FAZ 28.07.2026
07:43 Uhr

Interview mit dem LBBW-Chef: „Das Streichen eines Feiertags ist nicht unmenschlich“


Die Deutschen arbeiten zu wenig, findet Rainer Neske. Der Chef der Landesbank Baden-Württemberg über unnötige Feiertage, ausufernde Bankvorschriften und den Verkauf der Commerzbank.

Interview mit dem LBBW-Chef: „Das Streichen eines Feiertags ist nicht unmenschlich“

Herr Neske, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) bekommt vor Ort mit, wie es der Autoindustrie und dem Mittelstand geht. Wie schlimm ist die Lage? Ich erlebe, dass die Unternehmen dabei sind, sich der neuen Realität konsequent zu stellen und sich anzupassen. Veränderungen werden angestoßen, auch schmerzhafte. Das ist sehr zu begrüßen. Das klingt gut. Aber erleben wir nicht in Wahrheit, dass immer mehr Mittelständler darüber nachdenken, Deutschland den Rücken zu kehren? Die Unternehmen gehen nicht weg, aber es stimmt schon: Sie stärken ihre Geschäfte im Ausland und restrukturieren teilweise hierzulande. Es ist ja kein Geheimnis, dass das größte Daimler-Werk in Europa mittlerweile in Ungarn steht und nicht mehr in Sindelfingen. Das müssen wir so zur Kenntnis nehmen, das ist ein notwendiger Anpassungsprozess, der mit den hohen Produktionskosten hierzulande zu tun hat. Insofern bin ich für viele Unternehmen zuversichtlicher als für den Standort Deutschland. Für diesen bleiben es extrem herausfordernde Zeiten. Wer ist schuld daran – die Politik oder eher Einflüsse von außen wie Donald Trump und seine Zölle? Wir haben aus meiner Sicht in Deutschland zwei grundsätzliche Probleme. Das Erste ist, dass wir zur Schwarz-Weiß-Malerei neigen. Entweder ist alles super, oder es ist alles furchtbar. Ich ermuntere aber zum nüchternen Blick auf die Wirklichkeit, und da muss man differenzieren. Natürlich gibt es Unternehmen, die aufgrund der Zollsituation ihre Produktionsstandorte verändern müssen. Aber es gibt auch Unternehmen, denen es losgelöst von den Zöllen sehr gut geht. Denken Sie nur einmal an all die Entwickler von Lüftungstechnik, die in neuen Rechenzentren zum Einsatz kommt. Oder an Tiefbaufirmen, die die Nachfrage kaum noch bedienen können. Das zweite Problem schwingt schon in Ihrer Fragestellung mit: Wir haben in Deutschland die fatale Neigung, nach hinten zu schauen und uns weniger damit zu beschäftigen, was nach vorne heraus geht. Tun Sie uns den Gefallen, und schauen Sie trotzdem einmal zurück: Wer trägt Verantwortung für die missliche Situation? Machen wir uns nichts vor: Wir haben alle unseren Teil dazu beigetragen. Das fängt bei der Politik an, die Unternehmen und Sozialpartner können sich aber ebenfalls nicht davon frei machen. Sie haben sich zu lange wohlgefühlt mit dem, was sie hatten und was sie verteilen konnten. Das Phänomen betrifft zudem die Gesellschaft als Ganze. Die Ansprüche des Einzelnen an den Staat sind über die Jahre immer mehr gewachsen, zugleich herrscht eine irritierende Form der Risikoaversion. Die Leute wollen den kompletten Schutz durch den Staat. Des Weiteren kann man nicht nur Dinge vom Staat fordern, sondern muss auch selbst etwas zum Fortgang beitragen. Ohne zusätzlichen Arbeitseinsatz wird es auch nicht gehen. Sie haben wiederholt gefordert, einen Feiertag zu streichen. Beliebtheitspunkte sammeln Sie so nicht. Ich weiß, dass dies äußerst unpopulär ist, aber man muss sagen, was ist. Der Blick ins Ausland zeigt: Das Streichen eines Feiertags ist nicht unmenschlich. Es muss aber auch in den vielen Tarifverhandlungen, auf die Deutschland demnächst zuläuft, darum gehen, das Wohlergehen des Standorts zu sichern und zu steigern. Und ein Hebel dafür ist eben, mehr zu arbeiten. Die Statistiken sprechen hier eine klare Sprache: In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren ist Deutschland auf diesem Feld klar zurückgefallen. Da müssen wir wieder aufholen. Können Sie es verstehen, wenn manch einer sich bei solchen Forderungen fragt: Was will der eigentlich von mir? Ich kann durchaus nachvollziehen, dass dies den ein oder anderen irritiert. Aber wir brauchen gemeinsam den Ehrgeiz, wieder nach vorne zu kommen. Es geht darum, den Wohlstand für unsere Kinder zu sichern. Wir bürden der jüngeren Generation so viele Lasten auf – höhere Schulden, die Kosten fürs Sozialsystem und für die nachhaltige Transformation, um nur drei Beispiele zu nennen. Und dann sind wir nicht einmal bereit, im Gegenzug zwei Stunden länger in der Woche zu arbeiten? Das löst nicht alle unsere Probleme. Trotzdem wäre es ein wichtiger Beitrag. Müssen wir unbedingt länger arbeiten? Wir könnten ja auch mehr Arbeit in der gleichen Zeit schaffen. Wir sind international so weit abgeschlagen mit den Arbeitsstunden, dass Mehrarbeit der erste und einfachste Hebel ist. Sie haben allerdings recht, dass sich echte Produktivitätsfortschritte nur auf anderem Wege erreichen lassen. Viele bahnbrechende Innovationen kommen heute aus dem Ausland, denken Sie nur an Künstliche Intelligenz und Robotik. Gerade Letzteres war mal ein Bereich, ähnlich wie Photovoltaik und Windkraft, wo wir ganz vorne dabei waren. Heute ist die Herzkammer der Innovation vielfach nach China abgewandert. Was ich damit sagen will, ist: Wir müssen wieder mehr in Innovation hier am Standort Deutschland investieren. Und es gibt viele Hebel, an denen wir ansetzen müssen. Wir können die unangenehmen Wahrheiten nicht einfach aussparen. Setzt die Politik mit ihren jüngsten Reformbeschlüssen an den richtigen Stellen an? Die Reformen sind ein erster Schritt auf einem sehr langen Weg in die richtige Richtung. Es ist ein erster Hoffnungsschimmer, mehr aber auch nicht. Wir müssen Geduld haben, von einer Entscheidung bis zur Umsetzung vergeht eben Zeit. Übertriebene Erwartungen wären fehl am Platze. Als Bank können Sie sich doch eigentlich nichts Besseres wünschen als die enormen Gelder, die die Bundesregierung für Infrastruktur ausgibt. Das ist ein regelrechtes Konjunkturprogramm für Ihre Branche. So würde ich das nicht bezeichnen. Auch wenn Sonderprogramme und Sondervermögen zu einer steigenden Kreditnachfrage führen, es sind Schulden, die bezahlt werden müssen. Wir haben in Deutschland als eines der wenigen Länder die Beinfreiheit dafür, müssen aber auch sorgsam damit umgehen. Investitionen in unsere Infrastruktur sind richtig, Tankrabatte gehören aber nicht dazu. Am liebsten wäre es mir, wenn wir die Wirtschaft hierzulande wieder richtig ans Laufen brächten, anstatt auf staatliche Nachfrage zu vertrauen. Fallen in Branchen, die nicht unmittelbar vom Staatsgeld profitieren, nun mehr Kredite aus? Wir sehen Ausfälle, aber nicht flächendeckend. Unternehmen, die sich anpassen, bleiben üblicherweise kreditfähig. Schwierig wird es bei Unternehmen, die technologisch abgehängt sind. Ist die LBBW ausreichend darauf vorbereitet? Ihre Risikovorsorge ist zuletzt sogar gesunken. Diese Frage höre ich immer wieder. Man sollte nicht pauschal von dem, was man in den Wirtschaftsnachrichten hört, auf die einzelnen Unternehmen schließen, die mit uns Geschäfte machen. Die meisten sind in der Lage, sich auf die veränderten Rahmenbedingungen einzustellen und sich auf dem Weltmarkt zu behaupten. Klar, die Maschinenbauer und die Automobilzulieferer müssen sich am meisten anstrengen. Wir sehen im Moment jedoch keine dramatische Verschärfung der Risikosituation. Die ersten Banken wünschen sich schon wieder weniger Regulierung. Ist das auch Ihre Meinung? Ich werde Ihnen jetzt nicht den Gefallen tun und hier pauschal nach weniger Bankenregulierung rufen. Ich habe zu Zeiten der Finanzkrise unmittelbar mitbekommen, dass das System dringend mehr Regeln benötigte. Aber wie stets im Leben sind Maß und Mitte entscheidend. Es braucht Eigenkapitalvorschriften und Vorschriften zur Liquidität, die eine Bank vorhalten muss, aber auch Banken müssen unterschiedlich sein dürfen. Seit Beginn der Finanzkrise haben wir stetig steigende Vorschriften, es werden immer mehr. Inzwischen sind wir bei mehr als 6400 detaillierten Rechtsnormen, das führt definitiv nicht zu mehr Sicherheit. Die deutsche Finanzszene beschäftigt derzeit vor allem die Übernahmeauseinandersetzung zwischen der Commerzbank und Unicredit. Wie stehen Sie dazu? Wenn es zu der Übernahme kommt, wonach es ja aussieht, würde da definitiv eine europäische Großbank entstehen. Und solche Banken brauchen wir, um im Wettbewerb gegen amerikanische Banken zu bestehen. Das schaffen Sie nicht allein mit regionalen Instituten, auch wenn die wichtig sind. Wir können in Europa ja nicht ständig von einer Kapitalmarkt- und Bankenunion reden und dann länderübergreifende Zusammenschlüsse nicht wollen. Auch wenn es im konkreten Fall sehr wehtut: Das eine gehört unmittelbar zu dem anderen dazu. Herr Neske, Sie haben in den 1980er-Jahren Informatik studiert, bevor Sie bei Deutscher Bank und LBBW Karriere gemacht haben. Würden Sie jungen Leuten heute noch zu dem Studium raten? Unbedingt. Das Berufsbild hat sich immer schon stark verändert, aber wohl nie so dramatisch wie jetzt in Zeiten von KI. Insofern kann ich verstehen, wenn dem ein oder anderen da Zweifel kommen. Aber ich bin überzeugt davon, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz Informatiker besser machen wird, ohne sie vollständig zu ersetzen. Das beobachte ich übrigens auch im eigenen Haus, wo wir überproportional viele IT-Fachkräfte einstellen. Softwarekompetenz wird heute überall gebraucht, in der Bank und beim Maschinenbau. Ich sehe da phantastische Möglichkeiten. Ich hätte fast Lust, selbst noch einmal anzufangen.