Die Art, wie sich auf dem Hardcover-Schutzumschlag dieses schmalen Bändchens Bild und Titel aus einem tintigen Violett herausringen müssen, ist vielleicht keine Empfehlung für einen Schnellkauf, doch sie passt gut zu dem, was den Leser inhaltlich erwartet. Ist doch Irina Schostakowitschs Lebensbericht eine alles andere als freudvolle, in Teilen sogar düstere Lektüre – ein Gang in Zonen des sonst oft Unausgesprochenen oder nur Angedeuteten. In der Sache erfährt man dabei eigentlich nicht viel Neues über Dmitri Schostakowitschs letzte dreizehn Lebensjahre an der Seite seiner dritten Ehefrau. Doch man erfährt es aus einem Blickwinkel, der das nur Faktische hinter sich lässt und aus alltäglichen Einzelheiten und nüchternen Randbeobachtungen (etwa der immer noch eingeschränkten materiellen Lebenslage des Komponisten, als er schon lange eine Weltberühmtheit war) Atmosphärisches entstehen lässt, das nicht nur seine eigene Person, sondern in knapp gefassten Schlaglichtern auch viele seiner Freunde wie Widersacher umfasst und daraus das Bild einer bleiernen Zeit zusammensetzt, in der es zwar individuelle Tapferkeit und Verweigerung, aber kaum wirklich hoffnungsvolle Alternativen gab. Ein Bündnis des Vertrauens und der Vertrautheit Insofern gehen die Sätze Irinas und die Klänge ihres Mannes aus den gemeinsamen Jahren nach 1960 in vielem parallel: Hier wie dort dominieren Töne des Melancholischen und Skeptisch-Resignativen, denen gewiss nicht durch den offiziell propagierten gesellschaftlichen Optimismus, sondern nur durch einen tiefen Glauben an die Fähigkeit zu Freundschaft und Liebe zwischen einzelnen, sich geistig verwandt fühlenden Menschen begegnet werden konnte. „Zu zweit“ als Titel meint wohl genau das: weniger eine romantisch-filmsentimentale Beziehung zwischen den fast drei Lebensjahrzehnte voneinander entfernten Partnern als ein Bündnis des Vertrauens und der Vertrautheit gegen ein einengendes, manchmal feindliches Umfeld. Stalin, Chruschtschow oder Breschnew: Irina Antonowna macht deutlich, dass sich die einzelnen sowjetischen Herrschaftsperioden zwar hinsichtlich der unmittelbaren physischen Bedrohung für kritische Intellektuelle, aber kaum in ihrer geistigen Atmosphäre unterschieden und die Traumata seit den ersten politischen Frontalattacken den Künstler lebenslang prägten. Beide lernten sich über das geschriebene, nicht das komponierte Wort kennen; sie arbeitete als Textlektorin in einem seiner Musikverlage. Noten lesen konnte sie schlecht, aber dafür Autofahren, was für das praktische Zusammenleben vielleicht nicht weniger wichtig war, zumal sie ihren Mann nach der Heirat zu fast allen Aufführungen und Reisen begleitete und eine intime Kennerin seines Werkes wurde, dessen Pflege sie sich bis heute, als inzwischen über Neunzigjährige, immer noch widmet. Neue Fotos aus dem Privatarchiv Das vorliegende Buch, parallel zur deutschen Ausgabe auch in Moskau erschienen, ist der glückliche Nebenzweig eines von der Kulturjournalistin Elena Yakovich gegenüber der extrem verschlossenen Schostakowitsch-Witwe jahrelang vergeblich verfolgten und erst 2021 doch noch realisierten Filmprojektes. Yakovich, in dieser Konstellation eher Herausgeberin als Autorin, hat für den Film aus dem viele Stunden währenden Monolog Irinas nur Ausschnitte verwenden können. Hier nun erscheint er als ausformulierter, geschlossener Text, bisweilen durch die Journalistin quasi von der Seitenlinie her knapp kommentiert und um einige weitere zeitgenössische Erinnerungsbruchstücke an den vor fünfzig Jahren gestorbenen Komponisten ergänzt: ein sinnvolles Verfahren der Objektivierung, obwohl eben als Auswahl wiederum subjektiv und gewiss auch diskutierbar. Doch das träfe dann ja ebenfalls für die noch kaum oder überhaupt nie gesehenen Fotos aus Irina Schostakowitschs privatem Archiv zu, die wesentlich den – eher assoziativ als chronologisch geordneten und teils über die gemeinsam verlebte Zeit hinausgreifenden – Bildteil ausmachen. Vieles sind ersichtlich gestellte Motive, die dennoch, vor allem mit einigem Wissen um die den Künstler und seine Frau umgebenden Persönlichkeiten, große Suggestivkraft entfalten können. Was das Buch mit einiger Sicherheit vom Film unterscheiden dürfte, ist nicht zuletzt sein erstes, den Jahren vor der Begegnung mit Schostakowitsch gewidmetes Drittel: erschütternde Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend unter Kriegsbedingungen und speziell für die Einwohner Leningrads fast 900 Tage währenden Blockaden. Der schon berühmte Komponist wurde relativ schnell gerettet; das zur Waise gewordene junge Mädchen musste ein Jahr länger warten, wobei ihr Großvater noch nach der eigentlich rettenden Überquerung des Ladogasees erfror. Ein Satz wie „Meine Tante entschied, dass ich in einem Heim für Kinder, deren Eltern verhungert waren, untergebracht werden sollte“, müsste einen als Leser – auch dank der völlig pathosfreien Übersetzung Mark Heyers – eigentlich vereisen lassen; zumindest aber kann das lakonische und zwar illusions-, aber nicht hoffnungsfreie Gesprächsprotokoll der letzten Gefährtin Schostakowitschs in einer Zeit gewaltigen historischen Vergessens auch als Einspruch gegen politische Gedankenlosigkeit gelesen werden. Elena Yakovich: „Zu zweit“. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch. Aus dem Russischen von Mark Heyer. Jaron Verlag, Berlin 2025. 160 S., Abb., geb., 20,– €
