FAZ 16.01.2026
13:28 Uhr

Iran-Proteste: „Wir leben in ständiger Angst“


Die Proteste in Iran und die brutale Gewalt des Regimes bewegen viele Exiliraner in Deutschland. In Frankfurt zieht es die Unterstützer des Schah-Sohns Reza Pahlavi auf die Straße. Sie bangen um das Leben ihrer Verwandten.

Iran-Proteste: „Wir leben in ständiger Angst“

Hunderte Teelichter werden auf der Straße vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt angezündet, daneben legen die Menschen Blumen ab: rote, gelbe, weiße Rosen. Jede dort liegende Blume symbolisiere einen auf den Straßen iranischer Städte getöteten Demonstranten, sagt Siavash Barzegar. Der 50 Jahre alte IT-Unternehmer ist einer der Organisatoren der Mahnwache. Später wird er – auf Persisch – eine Rede halten. Und er wird die beinahe 300 Demonstranten, die zu der Protestaktion gekommen sind, zu Sprechchören anfeuern. „Mister Trump, act now“, werden sie rufen. Oder: „Weg, weg, weg, die Mörder müssen weg.“ Doch jetzt kramt Barzegar erst einmal sein Smartphone aus der Jackentasche. Er will uns die Fotos und Videos zeigen, die ihn aus Iran erreicht haben. Es sind schockierende Aufnahmen. Man sieht einen Platz voller Getöteter in Leichensäcken. Die Leichenhalle in dem Ort sei komplett überfüllt gewesen, darum habe man die Toten auf der Straße aufbahren müssen, sagt Barzegar. Er zeigt das Bild eines getöteten Mannes auf der Straße, um seinen Kopf eine riesengroße Blutlache. Er zeigt das Bild eines Körpers mit einer tiefen Schnittwunde im Bauch. Das Teheraner Regime hat, seit eine enorme Protestwelle das Land überrollt hat, die Verbindung der Iraner zur Außenwelt gekappt. Die Internet- und Telefonverbindungen sind tot. Doch manchen, so Barzegar, würde es dennoch mithilfe des Satellitennetzwerks Starlink gelingen, Fotos und Videos ins Ausland zu senden. „Wer solche Bilder verschickt, begibt sich in große Gefahr“, sagt der Aktivist. Auf die Proteste hat das iranische Regime mit einem Blutbad reagiert Barzegar geht davon aus, dass seit dem Beginn der Proteste mehr als 12.000 Demonstranten getötet wurden. Verifizieren lässt sich diese hohe Zahl nicht. Doch dass längst Tausende zu Opfern geworden sind, darin sind sich die allermeisten Menschenrechtsorganisationen einig. Auf die Proteste hat die iranische Führung mit einem Blutbad reagiert. Dagegen wird in vielen deutschen Städten protestiert. In Frankfurt gibt es nun beinahe täglich eine Mahnwache oder eine Demonstration. Sein Heimatland hat Barzegar im Jahr 2001 in Richtung Deutschland verlassen. In der exiliranischen Oppositionsbewegung ist er seit gut drei Jahren aktiv. Es war die Tötung der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini, die ihn politisiert hat. Im September 2022 wurde die junge Frau von Mitgliedern der Sittenpolizei wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kopftuchpflicht festgenommen und brutal geschlagen, höchstwahrscheinlich ist sie an den Folgen der Gewalt gestorben. Aminis Tod rief – unter dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“) – auch damals schon landesweite Proteste in Iran hervor. „Wir Iraner wollen jetzt Freiheit und eine säkulare Demokratie“, sagt Barzegar. Das Mullah-Regime kämpfe mittlerweile ums Überleben. Darum würden die Regierenden lügen: „Sie behaupten, die Menschen auf den Straßen wären Terroristen, doch das ist falsch: Es sind ganz normale Leute, ohne Waffen, die nun dort getötet werden.“ Aus den Protesten sei längst „eine Revolution“ geworden, glaubt Barzegar. „Niemand weiß, was in Iran los ist“ Einige seiner Familienmitglieder leben noch immer in Iran. Seit mehr als einer Woche habe er niemanden von ihnen erreicht. Er mache sich deshalb große Sorgen, sagt der Fünfzigjährige. „Wir haben jetzt ein richtig dunkles Land: Niemand weiß, was los ist.“ „Make Iran great again“, steht auf einem der Plakate, die die Demonstranten zum amerikanischen Generalkonsulat mitgebracht haben. „Silence is complicity“, liest man auf Englisch auf einem anderen: Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Viele Aktivisten tragen Schilder, auf denen die Köpfe von Donald Trump und des iranischen Oppositionellen Reza Pahlavi zu sehen sind. Sie wünschen sich, dass der amerikanische Präsident Pahlavi trifft und unterstützt. Pahlavi ist der älteste Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Iran, Mohammad Reza Pahlavi, und der früheren Kaiserin Farah Diba. Er sollte als Nachfolger seines Vaters das Land regieren, doch die Mullahs schlugen seine Familie in die Flucht. Heute mischt der mittlerweile Fünfundsechzigjährige sich von den Vereinigten Staaten aus in den Konflikt ein. Gerade erst hat Pahlavi die Aufständischen in Iran aufgefordert, nicht aufzugeben. Aus seinem sicheren Exil rief er sie auf, „das Zentrum der Städte zu erobern und zu halten“. Die Opposition ist uneinig über Pahlavi Für die Demonstranten in Frankfurt ist Pahlavi ein Held, ein Hoffnungsträger. Ihm trauen sie zu, die Opposition zu einen. Von ihm wünschen sie sich, dass er den Übergangsprozess anführen wird, der aus dem autoritär geführten Gottesstaat eine Demokratie macht. Anderen iranischen Oppositionellen fehlt dieses Vertrauen. Vor allem innerhalb der Linken und in der Frauenbewegung sind die Sorgen groß, Pahlavi könnte es darauf anlegen, die Monarchie wiederzubeleben. Eine mögliche Rückkehr der Pahlavi-Dynastie und einen neuen Schah sehen sie äußerst kritisch. Und auch die große Nähe von Pahlavi zu amerikanischen und israelischen Regierungsvertretern betrachten einige seiner Kontrahenten in der Opposition mit großer Skepsis. Dass er das Land und die Umstände dort nicht gut genug kenne, werfen ihm Kritiker vor. Farzaneh Ravesh teilt diese Bedenken nicht. Und sie glaubt auch, dass die Zustimmung für Pahlavi in Iran gewachsen ist. „Früher war das anders, aber jetzt unterstützen ihn wirklich viele“, meint sie. „Wir sind heute stolz darauf, wie Pahlavi für unsere Freiheit kämpft.“ Auch sie trägt ein Plakat in der Hand, auf dem Pahlavi und Trump vereint zu sehen sind. „Keiner will die Mullahs mehr“, sagt sie. Die 44 Jahre alte Ravesh ist Künstlerin, in Frankfurter Galerien hat sie schon mehrmals ihre Werke ausgestellt. In ihren expressiven Malereien setze sie sich schon länger mit der Situation in ihrem Heimatland auseinander, erzählt sie. In Iran habe sie selbst an einer Kunstschule unterrichtet, auch dort sei sie bereits politisch aktiv gewesen. 2017 ist sie emigriert. Ihre Tochter lebe weiterhin in Iran, sie studiere Grafikdesign in der Stadt Arak, berichtet Ravesh. Auch sie macht sich nun große Sorgen. Mehr als eine Woche sei es her, seit sie das letzte Mal mit ihrer Tochter telefoniert habe, erzählt sie. Sie kenne viele, denen es genauso gehe wie ihr, die von ihren Verwandten seit Tagen kein Lebenszeichen mehr erhalten haben. „Wir leben in ständiger Angst“, sagt sie. „Jede Nacht haben wir Angst.“