FAZ 06.05.2026
19:00 Uhr

Iran-Krieg: Das MRT gegen die Heliumkrise


Das Edelgas Helium ist für die meisten Diagnostikgeräte nötig. Wegen des Irankriegs droht es knapp zu werden. Philips hält mit beinahe heliumfreien Geräten dagegen. Der Konzern meldet eine steigende Nachfrage.

Iran-Krieg: Das MRT gegen die Heliumkrise

Der Medizintechnikkonzern Philips meldet zunehmende Nachfrage nach MRT-Geräten, die mit sehr wenig Helium auskommen. Diese neuen Magnetresonanztomographen gewinnen in Zeiten gestörter Lieferketten an Bedeutung, gerade jetzt wegen des Irankriegs. „Wir sehen die MRT-Aufträge in diesem Segment steigen“, sagte Vorstandsvorsitzender Roy Jakobs anlässlich der neuesten Quartalsbilanz. Schon im vergangenen stellte diese Variante – vom Konzern „heliumfrei“ genannt – die Mehrheit in den Verkaufsbüchern: „Vergangenes Jahr waren 75 Prozent unserer verkauften MR-Systeme heliumfrei“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Wer sich im Sport oder durch einen Unfall Sehnen oder Bänder reißt, bekommt selbst zu normalen Zeiten oft nur mit Mühe einen schnellen Termin beim Radiologen. Wenn Helium knapper wird, drohen die Wartezeiten sich zu verlängern. Das Edelgas wird in herkömmlichen Geräten in verflüssigter Form zur Kühlung auf extrem niedrige Temperaturen gebracht. Bis zu 1500 Liter Helium fasst das Kühlsystem eines klassischen MRT. Etwas davon entweicht je nach Dichtigkeit ständig, bei der Wartung der Magnete ist es ganz auszutauschen. Die Angaben variieren, aber global gehen 20 bis mehr als 30 Prozent alles Heliums auf der Welt in die Medizintechnik und dabei vor allem in MRT-Geräte. Jakobs bezifferte den Anteil am Mittwoch auf ein Drittel. 20 Prozent der Heliumkapazität seien durch die Nahostkrise betroffen. Der Rückgang werde nicht kurz andauern. „Das heißt, das wirkt sich tatsächlich auf die Fähigkeit aus, alle Patienten zu scannen, die es brauchen.“ Helium ist eine teurer werdende Ressource Schon seit Jahren gebe es Druck auf die Heliumressourcen, erläuterte im April Ioannis Panagiotelis, MRT-Spartenleiter des niederländischen Konzerns. „Die Lieferungen kommen weitgehend aus einer kleinen Zahl Länder, die Preise sind seit Jahrzehnten im Aufwärtstrend.“ Nach Berechnung der Deutschen Rohstoffagentur exportiert allein Qatar rund 40 Prozent des Heliums, das auf der Welt gehandelt wird. Nach einer iranischen Drohnenattacke auf das Ras-Laffan-Terminal im März sei die Produktion von Flüssigerdgas (LNG) und damit auch von Helium komplett eingestellt und „Force Majeure“ erklärt worden. Der Schiffstransport durch die Straße von Hormus ist stark eingeschränkt oder unterbrochen. 2018 brachte Philips ein erstes nahezu heliumfreies Gerät auf den Markt. Das Gerät mit dem Namen „BlueSeal“ braucht noch sieben Liter, bei der Wartung muss das Helium nicht ausgetauscht werden. Der deutsche Konkurrent Siemens Healthineers – hervorgegangen aus der alten Siemens-Medizintechniksparte – hat inzwischen Konkurrenzgeräte im Angebot. Das Gerät „Magnetom Flow“ soll mit 0,7 Liter auskommen. Beide Anbieter, Philips und Siemens, geben außerdem an, dass ihre jeweiligen Geräte viel weniger Energie verbrauchten als klassische MRT. Der Irankrieg wirkt sich noch auf andere Weise auf das Geschäft von Philips aus. Einkaufpreise steigen. Philips will das zum Teil an die Kunden weiterreichen. Im Hauptgeschäft Medizintechnik dürfte das nach Jakobs’ Worten schwieriger sein, weil die Verträge oft lang laufen. Anders ist es in der vergleichsweise kleinen Verbrauchersparte, die der frühere Mischkonzern Philips nach dem Verkauf seiner meisten Geschäftsfelder jetzt noch als einzige Sparte neben der Medizintechnik betreibt. Sie stellt Rasierer und Zahnbürsten her. Deren Preise dürften einfacher zu erhöhen sein. Die Verbrauchersparte steuerte im vergangenen Jahr rund ein Fünftel zum Konzernumsatz bei. Im ersten Quartal steigerte sie die Erlöse bereinigt um Währungseffekte deutlich überproportional um neun Prozent, während konzernweit der Umsatz währungsbereinigt um vier Prozent zulegte. Die operative Marge im Konsumentengeschäft übersteigt jene des restlichen Geschäfts weit. Philips erlöste in den ersten drei Monaten 3,9 Milliarden Euro. Die Prognose für das Gesamtjahr bleibt trotz gestiegener Kosten bestehen. Der Umsatz soll um 3,0 bis 4,5 Prozent zulegen und die operative Marge von 12,5 auf 13 Prozent.