FAZ 10.02.2026
14:00 Uhr

Interview mit Archäologen: „Wir sind nicht zum Krieg verdammt“


Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf? Archäologe Harald Meller widerspricht:  Die menschliche Spezies sei sehr kooperativ und habe die längste Zeit ihrer Existenz friedlich zusammengelebt.

Interview mit Archäologen: „Wir sind nicht zum Krieg verdammt“

Herr Meller, gemeinsam mit dem Evolutionsbiologen Carel van Schaik und dem Historiker Kai Michel haben Sie ein Buch geschrieben, das sich um die These dreht, dass der Mensch nicht zum Krieg verdammt ist. Wie kommen Sie darauf angesichts der vielen Kriege in der Welt? Es scheint nahezuliegen, anzunehmen, dass uns unsere kriegerische Natur immer wieder schicksalhaft ereilt. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist der Krieg mit all seinen Schrecknissen zurück. Anders, als es in den großen Menschheitsschriften von Gilgamesch, Ilias, Odyssee über die Bibel, den Koran, die Dramen Shakespeares oder heute in Game of Thrones erscheint, ist der Krieg nicht ewig. Er spielt erst erstaunlich kurz eine Rolle in der Menschheitsgeschichte: 99 Prozent der Evolution kamen die Menschen ohne ihn aus. Zwar gab es Fälle individueller Gewalt, die Vorgeschichte war jedoch kein Krieg aller gegen alle, wie immer wieder behauptet wird. Aber dadurch, dass man sich in Geschichtsdarstellungen im Allgemeinen auf jene gut 5000 Jahre konzentriert, in denen Menschen in Staaten lebten und zu denen es schriftliche Quellen gibt, entsteht der Eindruck, dass die Geschichte eine endlose Aneinanderreihung von Schlachten sei. In Ihrem Buch heißt es, wir Menschen seien die „netten Affen“ . . . Das ist zugespitzt formuliert gegen die alten Narrative, dass der biblische Brudermörder Kain unser Stammvater und der Mensch ohnehin des Menschen Wolf sei. Tatsächlich hat die Wissenschaft in den letzten Jahren überzeugend herausgearbeitet, dass wir eine höchst kooperative und höchst solidarische Spezies sind, die viel mehr davon profitierte, die Köpfe zusammenzustecken als sie sich gegenseitig einzuschlagen. Sie haben vorgeschlagen, dieses Gespräch im Museum „Lützen 1632“ vor einem hier im Block geborgenen, senkrecht aufgestellten Massengrab mit 47 Skeletten zu führen. Unterstreicht dieses Memento mori nicht gerade die kriegerische Natur des Menschen? Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Die Schlacht an diesem Ort bei Leipzig war eine der blutigsten und folgenreichsten des Dreißigjährigen Kriegs. Neben 6000 bis 9000 Soldaten aus verschiedenen europäischen Ländern starben in Lützen auch der kaiserliche General Pappenheim und der schwedische König Gustav II. Adolf, der sich an der Spitze eines Kavallerieregiments ins Getümmel stürzte. Während der Leichnam des Königs in einer Prozession nach Schweden gebracht wurde, bis heute in Stockholm neben anderen Königen in einem Marmorsarg ruht und als Retter des Glaubens verehrt wird, sind die Abertausenden einfachen Gefallenen in Vergessenheit geraten. Die Bauern, die sie begraben mussten, nahmen deren Kleidung, Stiefel und andere Habseligkeiten an sich. Dann stapelten sie die geplünderten Leichname, ob Freund, ob Feind, in mühsam von Hand ausgehobenen Massengräbern. Allein der letzte Tote liegt zuoberst mit Blick zum Himmel in der Pose des gekreuzigten Christus. Dies mag Zufall sein, doch glaube ich, dass Absicht dahintersteckte. Man kann das als anklagenden Kommentar auf einen fürchterlichen langen Krieg deuten, den beide Seiten im Namen Gottes erbarmungslos führten, als Zeichen der Sehnsucht nach einem Ende der Kämpfe. Menschen wollen Frieden. Für mich ist das Massengrab ein höchst aktuelles Mahnmal gegen den Krieg. Wie das? Seit der Schlacht sind beinahe 400 Jahre vergangen. Weil es die gängige Narration vor Augen führt, die zur Rechtfertigung religiös oder ideologisch verbrämt ist und den Herrschenden nutzt. Fast ausschließlich handelt es sich um Diktatoren wie Hitler, um Demagogen, Autokraten, Despoten. Putin behauptet, in der Ukraine gegen Nazis zu kämpfen, oder wirft dem Westen vor, der eigentliche Aggressor zu sein. Ein gängiges Muster der Schuldumkehr, weil Verteidigungskriege im Gegensatz zu Angriffskriegen als legitim wahrgenommen werden und es ja auch sind. Wann wurde der Krieg erfunden? Lange glaubte man, das sei in der Jungsteinzeit mit dem Beginn der Landwirtschaft auf höchst fruchtbaren und deshalb umkämpften Böden gewesen. Menschen waren jedoch in manchen Regionen bereits zuvor, in der Mittelsteinzeit, zumindest über längere Zeit im Jahr sesshaft. Als sich nach dem Kälteeinbruch der jüngeren Dryaszeit ab etwa 9600 vor Christus das Klima stabilisierte, entstanden komplexere Gesellschaften mit ausgeprägter Sesshaftigkeit. Zwar lebten die Menschen an den meisten Plätzen friedlich nebeneinander. Aber bereits aus dieser Zeit stammen die frühesten Waffen, die ausschließlich dem Töten von Menschen dienten, sogenannte Scheibenkeulen. Einen guten Jagdgrund, einen Flussabschnitt mit vielen Lachsen oder eine Meeresbucht, wo man Wale jagen kann, gibt man nicht so einfach auf, man verteidigt solche Territorien gegen Eindringlinge. Und je mehr sich die Landwirtschaft ausbreitete, desto mehr Land wird von Gruppen als Eigentum mit zunehmend festen Grenzen betrachtet. Besitz ist ein Kriegstreiber? Ja. Und Eigentum entfaltet eine Dynamik. Weil Land eine begrenzte Ressource ist. Weil es in der Männerlinie vererbt wird, was eine fortwährende Quelle der Gewalt ist. Es kommt zu Brudermorden und Erbfolgekriegen. Die Geschichte des Krieges ist eng mit der Geschichte von Staaten verbunden, die wie in Uruk, Ur, Assur, Babylon oder Ägypten Despotien waren. Nun wird der Krieg geradezu verherrlicht. Gibt es dafür auch archäologische Belege? Viele! Auf ägyptischen Tempelanlagen etwa finden sich Reliefdarstellungen von abgehackten Händen von Feinden, die vor dem Pharao aufgestapelt sind. Wir bewundern die Pyramiden und vergessen dabei, dass es sich bei den Pharaonen um selbst ernannte Götter handelte, die absolute Macht beanspruchten. Auch die Sklaverei spielt in diesem System eine wichtige Rolle. Die Sklaverei ist für mich übrigens der beste Beweis dafür, dass man eine fragwürdige kulturelle Errungenschaft überwinden kann. Sie schien über Jahrtausende wie der Krieg naturgegeben. Und doch gelang es als Folge der Aufklärung, den Skandal Sklaverei weitgehend abzuschaffen. Sosehr der Krieg als schicksals­gegeben angesehen wird, so merkwürdig vernachlässigt wird an den meisten deutschen Hochschulen seine Erforschung. Eine Schlachtfeldarchäologie gab es – abgesehen von den Grabungen zur Varusschlacht – hierzulande anders als in Großbritannien oder Schweden schon gar nicht, bis Sie 2008 in Halle den ersten Kongress organisierten . . . Manche Kollegen hatten mir damals geraten, lieber die Finger davon zu lassen. „Das ist was für Schatzgräber“, sagten die einen, die anderen warnten davor, dass man sich dann ja auch mit den Weltkriegen befassen müsse und bestimmt schnell dem Vorwurf des Revisionismus ausgesetzt sei. Kam es dazu? Nein. Wir haben mittlerweile viele wichtige Grabungen auch aus dieser Zeit gehabt. Unter anderem haben wir die Reste eines Lagers für französische Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs bei Quedlinburg erkundet. Wir haben die Schlachtfelder viel zu lange den Hobby-Sondengängern und Raubgräbern überlassen. Besonders schlimm finde ich, wenn diese Leute Erkennungsmarken plündern. Angehörige hoffen oft noch in zweiter und dritter Generation auf die Klärung des Schicksals ihrer gefallenen Familienmitglieder. Ohne Erkennungsmarke ist das so gut wie ausgeschlossen. Es ist so, als verlören die Toten zum zweiten Mal ihre Identität. Mittlerweile ist die „Archäologie der Moderne“ in Deutschland etabliert, und auch über die Schlachtfeldarchäologie rümpft niemand mehr die Nase. Welchen besonderen wissenschaftlichen Mehrwert der Kriegsarchäologie sehen Sie? Nehmen wir die Schlacht von Lützen. Viele wichtige Informationen sind Teil der historischen Überlieferung – die Aufmarschpläne, auf denen die Truppenbewegungen mit Balken und Pfeilen dargestellt sind, oder zeitgenössische Quellen. Aber diese Berichte sind oft erst einige Zeit nach der Schlacht geschrieben worden. Und jeder Autor schrieb aus seiner Interessenlage. Wir haben hier mehr als einen Quadratkilometer des Schlachtfelds fünf Jahre lang mit Metallsonden erkundet und mehrere Tausend Einzelfunde geborgen. Die Verteilung der Bleigeschosse aus Musketen, Karabinern und Pistolen ermöglichte Rückschlüsse auf den Schlachtverlauf. Und das Massengrab – ein ungestörter, so gut erhaltener Befund von ähnlich hohem wissenschaftlichem Potential ist von keinem anderen Schlachtfeld des Dreißigjährigen Kriegs bekannt. Was gab das Massengrab preis? Anthropologen und Gerichtsmedizinern gelang es, Alter, Herkunft, Krankheiten, Verletzungen und Hinweise zur Ernährung festzustellen. Das Grab erlaubt es, die Herkunft jedes einzelnen Soldaten zu bestimmen, seine Lebensbedingungen und die Ursache seines Todes zu erfassen. Die Knochen weisen Hieb- und Stichspuren auf. Viele Schädel haben Einschusslöcher, in manchen lagen noch die Bleikugeln. Das Grab ist ein einzigartiger Zugang zur Realität des Dreißigjährigen Kriegs. Sie waren schon oft bei Führungen für Schulklassen dabei. Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf das Grab? Ich bin immer wieder berührt. Stehen Schulkassen vor dem Grab, wird es still, niemand daddelt mehr auf seinem Handy. Diese Toten sprechen zu dir. Du erfasst dieses bildgewaltige Mahnmal augenblicklich als Antikriegsmonument. Das Grab ist das einzige, das auf diesem großen Schlachtfeld bisher auffindbar war. Wo sind die anderen Toten? Oft sind die nicht sonderlich tief angelegten Gräber Opfer des Pflugs geworden. Oft aber haben die armen Bauern die Gräber geöffnet, um die Knochen wirtschaftlich zu verwerten. Die Skelettteile wurden in Knochenmühlen zerkleinert, um das Mehl auf die Felder zu streuen oder den Dünger zu verkaufen. Oder Salpetersieder gruben die Leichname aus, um Kaliumnitrat zu gewinnen, das – welch bittere Ironie –  zur Herstellung von Schwarzpulver für den Krieg gebraucht wurde.