Das Urteil stand wohl schon fest, als Narges Mohammadi am Samstag aus einem Krankenhaus in Maschhad vor ein Revolutionsgericht gebracht wurde. Die iranische Friedensnobelpreisträgerin war Tage zuvor in den Hungerstreik getreten. Sie verzichtete auf eine Verteidigung, weil sie den Prozess ohnehin für illegitim hielt. Im Dezember war sie in Maschhad festgenommen worden. Sie hatte an der Beerdigung eines prominenten Menschenrechtsanwalts teilgenommen. Vor der Trauergemeinde stieg sie auf das Dach eines Autos und skandierte die Namen inhaftierter und getöteter Aktivisten. Das Revolutionsgericht sah darin „eine Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ und „Propaganda gegen das Regime“. Nun soll sie für weitere sieben Jahre in Haft. Schon seit Jahren führt die 53 Jahre alte Mohammadi ein Leben zwischen Haft und Gerichtsprozessen. Im Frauentrakt des Evin-Gefängnisses organisiert sie regelmäßig Protestaktionen gegen die Todesstrafe, gegen den Kopftuchzwang und für den Zugang von Häftlingen zu medizinischer Versorgung. Ihre Kinder sind ihr Sprachrohr Im Dezember 2024 wurde ihre Haft aus gesundheitlichen Gründen ausgesetzt. Sie durfte in ihr Haus in Teheran zurückkehren und Freunde treffen. Sie nutzte die Zeit, um Medien aus aller Welt Interviews zu geben. Dabei machte sie auch auf die harschen Haftbedingungen in Iran aufmerksam, die jetzt wohl auch für die Zehntausenden Demonstranten gelten, die in den vergangenen vier Wochen inhaftiert wurden. Über ihr Urteil kann Mohammadi selbst nicht öffentlich sprechen. Nur ein kurzer Anruf bei ihrem Anwalt wurde ihr gestattet. Ihre beiden Kinder, die 19 Jahre alten Zwillinge Kiana und Ali, sind ihr Sprachrohr. Sie leben im Exil in Paris, gemeinsam mit dem Vater, der selbst 14 Jahre in iranischer Haft verbracht hat. Seine Frau hat ihre Kinder seit 2015 nicht mehr gesehen. Die damals Achtjährigen sahen mit an, wie die Mutter abgeführt wurde. „Ich weiß nicht, ob sie mir vergeben werden“, sagte die studierte Physikerin vor einem Jahr in einem Interview mit der F.A.Z. Sie hoffe, dass sie Kiana und Ali je wiedersehen werde, um ihnen ihre Entscheidungen zu erklären. Die jüngste Protestbewegung, die kurz nach ihrer Festnahme begann, konnte Narges Mohammadi nur aus dem Gefängnis mitverfolgen. In ihrem Namen unterzeichnete ihre Familie Aufrufe für die Bildung einer „breiten nationalen Front, um ein Referendum und die Schaffung einer verfassunggebenden Versammlung zu organisieren“. Die Unterzeichner stehen für eine andere Strömung des Oppositionsspektrums als der Sohn des letzten Schahs Reza Pahlavi, dessen Protestaufruf im Januar Tausende Iraner gefolgt waren.
