FAZ 29.01.2026
14:04 Uhr

Iran-Sanktionen: Die Macht der Revolutionsgarde


Die EU will Irans mächtigste Institution als Terrororganisation einstufen. Sie dominiert nicht nur das Militär, sondern auch die Wirtschaft und die Politik.

Iran-Sanktionen: Die Macht der Revolutionsgarde

Der frühere iranische Außenminister Dschawad Zarif hat sich einmal bitterlich darüber beschwert, dass die Revolutionsgarde mehr Einfluss auf die Außenpolitik seines Landes habe als er selbst. Der damalige Kommandeur der Eliteeinheit Quds, Qassem Soleimani, habe ihm fast jedes Mal, wenn er mit ausländischen Mächten verhandelte, vorab diktiert, welche Forderungen er stellen und welche Ergebnisse er anstreben solle. Er selbst habe „null“ Einfluss gehabt, beklagte Zarif. Als Beispiel erzählte er, wie die Garde ihm nach dem versehentlichen Abschuss eines ukrainischen Zivilflugzeugs nach dem Start in Teheran das falsche Dementi diktiert habe. Seine Äußerungen stammen aus einem mitgeschnittenen Gespräch von 2021, das möglicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Die Revolutionswächter operieren in Iran wie ein Staat im Staate. Sie sind die führende militärische, wirtschaftliche und teils auch politische Macht im Land. Wenn sie als Terrororganisation eingestuft werden, wie die Europäische Union es nun tun will, bedeutet das kaum weniger, als die Islamische Republik selbst als Terrorregime zu qualifizieren. Sie schlugen die Proteste nieder Fachleute gehen davon aus, dass die Revolutionsgarde entscheidenden Einfluss auf die Nachfolge des 86 Jahre alten Obersten Führers Ali Khamenei haben wird. Manche prophezeien, dass die Islamische Republik künftig eher einer Militärdiktatur mit religiösem Anstrich gleichen könnte. In das Kalkül der Garde fließen nicht nur sicherheitspolitische Erwägungen ein, sondern auch ihre erheblichen wirtschaftlichen Interessen. Die Garde ist neben der regulären Armee ein Teil der iranischen Streitkräfte. Sie verfügt über eigene Boden-, Luft- und Marineeinheiten. Sie kontrolliert das Atom- und das Raketenprogramm und damit die strategische Ausrichtung des Landes. Die für Auslandseinsätze zuständige Quds-Brigade verantwortet die Zusammenarbeit mit irantreuen Milizen wie der Hizbullah, den Huthis im Jemen und, zumindest in der Vergangenheit, der Hamas. Gleichzeitig ist die Garde für die innere Sicherheit, die Sicherheit des Obersten Führers und den Erhalt des Systems der Islamischen Republik zuständig. Die blutige Niederschlagung der Proteste am 8. und 9. Januar mit Tausenden Toten wurde von der Garde und der ihr untergeordneten Basidsch-Miliz auf Befehl Khameneis orchestriert. Eine wichtige Rolle dabei spielte das sogenannte Sarallah-Hauptquartier in Teheran. Kontrolle über mehr als ein Fünftel der Wirtschaft Die Revolutionswächter kontrollieren außerdem Schätzungen zufolge mehr als 20 Prozent der iranischen Wirtschaftsleistung. Sie dominieren strategische Sektoren wie Bauwirtschaft, Transport, Häfen, Telekommunikation, Öl- und Gasförderung. Der Grundstein für das Wirtschaftsimperium wurde nach dem Iran-Irak-Krieg Ende der Achtzigerjahre gelegt. Unter dem Dach der Garde wurde das Bauunternehmen Khatam al-Anbiya gegründet, das beim Wiederaufbau helfen, demobilisierte Kämpfer und Kriegsveteranen beschäftigen sollte. Inzwischen ist es zu einem Konzern mit Hunderten Tochterfirmen angewachsen. Die Europäische Union hat 2008 Sanktionen gegen Khatam al-Anbiya verhängt. Über die Jahrzehnte haben die Revolutionswächter die Privatwirtschaft immer stärker in die Defensive gedrängt – dank ihrer politischen Kontakte. Außerdem haben sie Möglichkeiten, über ein undurchsichtiges Geflecht aus Tarnfirmen ausländische Sanktionen zu unterlaufen. Inzwischen betätigen sie sich in allen möglichen Branchen, sogar im Profifußball, im Tourismus und in der Versicherungswirtschaft. Der frühere Präsident Hassan Rouhani und der jetzige Präsident Massud Peseschkian haben immer wieder gefordert, die wirtschaftlichen Aktivitäten der Revolutionswächter einzuschränken, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu stärken – jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Da die Revolutionsgarde von der Schattenwirtschaft profitiert, wird ihr auch nachgesagt, kaum daran interessiert zu sein, auf eine Lockerung der internationalen Sanktionen hinzuarbeiten. Allerdings ist die Revolutionsgarde kein Monolith, sondern ein Geflecht aus Einflussnetzwerken. Der Kommandeur der Garde, Mohammad Pakpour, ist nicht ihr Anführer, sondern eine von vielen führenden Kräften, die von Khamenei installiert wurden und ihm gegenüber loyal sind. So gelang es Iran im Juni nach der Tötung zahlreicher ihrer Militärführer von Israel, weitgehend Kontinuität zu wahren. Nur Qassem Soleimani, der 2020 von den USA getötete Quds-Kommandeur, schien als Person alle anderen Gardisten zu überstrahlen. Großer Einfluss in der Politik Auch in der Politik ziehen die Revolutionswächter viele Fäden. Zum Beispiel ist der aktuelle Parlamentssprecher Mohammad Baqer Qalibaf ein früherer Kommandeur der Luftwaffe der Revolutionsgarde. Vor allem unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad (2005 bis 2013) rückten viele Funktionäre der Garde in politische Ämter auf. So gestand er ihnen 18 Posten in seinem Kabinett zu. Die Revolutionsgarde ist auch eine Institution, in der Tausende junge Iraner ihren obligatorischen Wehrdienst ableisten. Manche ziehen sie der regulären Armee vor, weil ihre Stützpunkte eher in den Städten als auf dem Land liegen und die Bedingungen dort oft weniger hart sind. Viele junge Iraner fürchten aber, dass die Terror-Listung der Revolutionsgarde durch die EU bedeutet, dass ihnen der Weg zu Reisen und Studium in Europa versperrt wird. Enge Beziehungen zu der Revolutionsgarde werden dem Sohn des Obersten Führers Modschtaba Khamenei nachgesagt. Deshalb gilt er auch als ein möglicher Nachfolger seines Vaters. Bislang ist aber wenig über ihn bekannt. Er scheut die Öffentlichkeit. Umso bemerkenswerter ist ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg, wonach der junge Khamenei hinter einem umfangreichen Firmengeflecht stehen soll. Dazu gehören demnach Hotels in Frankfurt und auf Mallorca, Luxusimmobilien in London und Dubai sowie Redereien im Persischen Golf und Schweizer Bankkonten. Die Firmen wurden bislang mit dem Banker Ali Ansari in Verbindung gebracht. Bloomberg schreibt unter Berufung auf „Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind“ sowie einen westlichen Geheimdienst, Ansari habe im Auftrag von Modschtaba Khamenei agiert, den er regelmäßig getroffen habe. Sogar die beiden mutmaßlichen Treffpunkte will Bloomberg kennen. Der Bericht ist auch deshalb politisch pikant, weil Irans Führer Khamenei sich stets als bescheiden und asketisch darstellen lässt. Sein Stabschef sagte einst über ihn, er verdiene weniger als das Durchschnittseinkommen. Auch wurde verbreitet: „Der Führer Irans ist nicht wie andere Staatschefs, die Millionen Dollar in Auslandskonten haben, die man beschlagnahmen und einfrieren kann.“