FAZ 23.02.2026
13:30 Uhr

Integration von Ukrainern: Vier Jahre in Deutschland und immer noch kein Job


Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sind viele  Flüchtlinge nach Hessen gekommen. Hier Arbeit zu finden, fällt vielen schwer, das liegt nicht nur an der Sprache.

Integration von Ukrainern: Vier Jahre in Deutschland und immer noch kein Job

Im März 2022 war Charkiw immer wieder das Ziel russischer Bomben. Die Menschen suchten Schutz in U-Bahn-Stationen. In dem Vorort, in dem Yana Klyzhenko mit ihrer dreizehnjährigen Tochter lebte, gab es keine U-Bahn und auch sonst kaum Schutzräume. Ohne solche „Bunker“ habe sie sich schutzlos gefühlt. „Darum sind wir geflüchtet“, sagt die dunkelhaarige Frau. Das ist jetzt fast vier Jahre her. In ihrer Heimat war Klyzhenko als Psychologin tätig. Hier lebt sie von Grundsicherung (Bürgergeld). In ihrem alten Beruf kann sie nicht arbeiten,  denn ihr ukrainischer Abschluss wird in Deutschland nicht anerkannt. Sie müsste eine Weiterbildung absolvieren, um als Psychologin arbeiten zu können, berichtet sie in fließendem Deutsch. Das hat sie in mehreren  Sprachkursen gelernt und inzwischen das C1-Zertifikat erhalten, das für höher qualifizierte Tätigkeiten erforderlich ist. Sie möchte möglichst bald arbeiten und nicht noch drei weitere Jahre lernen und auf Hilfe angewiesen sein. Ihren Berufswunsch hat sie angepasst. Sie sucht nun eine Abstellung im sozialen Bereich, etwa bei einem Sozialamt oder in einem Jobcenter. „Ich möchte Menschen unterstützen“, sagt sie. Menschen, die in einer ähnlichen Lage wie sie sind. Sie darf sie dann zwar nicht psychologisch beraten, kann dafür aber als Lotsin im Dickicht von Formularen, Zuständigkeiten und Fristen helfen. „Aktuell schreibe ich viele Bewerbungen, habe auch Vorstellungsgespräche, doch eine feste Stelle habe ich bislang nicht gefunden“, berichtet sie. Zu tun hat Klyzhenko dennoch, denn sie engagiert sich ehrenamtlich im Frankfurter Ukrainian Coordination Center (UCC). Dort betreut sie erwachsene Landsleute und Kinder, die ebenfalls vor dem Krieg geflohen sind und Unterstützung brauchen, um das Erlebte verarbeiten zu können. Wie Yana Klyzhenko geht es vielen Ukrainern in Hessen. Wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit auf Anfrage mitteilt, beziehen rund 55.500 ukrainische Flüchtlinge in Hessen Grundsicherung – Stand September 2025. Im Vorjahr waren es noch rund 60.000. Arbeitsvermittlungen scheiterten vor allem an fehlenden Sprachkenntnissen und der Anerkennung von Abschlüssen, heißt es dort. Das zeigt auch eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: 75 Prozent der Flüchtlinge verfügten über einen beruflichen Abschluss oder einen Hochschulabschluss, doch nur 20 Prozent hätten für ihren Abschluss bislang eine Anerkennung erhalten. Doch es gibt noch andere Hindernisse: Die Mehrheit der erwerbsfähigen ukrainischen Flüchtlinge sind nach Angaben der Arbeitsagenturen Frauen. Im September des vergangenen Jahres waren rund 26.000 Frauen und 15.200 Männer mit ukrainischer Staatsangehörigkeit in Hessen gemeldet. Viele der Frauen haben Kinder und können oft nicht arbeiten, weil ein Kita- oder Hortplatz fehlt. So stehen nach Angaben der Arbeitsagenturen knapp 22.700 Personen dem Arbeitsmarkt wegen Pflege oder Erziehung von Angehörigen oder Kindern nicht zur Verfügung, andere besuchten Integrationskurse und Fördermaßnahmen oder machten eine Ausbildung. 400 Bewerbungen bis zum Arbeitsvertrag Insgesamt ist die Bereitschaft zur Erwerbstätigkeit nach Angaben der  Bundesagentur für Arbeit aber sehr hoch. Ein Beispiel dafür, dass es bei einer guten Ausbildung und Sprachkenntnissen gut laufen kann, ist die Juristin Svitlana Prokopenko. Seit April des vergangenen Jahres arbeitet die junge Frau in Frankfurt bei American Express als Risikomanagerin. „Bis dahin war es allerdings ein langer und steiniger Weg“, sagt sie. Rund acht Monate habe es gedauert, bis sie endlich einen Arbeitsvertrag in den Händen hielt. „Ich habe fast 400 Bewerbungen abgeschickt“, berichtet sie. Davor habe es nur Absagen gegeben. Wie Yana Klyzhenko kommt Prokopenko aus Charkiw. „Wir hatten ständig Angst, und Flucht erschien uns die einzige Lösung“, sagt sie. Im August 2022 kam sie nach Frankfurt. In der Ukraine hatte sie internationales Recht studiert – mit einem Auslandssemester in Kiel. Ein paar Wörter Deutsch sprach sie also schon. Das inzwischen nahezu fließende Deutsch „habe ich mir einfach zu Hause selbst beigebracht“, sagt die Einunddreißigjährige. Sie ist hier inzwischen ganz angekommen und kann sich eine Rückkehr in die Ukraine nicht mehr vorstellen. In Frankfurt habe sie nicht nur ihren Traumjob, sondern auch ihre große Liebe gefunden. In Hessen haben nach Angaben der Arbeitsagenturen aktuell fast 24.000 Ukrainer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – gegenüber knapp 17.500 Menschen im Vorjahr. Zusätzlich gehen 4700 Flüchtlinge einer geringfügigen Beschäftigung nach. Der von der Bundesagentur für Arbeit Ende 2023 eingeführte Jobturbo hat nach deren Aussage die Vermittlung von ukrainischen Geflüchteten durch intensivere Beratung und Betreuung stark verbessert. Die Erwerbstätigenquote sei weiter im Aufwärtstrend. Jobs von Ukrainern für Ukrainer Dafür sorgen auch die Unternehmerinnen Viktoriia Ivanova und Alina Kerste-Gavriluk. Ivanova betreibt den Kosmetiksalon „Angeli“ in Frankfurt, in dem sie sechs Mitarbeiterinnen aus Charkiw und Mariupol beschäftigt, die ebenfalls vor dem Krieg geflohen sind. Schon in der Ukraine arbeitete Ivanova als Kosmetikerin. Nach ihrer Ankunft in Deutschland im Jahr 2022 benötigte sie lediglich ein neues Zertifikat, dann stand der Selbständigkeit nichts mehr im Weg. Bürgergeld zu beantragen, kam für sie nicht infrage. Unterstützung erhielt sie auch von ihrem Mann. „Einer unserer drei Söhne lebt mit dem Downsyndrom, deshalb durfte mein Mann zusammen mit uns das Land verlassen“, berichtet Ivanova. Männer im wehrfähigen Alter können legal nur in Ausnahmefällen aus der Ukraine ausreisen. Auch er hat in Frankfurt Arbeit gefunden – als Angestellter im Vertrieb für Heizungsgeräte. Dem Ehepaar ist damit gelungen, was vielen anderen schwerfällt: beruflich an das frühere Leben anzuknüpfen. Neben ihrer Selbständigkeit besucht Ivanova vier Stunden in der Woche einen C1-Deutschkurs auf eigene Kosten, „damit ich meine Kundinnen noch besser beraten kann“, erklärt sie. Kerste-Gravriluk betreibt zusammen mit ihrer Familie das „Hotel an der Messe“. Sie kam schon im Jahr 1992 nach Deutschland und beschäftigt heute 17 geflüchtete Landsleute – „mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter“, sagt sie. Dass viele der Ukrainer arbeiten möchten, bestätigt auch Viktoriia von Rosen, Leiterin der Organisation UCC. Probleme bei der Vermittlung sieht sie durch die bürokratischen Anforderungen. Die seien für die meisten nur mit Hilfe zu bewältigen. Sie kritisiert außerdem, dass Sprachkurse nur bis zum B2-Niveau, das für viele Jobs nicht reicht, gefördert würden. Danach erhielten die Flüchtlinge oft Jobangebote, für die sie eigentlich überqualifiziert seien. „Alle Frauen sollen in Bäckereien oder putzen“, sagt sie. Viele Hilfsorganisationen kritisieren außerdem den Plan der Bundesregierung, dass Ukrainer, die nach dem 1. April 2025 nach Deutschland kommen, künftig kein Bürgergeld mehr erhalten sollen. Die Flüchtlinge fielen dann unter das Asylbewerberleistungsgesetz – dann sind nicht mehr die Jobcenter, sondern die Sozialämter der Kommunen für sie zuständig. Das führe zu einem hohen zusätzlichen Verwaltungsaufwand, so ein Sprecher der hessischen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Die Bundesregierung erhofft sich so Einsparungen. Während in Berlin über Zuständigkeiten und Einsparungen noch diskutiert wird, spricht Yana Klyzhenko in Frankfurt mit Flüchtlingen über ihr Leiden im Krieg. Bei vielen gelingt die Integration auf Anhieb, andere haben Schwierigkeiten, vielleicht auch Pech. Pech auch, weil inzwischen die Konjunktur schwächelt und das die Arbeitsmarktsituation belastet. Klyzhenko hofft, gemeinsam mit ihnen eine Lösung zu finden.