FAZ 26.11.2025
20:49 Uhr

Investmentbanking: Globaler Fusionsmarkt steuert auf zweitbestes Jahr zu


Das Volumen an Übernahmen auf der Welt ist so hoch wie beinahe nie. Geht es so weiter, liegt das Gesamtjahr in dieser Hinsicht nur hinter 2021. Wie kann das sein bei all den Krisen?

Investmentbanking: Globaler Fusionsmarkt steuert auf zweitbestes Jahr zu

Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen steuert auf das zweitbeste Jahr der Geschichte zu. Im bisherigen Jahresverlauf summierte sich das Volumen an Mergers & Acquisitions (M&A) auf 4,3 Billionen Dollar, wie die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs aus Basis von Daten des Statistikdienstleisters Dealogic vorrechnet. Damit hat es schon jetzt den vierten Platz in der Statistik aller Gesamtjahre sicher – dürfte aber einschließlich der noch kommenden M&A-Transaktionen den höchsten Wert hinter dem Ausnahmejahr 2021 erreichen. Gemessen werden dabei allerdings nur die absoluten Werte, der Inflationseffekt wird nicht berechnet. Das Geschehen ist durch einen Aufschwung im bisherigen Verlauf des zweiten Halbjahrs geprägt. Der Oktober erwies sich aus Sicht der M&A-Profis als bisher bester Monat des Jahres – das summierte Volumen überstieg noch jenes im März, als der Markt florierte, bevor er nach Bekanntgabe der US-Zollpläne einbrach. Tibor Kossa, für Goldman Sachs Ko-Leiter des M&A-Geschäfts in Deutschland und Österreich, sieht den Anstieg als bemerkenswert angesichts des globalen Umfelds. Politische Wirren, weltwirtschaftliche Unsicherheit und schwankende Märkte tun dem Fusionsdrang der Unternehmen keinen Abbruch. „Das Überraschende ist, dass wir in so einem Umfeld, das extrem volatil, extrem komplex ist, diesen Anstieg an Transaktionen sehen“, sagte Kossa am Dienstag auf einer Präsentation vor Journalisten in Frankfurt. „Wir haben geopolitische Herausforderungen, wir haben immer wieder größere Volatilitäten an den Märkten gesehen, wir haben makroökonomische Herausforderungen.“ Als Erklärung für den Aufschwung verwies er zum einen darauf, dass sich die Aktien- und Kreditmärkte „überraschend robust“ zeigten. Zum anderen mit Blick nach vorn darauf, dass sich makroökonomische Zuversicht mit sinkenden Zinsen verbinde. Dazu kommt der technologische Umbruch, der eine Konsolidierung befördern könnte. Goldman Sachs rechnet das Volumen im bisherigen Jahresverlauf – Stichtag dafür war 14. November – auf 4,8 Billionen Dollar im Gesamtjahr hoch. Das läge in der vorliegenden Statistik unter den 6,0 Billionen Dollar von 2021, aber knapp über den Werten der Jahre 2007 (4,6 Billionen Dollar) und 2015 (4,5 Billionen Dollar) – in absoluten Zahlen, ohne Berücksichtigung dessen, wie viel mehr ein Dollar in jenen Jahren wert war. Finanzinvestoren stützen das Geschäft Legt man das Volumen in den ersten zehneinhalb Monaten des Jahres zugrunde, so lag der Wert gut ein Drittel (37 Prozent) über dem Betrag der Vergleichsperiode des Vorjahres. Überproportional trugen dazu Nord- und Südamerika bei, unterproportional die Region Europa/Nahost/Afrika (Emea). Die größte Transaktion in Deutschland liefert in diesem Jahr bisher der niederländische Stromnetzbetreiber Tennet: Er verkauft einen Anteil an seiner deutschen Tochtergesellschaft an institutionelle Investoren. An zweiter Stelle folgt der Chemiekonzern BASF, der seine Farben- und Lackesparte an den Finanzinvestor Carlyle abgibt. Unter den größten zehn Transaktionen in Emea findet sich keine Transaktion mit deutscher Beteiligung. Finanzinvestoren – im Branchen­sprech „Sponsoren“ genannt – bestätigen ihre Rolle als wichtige Treiber des M&A-Geschehens. „Viele Unternehmen sind schon sehr, sehr lange in Sponsoren-Besitz“, sagte Christopher Droege, Kossas Kollege als Ko-Leiter des M&A-Geschäfts in Deutschland und Österreich. Private Equity trug global in den ersten neun Monaten 37 Prozent zum M&A-Geschehen bei, wie die Investmentbank Morgan Stanley vorrechnet. Der Wert fällt so hoch aus wie nie im zurückliegenden Jahrzehnt. Mehr als die Hälfte der Beteiligungen liegt länger als fünf Jahre in den Portefeuilles, ein Drittel mehr als sieben Jahre, das erläuterte bei einer Präsentation kürzlich Jens Maurer, Morgan Stanleys Leiter Investmentbanking für Deutschland und Österreich. Der Druck zu „Exits“ steigt, also zu Ausstiegen, ob über einen Direktverkauf oder einen Börsengang (Initial Public Offering, IPO). „Die globale Exit-Aktivität zieht leicht an, das IPO-Fenster in Europa bleibt vorerst geschlossen“, befindet die Beratungsgesellschaft KPMG in einer neu­en Analyse der Beteiligungsbranche.