FAZ 15.01.2026
14:30 Uhr

Interview zu „Silent Friend“: „Unsere menschliche Wahrnehmung ist nur eine von vielen“


In „Silent Friend“ lässt Ildikó Enyedi einen Ginkgobaum über ein Jahrhundert hinweg zum Beobachter menschlicher Neugier werden. Im Gespräch erklärt sie, warum Pflanzen für sie denkende Wesen sind – und weshalb sie in Marburg drehen musste.

Interview zu „Silent Friend“: „Unsere menschliche Wahrnehmung ist nur eine von vielen“

Frau Enyedi, Ihr Film „Silent Friend“ folgt einem Ginkgobaum und den Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, über hundert Jahre. Wie ist diese ungewöhnliche Idee entstanden? Bereits um die Jahrtausendwende hatte ich „Simon mágus“ gedreht, in dem eine Topfpflanze bei der Aufklärung eines Mordes hilft. Und dann fragte eines Tages der Produzent Karl Baumgartner, dessen Tod ich bis heute betrauere, ob wir nicht gemeinsam einen Film über Pflanzen machen wollten. Den ersten Entwurf des Drehbuchs konnte er noch lesen, bevor er 2014 gestorben ist. Bei mir kamen aber einige andere Filmprojekte dazwischen – und erst nachdem ich „Die Geschichte meiner Frau“ 2021 abgeschlossen hatte, nahm ich mir das Skript wieder vor. Große Teile des Films sind in Marburg gedreht. Der Ginkgobaum, um den der Film kreist, steht dort im Alten Bota­nischen Garten. Wie kamen Sie auf Marburg? Ich war vor rund 35 Jahren zum ersten Mal in Marburg, mit meinem Ehemann, der in den Siebzigerjahren dort studiert hatte. Er erzählte leidenschaftlich von der Universität und der intensiven Zeit der Studentenunruhen. Ich hatte Ähnliches erlebt, denn ich war damals Gast an der Universität in Montpellier; ich konnte an die Erfahrungen meines Mannes in Marburg anknüpfen. Er zeigte mir also damals die Stadt, und mir war sofort klar, dass ich hier einen Film drehen musste: Es ist klein, hat diese dramatischen Höhenunterschiede – das macht’s ideal zum Drehen – und diese städtebauliche Ausnahme, dass mitten in der Stadt der Alte Botanische Garten liegt. In den vergangenen 35 Jahren habe ich gesehen, wie sich einige Bäume hier verändern. Da gab es zum Beispiel diese wunderschöne Trauerweide neben einem kleinen Teich. Heute liegt ihr Stamm neben dem Wasser – aber der Baumstumpf ist nicht tot, da summen viele Insekten, und kleine Tiere haben dort ihren Wohnraum gefunden. Dieser Ort ist so lebendig. Beim Ginkgo aber mussten wir etwas schummeln. Wie das? Wir zeigen den Baum ja in verschiedenen Wachstumsstadien, es sind also drei verschiedene Ginkgos im Film zu sehen. Obendrein stand der Baum in Marburg nicht an einer idealen Position für den Dreh. Also suchten wir nach Alternativen; den prächtigen Baum, der so oft gezeigt wird, fanden wir in Ungarn. Es geht in „Silent Friend“ aber nicht nur um den Baum, sondern vor allem um die Wissenschaftler, die in seiner Umgebung an der Universität arbeiten. Wir folgen drei Forscherinnen und Forschern, springen dabei in ihre jeweiligen Zeiten, sehen den Beginn des 20. Jahrhunderts in Schwarz-Weiß, die Siebzigerjahre in satten Farben und die verlassenen Campusgebäude während der Corona-Pandemie in kühlen Tönen. Gemeinsam haben alle drei Wissenschaftler das Studienfeld: Sie untersuchen, wie Pflanzen mit ihrer Umwelt interagieren. Wie viel davon beruht auf echter Forschung? Oh, das stimmt alles. Für die Vorlesung, die der Hauptdarsteller Tony Leung im Film hält, habe ich mich bei der amerikanischen Psychologin Alison Gopnik bedient. Sie ist eine mutige Forscherin auf dem Gebiet der kognitiven und sprachlichen Entwicklung. Die von Léa Seydoux gespielte Forscherin beruht auf dem Vorbild der australischen Ökologin Monika Gagliano. Und großen Einfluss auf die Neurologie im Film hatte der britische Neurowissenschaftler Anil Seth. Er geht in seiner Forschung der Frage nach, was eigentlich Bewusstsein ausmacht. Wir zeigen, dass das menschliche Bewusstsein nur eine Ausprägung davon ist. Im Film will beispielsweise der von Leung verkörperte Forscher beim Ginkgo messen, wie der Baum auf Umwelteinflüsse reagiert. Wir haben mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet, die die Experimente, die wir da zeigen, gegengecheckt haben. In der Episode aus den Siebzigerjahren versucht der Student Hannes ein Interface zu bauen, um die Interaktion mit seiner Geranie aufzuzeichnen. Dieses Gerät stammt aus dem Bestand eines Forschers, der genau solche Experimente damals durchgeführt hat. Selbst diese sehr spielerischen Sachen, wie die Idee, dass die Pflanze dem Jungen dann die Tür öffnet, beruhen auf echten Forschungsideen. Sehr oft musste ich im Film an Donna Haraway und ihre Thesen zu Verwandtschaft und „companion species“, also dem harmonischen Zusammenleben unterschiedlicher Spezies, denken. Ich bin sehr erfreut, dass Sie diese ­Verbindung ziehen. Das ist genau die Richtung, in der ich diesen Film auch dachte. Lassen Sie uns kurz ein wenig über die Erzählstruktur sprechen: hundert Jahre, drei Wissenschaftler, ein Baum. Wie haben Sie das entwickelt? Na ja, wenn einmal feststeht, dass der Baum im Mittelpunkt stehen soll, passiert da nicht viel an einem Tag. Man braucht also Zeit. Und ich wollte zeigen, dass unsere menschliche Wahrnehmung nur eine von vielen Möglichkeiten der Wahrnehmung ist. Und sie ist ein soziales Konstrukt. Auch das wollte ich über die hundert Jahre erzählen; wie wir Menschen uns gegeneinander verhalten, ­ändert sich im Laufe der Zeit. Wir sehen beispielsweise eine junge Frau um die Jahrhundertwende, die als erste Studentin in Marburg zugelassen wird, sich aber zum Teil widerlichen Vor­urteilen der alten Professoren gegenübersieht . . . Richtig, und diese Zeit ist sehr streng in der Einhaltung der Regeln. Es gibt da diese kleinen Absperrungen zwischen Wegen und Grünflächen, man darf den Rasen nicht betreten. Der radikale Wandel kommt in den Siebzigern – diese totalen, naiven Freiheitswünsche der jungen Leute, die den Rahmen unseres Zusammenlebens sowohl im Politischen wie im Privaten anders denken wollten. Und diese Veränderung lässt sich gerade im Film hervorragend darstellen: aus den akkuraten Haarschnitten der Studenten werden lange Mähnen, alle sitzen auf dem Rasen, tragen T-Shirts. Insekten schwirren durch die Sommerluft, alles vibriert vor Leben. Und dann kommt ein weiterer Sprung ins 21. Jahrhundert, wo wiederum alles von durchdringender Genauigkeit ist und eine leichte Entfremdung in der Luft liegt. Die Leute laufen allein durch diese riesigen Räume. Das hat eine enge Verbindung zu der Ängstlichkeit und Sorge, die wir heute erleben. Sie vollziehen mit diesen drei Teilen auch einen dialektischen Wechsel: vom sehr Strengen über das komplett Freie hin zu einem Zustand, der beide diese Elemente verbindet und irgendwie dazwischenliegt. Ich warte ja seit fünfzig Jahren darauf, dass die Siebziger mal in einer anderen Form zurückkehren. Sie sind aber auch ein Fan von Klassik; ich war überrascht, wie viel Goethe in „Silent Friend“ enthalten ist. Oh ja, das ist ein ziemlicher Goethe-Film geworden. Sein Ansatz, Wissenschaft zu betreiben, ging von dem gängigen Newton’schen Modell ab, dass der Forscher wie ein gottgleiches objektives Wesen ­beobachtet und nicht Teil des Versuchs ist. Gerade bezogen auf die Pflanzen­studien, folgt man heute also dieser ­Goethe-Idee. Sie selbst haben Ökonomie studiert. Ich habe mich dabei sehr auf die mathematischen Modelle verlegt, die Werkzeuge, die ich dort erlernt habe, eröffneten mir die Gelegenheit, wenn auch amateurhaft, mich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen. Ich habe davon einen großen Respekt vor diesen leidenschaftlichen Forschern behalten. Es ist also kein Zufall, dass dieser Film sich um eine Universität dreht, an der verschiedene Generationen zusammentreffen und junge Leute Kurse besuchen, nicht um ihre Credit-Points und Abschlüsse zu erhalten, sondern um Wissensdurst und ihre notwendigerweise naive Neugier zu befriedigen. Das finde ich wunderschön – und ich ­sehe, wie sehr das heute unter Beschuss steht. Auch gegen diese Angriffe auf die Wissenschaft richtet sich der Film.