Piloten auf Nachtflügen fiel als Ersten auf, dass etwas anders war. Erfahrene Flieger wissen, wie auf ihren Routen üblicherweise die Sternenkonstellationen am Nachthimmel aussehen. Noch in den Fünfzigerjahren waren die Sterne auf ihren bekannten Positionen sogar elementar für die Navigation über den Ozeanen, per Sextant wurde so der Standort des Flugzeugs bestimmt. Doch seit Beginn dieses Jahrzehnts tauchen Lichterketten am Himmel auf, die es vorher nicht gab, und es handelt sich weder um eine optische Täuschung noch um Außerirdische. Dahinter steckt der reichste und einer der umstrittensten Männer der Welt: Elon Musk. Sein Unternehmen Starlink hat seit 2019 rund 9400 Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen stationiert, so viele und so dicht beieinander, dass sie aus Flugzeugen wie Lichterketten erscheinen. Damit bringt Starlink Hochgeschwindigkeits-Internetzugang auch in sehr abgelegene Regionen, etwa Polargebiete, oder Länder wie Iran oder die Ukraine, wo aus politischen oder militärischen Gründen kein flächendeckender Netzempfang möglich ist. Ein unbekanntes Sternenbild Doch den weitreichendsten Effekt spüren Flugreisende seit geraumer Zeit an Bord von Airlines wie Air France-KLM, Air Baltic, SAS, Qatar Airways und ab diesem Jahr auch Kunden der ersten Gesellschaften der Lufthansa-Gruppe: Internetzugang im Flugzeug auf nie gekannte Weise. Gratis, ohne mühselige Registrierungs- und Bezahlprozeduren und vor allem oft schneller als zu Hause oder im Büro am Boden – und das vom Moment des Einsteigens ins Flugzeug bis zum Aussteigen am Ziel. Gate to Gate, ohne Aussetzer. Es ist eine Internetrevolution über den Wolken, mit allen positiven und negativen Folgen. Eine der finalen Zonen des modernen Lebens, in denen Fluggäste am Boden zurückbleibenden Menschen glaubwürdig versichern konnten, „ich bin dann mal weg“, will sagen offline, verschwindet unwiderruflich. Videokonferenzen jetzt auch hoch über den Wolken Einige Stunden auch während der Arbeitszeit nicht vom Chef behelligt zu werden oder den Zwang, an digitalen Meetings teilzunehmen, nonchalant ignorieren zu können, dieser Freiraum verschwindet für Geschäftsreisende. Und für alle Passagiere die überraschende Chance, stattdessen mal ein Buch zu lesen, nachzudenken oder einfach nichts zu tun. Starlink-Internet ist so schnell und leistungsfähig, dass es für die meisten Nutzer sogar einen fühlbaren Fortschritt zu dem darstellt, wie sie sonst verbunden sind. Das liegt an den vielen Satelliten, über 14.000 sollen es noch werden, die in erdnahen Umlaufbahnen von 160 bis 2000 Kilometer Höhe kreisen und mit geringer Latenz (Verzögerung) funktionieren. Die Wege, die Daten mit Lichtgeschwindigkeit zurücklegen, sind so viel kürzer. Die bisher genutzten, 36.000 Kilometer über dem Äquator positionierten geostationären Satelliten sind viel weiter entfernt. Ihre Latenz liegt daher bei 600 Millisekunden, während Starlink es unter 99 Millisekunden schafft. So wird das Streaming ruckelfrei, Telefonate oder Videokonferenzen sind in Echtzeit ohne Verzögerung möglich, sogar Onlinegaming zwischen Passagieren und Mitspielern am Boden klappt. An Bord soll es trotzdem ruhig bleiben Wer jetzt Angst vor notorisch lautstarkem Geschrei ins Handy oder Gezeter vor den Bildschirmen an Bord hat, kann erst mal beruhigt ein. Airlines wie SAS, die Starlink schon an Bord haben, erlauben es nur, sich als Zuhörer in einen Call oder Livestream zuzuschalten. Aktive Telefonate oder Videocalls in der Luft sind nicht gestattet. Technisch lässt sich das zwar nicht unterbinden, doch die Fluggäste halten sich offenbar daran. „Ich bin bei meinen Flügen mit Starlink-Internet noch nie einem Problempassagier begegnet“, sagt ein skandinavischer Vielflieger. Kabinencrews freuen sich über die neuen Systeme, waren sie es doch bisher, die bei den ständigen Unregelmäßigkeiten der Bordkommunikation helfen mussten. Und selbst für weniger internetaffine Passagiere ist es ein Quantensprung an Komfort und Bequemlichkeit. Bisher konnte allein schon die Registrierung ziemlich zäh sein: Wann öffnet endlich das Fenster, wie lange dauert es, bis die Zahlung per Kreditkarte durchgeht? Und ist das endlich geschafft, ist dann überhaupt eine Internetverbindung vorhanden? Und wie störungsfrei läuft die? Wenn viele Passagiere gleichzeitig surften, sank für den einzelnen Nutzer die verfügbare Bandbreite spürbar. Geschäftsreisende konnten mit dem bisherigen Angebot nie zuverlässig davon ausgehen, an Bord produktiv arbeiten zu können. Zumal selbst im Idealfall, wenn alles funktionierte, die Datengeschwindigkeit im Download bei etwa fünf Megabits pro Sekunde (Mbit/s) lag. Download von Filmen in Rekordgeschwindigkeit Starlink verspricht dagegen Download-Geschwindigkeiten von 135 bis 310 Mbit/s, wobei auch 450 Mbit/s möglich seien. Zum Vergleich: Netflix empfiehlt für Streaming in 720p-Qualität drei Mbit/s, Youtube 2,5 Mbit/s. Ein Passagier brüstete sich kürzlich damit, auf einem Flug via Starlink den 194 Minuten langen Spielfilm „Titanic“ in HD-Qualität in nur anderthalb Minuten heruntergeladen zu haben. Über den Wolken. Und ohne Kosten für den Datenlink. „Unsere Passagiere sollen das so intensiv nutzen wie möglich, zum Streamen oder zu was sie sonst Lust haben“, ermutigt SAS-Produktchef Aron Backström seine Kundschaft zur Daten-Völlerei. Die Airline zahlt pro Flugzeug, nicht nach genutzter Datenmenge. Ein echter Gamechanger. Denn wer heute etwa in der Lufthansa Allegris Business Class Langstrecke fliegt, also schon viel Geld für sein Ticket hingelegt hat, wird immer noch mit 25 Euro für die Internetnutzung während des ganzen Flugs zur Kasse gebeten. Das soll sich zumindest für jene Kunden noch dieses Jahr ändern, die in den ersten Lufthansa-Jets mit Starlink an Bord (bis 2029 soll es in allen etwa 850 Flugzeugen der gesamten Gruppe verfügbar sein) unterwegs sind. Kaum eine Airline kann sich dem Sog entziehen Dort gilt dann das Starlink-Geschäftsprinzip: Die Airline zahlt für den Einbau der Hardware und die Satellitennutzung, für Passagiere ist sie umsonst. Die meisten Airlines (auch Lufthansa und Töchter wie Swiss, Austrian und Brussels) verlangen allerdings die Mitgliedschaft oder einen Status im Vielfliegerprogramm oder die Registrierung einer Travel ID, also eines Nutzerkontos. Für die Fluggesellschaften ist das ein großes Investment, aber der Fall Lufthansa zeigt, dass sie keine andere Wahl haben. Starlink (und ein paar andere, wesentlich kleinere Anbieter) werden mit dem schnellen Datenlink jetzt zum Branchenstandard. Eigentlich hatte Lufthansa gerade begonnen, ein neues System zusammen mit der Deutschen Telekom zu installieren, das auch auf terrestrische Datenverbindungen bei europäischen Flügen über Land zugreift. Die SPD-Bundestagsfraktion kritisierte denn auch prompt die Kehrtwende der Lufthansa, den „herausragenden Netzbetreiber Telekom“ zugunsten von Starlink auszubooten, als „gravierenden Fehler“. Die Airline mache sich abhängig vom „problematischen“ Elon Musk. Ein User im Netz spottete: „Kann denen mal jemand erklären, dass die Telekom schlicht nichts anzubieten hat wie Starlink?“ Gerade Geschäftsreisende, davon geht die Branche aus, wechseln künftig zu Airlines, die Starlink-Komfort bieten. Also traut sich keiner, außen vor zu bleiben. Bis auf einen: Michael O’Leary, Chef des Billigfliegers Ryanair. Der ließ wissen, Starlink lohne sich nicht für Europas größte Airline, weil diese meist kurze Flüge anbiete und nur fünf bis zehn Prozent der Fluggäste bereit seien, dafür extra zu bezahlen. Die nötigen Antennen oben auf dem Flugzeug würden zudem bei seiner großen Flotte zu 20 Prozent höherem Spritverbrauch führen, was sich im Jahr auf bis zu eine Viertelmilliarde Euro Extrakosten summieren würde. Dabei sind die Starlink-Antennen viel kleiner und leichter als bisherige Empfänger und kommen ohne bewegliche Teile aus. In rund fünf Jahren würde zwar auch Ryanair kostenloses Internet an Bord bieten müssen, räumte O’Leary ein, aber derzeit rechne sich das nicht. Billigflieger Easyjet sagt das Gleiche. Weil mit Michael O’Leary aber ein Riesenego auf das noch größere Ego von Elon Musk prallte, der Ire mit dem Vermögen von gut einer Milliarde Euro auf den geschätzt 775-fachen Dollarmilliardär Elon Musk, beharkten sich die beiden vor Kurzem im Netz gegenseitig als „Idioten“. So schön die neue Internetwelt im Flugzeug bald sein wird: Manchmal ist es vielleicht doch ganz ratsam, offline zu sein.
