den verbitterten defensiven Nationalismus, der sich der israelischen Sportpsyche bemächtigt hat. Die Gegner seien für die vergiftete Stimmung verantwortlich gewesen: „Sie haben dumme Dinge während des Spiels gesagt. Unser Land ist zehnmal besser als ihres, stärker, ein tolles Land mit tollen Menschen. Wir sind stolz, das Trikot zu tragen und stolz auf unsere Soldaten. Sollen sie ihre Tricks abziehen.“ Die Reaktion zeigt, dass sich die israelischen Sportler isolieren vor der weltweiten Kritik: Jede Niederlage führt sie weiter in ihre Opferrolle, in nationalistische Widerstandshaltung. Auch Heimir Hallgrimsson nutzte das Ergebnis, um das vorgefertigte, das irische politische Narrativ zu bedienen: „Die Spieler haben heute eine riesige Botschaft gesendet. Sie haben mit ihren Füßen gezeigt, dass sie stolze Iren sein wollen.“ Weder die eine noch die andere Seite war anschließend bereit, sich in die Realität ihres Gegners hineinzuversetzen. Für die Iren bot das Spiel die Gelegenheit zu einer Art theatralischer moralischer Reinigung, zu performativer Rechtschaffenheit. Die israelischen Kommentatoren, Offizielle und Aktivisten zimmerten weiter an ihrem Verteidigungsfort, an ihrer performativen Unschuld, dem aggressiven Trotz gegen vermeintliche internationale Ächtung. Das Spiel war eine Fußnote für Ideologen auf beiden Seiten. Fußball als von Menschen geteilte Unternehmung war von vornherein nicht vorgesehen, was sich abspielte, war ein Spiel zweier parallel geführter Monologe in einem leeren Stadion.
